Hans

Faschingsmondclip Nr. 6

Ihr Lieben,

fast schien alle Intelligenz direkt in die Landesbuchhaltung und in den intellektuell unterversorgten unabhängigen Verwaltungssenat geflossen, aber nur fast. Der UVS will mich immer noch für meinen Gesang auf der Bundesstraße abstrafen. Das Echo aus den Amtsstuben war kaiserlich und königlich. Langsam wurde mir klar, warum die Monarchie untergehen musste. Sie zu verteidigen benötigten die Staatsdiener immer ein Jahr Vorlauf, bis sie schließlich die Pferde im Stall ließen und auf Hundertsteln einherritten. Inzwischen hat sich bei mir ein Projektstau ergeben. Nicht zufällig daher der Gedanke an aussterbende Berufe im öffentlichen Dienst.

Gute Unterhaltung mit dem Li-La-Locher, Helau und Schabau wünscht

Hans Fraeulin.

Der Li-La-Locher

Ausgestorbenen Berufen wird oft mehr als keine Träne nachgewunken. Ich erinnere an den Eisernen Gustav, der mit seinem Fiaker von Berlin nach Paris fuhr, als das Pferdedroschkengeschäft von modernen Taxis übernommen wurde und Tausende auf seinem Weg aus dem märkischen Sand in die europäische Metropole die damals gebräuchlichen Taschentücher schwenkten. Ich bekenne, mich selbst an solchen Nachrufen beteiligt zu haben. Mit Osservatore Bassena habe ich den Setzern, Metteuren, Redakteuren, Revisoren und Korrektoren im damaligen Zeitungsgeschäft ein wohl nicht sehr schmeichelhaftes Denkmal gesetzt – die Zeitungskritik nahm übel – hätte aber längst meinen Meister finden können, wenn ich ihn je gesucht hätte. Serge Gainsbourg und seinen Abgesang auf den Li-La-Locher habe ich auf Youtube eher zufällig entdeckt, nachdem ich nicht ganz kapierte, was Jean Faure, alter Kamerad aus frohen Gesangsstunden, in sein Repertoire aufgenommen hatte. Ich gebe gern zu, dass das französische Original Le Poinçonneur des Lilas nicht halb so gut klingt wie meine deutsche Übersetzung Der Li-La-Locher. Hat doch Nöstlinger-Qualität, oder? Tschi-Tschej-Wischer, ist doch von ihr, der bekannten Kinderbuchautorin, nicht wahr? Nun kamen die Ginzburgs aus einer Gegend, wo immer schon besser Deutsch gesprochen wurde als im Rest der Monarchie, und Nachfahre Serge, den französisches Liebesgestammel weltberühmt gemacht hat, wird sicher an Lirum-Larum-Löffelstiel gedacht haben, als er sich für den fleißigen Locher interessierte. Dafür ist des Lochers segensreiches Wirken auf Französisch leichter nachzuvollziehen, schon damals für die jungen Rebellen im Pariser Mai 68, die wussten, dass keine Lilien gepiesackt werden sollten, als sie sich ob der bei Tageslicht ausgebrochenen Unruhe massenweise unter Tage flüchteten, wo unser Locher ungerührt und eisern wie Gustav Hartmann seinen Dienst versah und die Tickets lochte, ohne groß mit den Worten von Ernst Jandl aufgefordert zu werden: So loch doch schon. Ich kannte die Poinçonneurs von Ostern 68, wo ich nicht in Paris hätte sein sollen sondern in Berlin, war aber als umgepolter Marlon Brando in der Metro unterwegs, hätte wohl allen Grund zur Rebellion gehabt, rebellierte aber noch nicht, also kein Rebel without a Cause und, wie sich später herausstellte, stets zur falschen Zeit am falschen Ort. Als ich Jahre danach am Berliner Wittenbergplatz einen Demonstrantensturm auf die U-Bahnschächte erlebte, wie ich dort just ans Tageslicht wollte, gab es längst keine Fahrkartenschalterbeamten mehr, auch nicht in Paris, auch nicht an der Porte des Lilas. So endet die Geschichte mit der romantischen Vorstellung von einem mit Lilien geschmückten Stadttor, nicht ohne den Hinweis auf den einsam im Finstern lebenden Lochgott im sonntäglichen Standard, den Link auf Youtube als Vollmondclip Nr. 6 und mit der freundlichen Empfehlung der CD von Jean Faure et son orchestre: Les grands succès, die großen Erfolge, aufgenommen im Bonner Pantheon am Feiertag für alle fleißigen und anständigen Hackler, wie die MA-Locher in Wien genannt werden, wo mit der U-Bahn gleich die Pings eingeführt wurden. Fahrkartenbestempelungsautomat müssten sie auf Amtsdeutsch heißen. Die Kronenzeitung würde wahrheitswidrig Stummer Diener schreiben und die von ihr so genannten Stummen Verkäufer, wie sie die sonntäglichen Nylonsackerln nennt, mit Glöckchen ausstatten, die immer klingeln, wenn wieder einmal ihre wertvolle Ware gestohlen wird. Im Pantheon zu Bonn, wo die Götter von Theater und Comedy unter Tage hausen, hat Jean große Erfolge gefeiert, vor allem mit dem Schicksalslied aller Bonnerinnen und Bonner, das eindringlich schildert, wie wir durch die Eisenbahn alle zu Experten für Diesseits und Jenseits wurden. Habe ich als Vollmondclip bereits ins Netz gestellt - leider noch nicht sein Heimatlied aus der Fremde mit der erschütternden Erkenntnis: „Ach ihr kennt das Leben nicht, unter dem rheinischen Joch, und diesen Mond überm Bonner Loch.“ Das gibt es wirklich und ist die Heimstatt aller Penner, Punks und Polizei. Pauses Pink-Punk-Pantheon nennt sich der dortige von Rainer Pause und Norbert Allich geleitete Karneval, dem wir in Graz nur ein lahmes lirum-larum-leilei-Leiern entgegenhalten können. Unsere Zeitung ist klein wie die Löcher im Schnee. „Yellow snow“, sang einst Frank Zappa, „yellow snow, don’t you eat that yellow snow“, und mit „…where the Huskies go“, benannte er auch gleich die Ursache allen Übels, das besonders bei Kindern sehr beliebt ist, die sich den heilsamen Schnee gern um den Mund schmieren, wenn sie der wöchentliche gemeinsame Spaziergang wie üblich langweilt. So ist aus diesem Streifzug durch Loch und Tube doch noch eine Sonntagsgeschichte geworden, die ich dem modernen Musikgeschäft zurufend in polyglotter Abwandlung einer bekannten Zauberformel der altösterreichischen Diplomatie beschließen möchte: „Alii gerunt belli, not you, felix Austria, tube!“

Vollmondclip Nr. 6

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