Hans

Neunter Vollmondbrief

Stalinistisch

Es kommt nicht jeden Tag vor, dass ich öffentlich als stalinistisch und leninistisch beschimpft werde, aber im anonymen Österreich. Ich war als gelernter Staatswissenschaftler schwer beleidigt, nicht wenigstens auch noch als trotzkistisch, maoistisch und anarcho-syndikalistisch verleumdet zu werden. Was habe ich verbrochen? Ich habe eine Plakatwand an einem Brückengeländer des Landes angebracht und eine Wandzeitung aufgehängt, auf der dafür geworben wurde, zu einer Volksbefragung für den Erhalt der Volksschule hinzugehen. Ein Rollkommando der Straßenmeisterei hat sie zerlegt, während wir mit den Hochwasserschäden beschäftigt waren.

48 Kinder

Bei der Volksbefragung haben sich 1097 Wahlberechtigte in Sonntagskleidung zu ihren Wahllokalen begeben, um sich für 48 Kinder einzusetzen, welche in unserem Stadtbezirk als schulpflichtig neu registriert sind. 15 Kinder wurden in der Volksschule angemeldet. Das Land weigert sich, eine Lehrerin dafür zur Verfügung zu stellen und die Stadt will die Schule im nächsten Jahr zusperren.

Salut

Meine Verehrung den alten Leuten in der Nachbarschaft, die sich verantwortlich fühlten, die Volksschule zu erhalten. In den direkt betroffenen Wahlsprengeln haben sich 46 und 43 Prozent aufgemacht. Wenn wir bedenken, dass es gerade noch einmal 4,5 Prozent Volksschulkinder gibt – eine kleine radikale Minderheit – wissen wir das Engagement der Alten einzuschätzen und lernen es zu schätzen.

Ständestaat

Der Bürgermeister von Graz bemäkelte, dass nur 24 Prozent zur Volksbefragung hingegangen sind. Dass er selbst gerade einmal von 21 Prozent als Bürgermeister würdig befunden wurde, hat er vergessen. Das haben Dollfuß und Hitler auch „vergessen“, als sie an die Macht gekommen sind. Deren erklärte Absicht war es, die Demokratie mit ihren Mitteln zu erobern und dann zu zerschlagen. Jedenfalls lässt Siegfried Nagl jeden Respekt gegenüber demokratischen Entscheidungen vermissen, wenn sie ihm nicht in den Kram passen. Warum hat er im Vorfeld der Befragung nicht tüchtig Werbung dafür gemacht, mit Nein zu stimmen? Dann wären sicher mehr als acht Stimmen für seine Politik des Zusperrens herausgekommen, vielleicht neun. Wo waren die 42 Prozent, welche bei der letzten Bezirksratswahl für die ÖVP gestimmt haben?

Ständestaat 2

Die tapfere Vollmondbriefleserschaft wird sich vielleicht erinnern, wie ich die Kulturpolitik von Christian Buchmann, gleichfalls ÖVP, gegeißelt habe, es würden mit den vielen Räten und Beiräten ständestaatliche Strukturen geschaffen. Auch Waltraud Klasnic hat sich als Kulturreferentin einen Landeskulturbeirat angeschafft, der eine Evaluierungskommission bildete, welche über Sein oder Nichtsein eingereichter Projekte entschied. Bisher war ich nur Opfer dieser Verfahren, weil ich mit dem Kulturklüngel in diesem Land nichts zu tun haben will. Mir fehlen einfach die Arschkriecherqualitäten. Nähere Angaben dazu im Attachment.

Ständestaat 3

In den Beiräten drängeln sich die Funktionäre, Experten und Bescheidwisser, was Arschkriechen, oder wie man hier sagt, Einschleimen besonders mühselig werden lässt. Vor lauter Adabei-Sein käme ich nicht mehr zum Arbeiten. Katja Nicodemus warnte in der ZEIT anlässlich einer seltsamen Verleihung eines Filmpreises in Deutschland davor, dass Funktionäre und Subventionsnehmer kulturpolitische Entscheidungen treffen. Sie bemängelte, dass Lobbying die Entscheidung beeinflusst haben könnte. Ich tippe eher auf Kitzeln im Mastdarm.

Ständestaat positiv

Für die Förderung der Einrichtung der Website 70 Millionen Jahre Spiel http://spiel.pickuptheater.com wurde ich von der Evaluierungskommission an das Landesjugendreferat verwiesen. Dagegen protestierte ich energisch bei der Frau Landeshauptmann, welche gleich erkannte, dass Spiel kein Kinderkram ist, sondern vielleicht doch Ausgangspunkt aller Kultur. Die Frau LH korrigierte die Fehlentscheidung und ich kann die Site auf der www.ichim.org präsentieren. Danke, Frau Landeshauptmann!

Hochwasser

Helmut Schmidt wurde Bonner Bundeskanzler, weil es ihm als Hamburger Bürgermeister gelungen ist, eine Sturmflutkatastrophe in den Griff zu bekommen. Der inzwischen alte kleine Mann lebt jetzt als Herausgeber der ZEIT längst wieder in Hamburg und ist als amerikanischer Präsident besser geeignet als der Amtsinhaber. Ich verehre ihn, spät, aber doch. Er war nämlich auch für den Deutschen Herbst verantwortlich. Inzwischen verstehe ich, warum er damals so handeln musste. Wir haben übrigens dasselbe studiert, wenn auch nicht zur gleichen Zeit: Volkswirtschaft. Er war im SDS, aber lange vor Rudi Dutschke, ich in der Basisgruppe VWL zusammen mit Hannes Heer vom Bonner SDS, der an sein Studium der Geschichte noch VWL anhing. In der ZEIT protokolliert ist ein Treffen der beiden mit allerhand Sekundanten, wo sie über Hannes’ Wehrmachtsausstellung diskutierten. Im Nachhinein betrachtet war ich auch früher nicht in schlechter Gesellschaft.

Nachbar Schmidt

Aus der Irritation, in der gegenüberliegenden Nachbarschaft des Bundeskanzlers Konzerte zu veranstalten, ohne dass er sich bei mir einmal hätte blicken lassen, machten erst meine Nachfolger eine Tugend und hielten im Pantheon auch bei ausverkauftem Haus stets einen Platz für den Bundeskanzler frei. Da hieß der Nachbar aber bereits Kohl.

Wahl paradox

Ich gehe schon mal wählen. Ihr könnt Euch gerne über die Landtagswahlen in der Steiermark das Maul zerreißen. Die haben mich von Staatswegen nichts anzugehen. Aber ich wähle jetzt und habe auch nicht mehr viel Zeit, ausgerechnet zum Vollmond meine zwei Stimmen abzugeben und in ein Kuvert nach Deutschland zu schicken. Hans, mein alter Ego in unserem Wahlkreis, fand den SPD-Direktkandidaten für den Arsch und will lieber den chancenlosen Grünen wählen. Heroisch, riskiert er dafür doch einen Familienkonflikt und vielleicht eine Stimme mehr für Rot-Grün im Bundestag. Überhangmandat heißt das. In Deutschland zu wählen, ist wirklich reizvoll.

Wolfgang Bauer 1941-2005

Mein Nachruf auf Wolfgang Bauer bei www.pickuptheater.com . Auf der Trauerfeier habe ich viele Leute wieder gesehen, Ully, Gert Jonke, Wolf-Plottegg, der gerade einen Staatspreis gewonnen hatte, die üblichen in der Politik – und allerhand Leute endlich kennen gelernt: Günter Brus, Boris Bukowski, Helmut „Schiffi“ Röhrling, Florian von den Hardbradlern und ha! Rosa Prock, Sissi Tax, und beinahe hätte ich mit einem besoffenen Jungspund aus einer Bildhauerklasse im Puntigamer Brauhausgarten gerauft. Als Piefke und dreckiger Ausländer hat er mich beschimpft. Die Profis um mich herum brachten uns nicht ohne Drama wieder an einen Tisch. Wir zogen nachher noch ins Tintenfassl – mit dem von der Branche auserkorenen „Hofrat“ Dr. Heimo Steps und noch wem im Fonds.

Kalte Füße

Gesünder leben verspricht der Zeitungsdoktor und garniert damit die Heilsversprechen der professionellen Anbieter von Kuren und Arzneien in der Samstagsbeilage mit warmen Worten. Kalte Füße, schreibt er, sind ein Nervenleiden, für alle Griechen Polyneuropathie, für alle Briten, aber für die hat er nicht geschrieben, RLS = Restless Legs Syndrome, gegen das es laut Radiodoktor nur Valium gibt. Unser volksnaher Zeitungsdoktor empfiehlt dagegen Vitamin-B-Präparate. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. Ein Krügerl, bitte!

Kalte Füße und mehr

Ich habe Jack Bauer am Grab seines Vaters versprochen, noch einmal den Tod des Herrn Ingenieur Leo Habernik aus Linz und wieder am Tatort zu inszenieren und zusammen mit den damaligen Begleitumständen zu verfilmen. Neue Begleitumstände nicht auszuschließen. Nun, da ich alle Symptome spüre, welche der Volksmund für Angsthasen trefflich zu beschreiben weiß, wird der Tod… ein Film, der wenigstens Sachkenntnis bezeugt.

O’zapft is!

Bier ist in der Tat hilfreich gegen Angst, enthält es doch mit Hopfen ein Beruhigungsmittel. Vor der Schlacht getrunken vermittelt es über das Kohlensäuregas auch Sättigungsgefühl. Magen und Darm werden entleert (Schiss haben), so dass die Gefahr einer Sepsis infolge einer Bauchverletzung etwas geringer wird. Wir nannten die Rekruten Rotärsche, warum wohl? Von der vielen Scheißerei bekommt man irgendwann Hämorrhoiden. Manchmal hilft auch der umgekehrte Weg. Alles zum Kotzen zu finden überkommt mich beim morgendlichen Zähneputzen – nicht immer, auch nicht immer öfter. Aber wo ich hier bin, ist das Knochenarbeit, weniger kotzen zu müssen. Manchmal kann ich gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte. Wie Hunderttausende Bayern es miteinander aushalten, wissen wir nun. Die Maß auf der Wiesen ist mit über sieben Euro heuer so teuer wie nie. Frieden hat seinen Preis.

Impressum

Vollmondbriefe ergehen an alle, die sich für Politik und Kultur in Graz und Umgebung interessieren. Wer glaubt, ich hätte wen vergessen, leite die Post bitte weiter. Ich nehme auch gerne Neue in den Verteiler auf. Wer nicht mehr damit behelligt werden will, antworte mit einem kräftigen Njet oder so. Alle Vollmondbriefe lassen sich auf www.pickuptheater.com nachlesen. Beklagt wurde, dass der achte Vollmondbrief nur auf der Website nachzulesen war. Deshalb kommt der neunte wieder direkt mit der elektrischen Post und mit Hyperlinks, damit ich nicht alles zweimal schreiben muss. Ich, Hans Fraeulin, stehe seit 1981 in jedem Grazer Telefonbuch mit der Postadresse Stiftingtalstraße 120, A-8010 Graz. Im weltweiten Netz hat mich Martin Krusche bekannt gemacht, kostenlos und beinahe unentgeltlich. Wer Bloomsday in die Suchmaschine eintippt, findet die von Martin Krusche betreute Site www.kultur.at/bloom an erster Stelle unter 121.000 Einträgen zum Thema. Wer Erste Prosa in die Suchmaschine eintippt, findet mich dank Martin Krusche an erster Stelle noch vor Thomas Bernhard, Storm, Frisch, Brecht und den anderen, äh ja, Kollegen. Ich musste Martin seinerzeit trösten, weil er sich mit seinen Äußerungen unverhofft im Parteiprogramm der ÖVP wieder fand. Damals schrieb ich ihm: Meine erste Prosa war ein Parteiprogramm..., was er prompt an die große Glocke hing. Martin schreibt ein Tagebuch im Netz seit - da hat es die Weblogs noch nicht gegeben. Der zornige Kulturberserker lebt auf unter http://www.van.at/martin/index.htm . Hätte mich Martin nicht darauf aufmerksam gemacht, hätte ich bis heute kein Geld für eigene Literatur verdient. So schrieb ich: Wer war der Fetzer? und bekam Geld dafür. Lässt sich nachlesen unter http://www.schreibkraft.adm.at/text.php?beitragsid=180

Impressum

Vollmondbriefearchiv