Hans

Siebter Vollmondbrief

Der Mittsommernachtsvollmondbrief ist noch gar nicht im Netz, fang ich mit dem siebten an, um über eine sensationelle Errungenschaft für das Pick-up Theater zu berichten. Es hat jetzt eine eigene Orgel. Woher spielt keine Rolle.

Orgel

Jeder Konzertsaal auf der Welt, der etwas auf sich hält, hat eine Orgel. Gerd Bacher, langjähriger Intendant des ORF, bezeichnete einmal sein Unternehmen als die größte Orgel des Landes. Das Pick-up Theater Graz hat nun die Chance, die zweitgrößte zu werden. Henrik Sande, Hauskomponist aus Oslo, war entzückt. „Wie bei uns zu Hause!“

Molwanische Staatsoper

Jetzt bin ich schon über die Hälfte des Reiseführers Molwanien hinaus, seit Wochen Nummer sieben oder acht auf den Bestsellerlisten, und von der molwanischen Staatsoper immer noch kein Wort. Da stimmt doch was nicht. Ich glaube, mit meiner Pawlatschen diesen eklatanten Mangel, ein Staat ohne Staatsoper, glanzvoll ersetzen zu können. Auf nach Molwanien!

Krimi schreiben müssen

Zurzeit und klar für die nächste Vollmond-Leserschaft ziemlich lange her wird in der Kleinen Zeitung der dümmste aller Krimis geschrieben und ist schon kurz vor der Aufklärung. In Wagna (Steiermark) wird die Pizzeria eines Italieners ägyptischer Herkunft in Brand gesteckt. Zwei Kinder des Schwagers kommen darin um, weil ihr Schlafzimmer darüber liegt. Der Pächter der Pizzeria hat zwar ein Alibi, wird aber nach seiner Rückkehr aus Italien wegen versuchten Versicherungsbetrugs verhaftet, desgleichen der Vater der Kinder und der Koch, der aus der Nachbarschaft alarmiert die Kinder aus den Flammen retten wollte, weil die Verdächtigen sich anstiften ließen, die angeblich nicht mehr florierende Hütte warm abzutragen. Käme ich mit so einem Drehbuchentwurf zu irgendeiner Fernsehproduktionsfirma, würde ich überall achtkantig hinausgeschmissen. Sie würden mir nicht glauben. Wollte ich irgendwen wegen versuchten Versicherungsbetrug verhaftet wissen wollen, würde mich die Polizei auslachen. Ich habe deshalb etwas dagegen, dass in Österreich Polizei und Gendarmerie ein und der selbe Verein werden.

Zu den Fakten

Der Brand ist gelegt worden, wie es scheint mit Benzin von der Tankstelle. Die Gendarmerie hatte wohl Schnupfen, aber festgestellt, alle Fenster und Türen seien verschlossen gewesen. Aber irgendwie muss ich als Täter in der sich ausbreitenden Hitze hinaus. Wer immer die Tat begangen haben mag, muss einen Zugang zum Lokal gehabt haben. Die Tatverdächtigen hatten das. Aber wer bringt bei einer Beihilfe zu einem Versicherungsbetrug seine Kinder um? Wer stürzt sich in ein brennendes Haus, um möglicherweise einen fatalen Irrtum zu korrigieren, nämlich jahrelang als Koch nicht gewusst zu haben, dass über seiner Küche Kinder wohnen? Wer verschließt nach einer Brandlegung mit entsetzlicher Explosion sorgfältig die Tür hinter sich ab, um sich aus dem Staub zu machen?

Zu den Mutmaßungen

Es hat eine Explosion in einem Haus gegeben und niemand wird behaupten können, der Täter oder zwei habe danach sorgfältig die Haustür verschlossen, noch weniger, es hätte auf Anhieb geklappt. Benzin riecht nach einem Brand bei jedem Schnupfen und ganz anders als Spiritus, was sich schnell, oder Petroleum, was sich eher träge ausbreitet. Deshalb nehme ich Petroleum gern für meine Feuerspucknummern. War es Benzin, war sozusagen ein Selbstmordattentäter am Werk oder er (sie ist weniger wahrscheinlich) musste Spätzünder konstruieren. Einen habe ich wie ich das schreibe im TV bei CSI gesehen: eine in ein Zündholzbriefchen hineingesteckte brennende Zigarette. Ziemlich unzuverlässig, habe ich nach meinen Schweißarbeiten festgestellt.

Bis zum Bundesrat

Wer ein Haus in die Luft jagen will, wird nicht hinter sich die Haustür verschließen. Dafür haben wir wenig Zeit, sag ich mal als Komplize. Aber wer könnte das gewesen sein? Wem könnte es egal sein, was in seinen Baulichkeiten passiert?, solange die Kohle stimmt. Freilich dem oder der das Haus gehört. Die örtliche Gendarmerie geht, ach nein, auf einmal davon nicht aus und verhaftet die halbe Welt. Wer könnte Interesse daran haben, die Pizzeria auszuräuchern?, ungeachtet des Gesocks oder der Brut, die sich dort sonst noch eingenistet hat? Freilich eine Hauseigentümerin, die um Geschäft zu machen die Immobilie an geschäftstüchtige Ägypter aus Italien verpachtet hat. Könnte vielleicht auch ein Mann sein, der was in dieser Gegend verpachtet hat. Wer außer der nächstgelegenen Freiwilligen Feuerwehr käme als Fachkraft für Rauch und Feuer in Frage? Wer könnte überhaupt etwas gegen geschäftstüchtige Ägypter aus Italien haben? Dort in diesem Dreieck Leibnitz-Spielfeld-Radkersburg brauche ich nicht lange danach zu suchen, um irgendeinen Verdächtigen zu haben, der sich besser bedeckt gehalten hat als der unsägliche Bürgermeister von Gurk und Bundesrat Siegfried Kampl, der es mit seinen Ansichten von Gott und der Welt beinahe zum dritthöchsten Repräsentanten der österreichischen Republik gebracht hat und die Gesetzgebungsmaschinerie in Trab bringen konnte, wie wir uns das nicht zu wünschen gehofft haben.

Auch sein Gutes

Dem Standard war zu entnehmen, was im Bundesrat sonst noch protokolliert wird. Das ist ja ein richtiges Horrorkabinett. Vinzenz Liechtenstein und Herwig Hösele sind mir aufgefallen, weil sie halt von hier kommen. Der eine dumm, der andere beflissen. Das schließt sich nicht aus. Die Rose des liebenswürdigen Rosenzüchters Gudenus gedeiht in unserem Garten. Gemeinsam haben wir uns um Kundschaft bemüht. Mit dem stocksteifen Nazitrottel im Bundesrat will er nichts zu tun haben. Wer will das schon? Ein Glück, dass unser Rosenzüchter das endlich bekannt machen konnte. Der John Gudenus ist in jeder Hinsicht geschäftsschädigend, auch für das österreichische Bundesheer, wo er Karriere gemacht hat. So ein Bundesheer soll in hochsensiblen Regionen irgendetwas außer Schaden bringen? Im Vertrauen, es ist nur dazu da, um mit einer Knarre dumm dazustehen. Auch sein Gutes. Und dann seinen Mund aufzumachen - ? Sprachprobleme haben auch ihr Gutes.

Topical Crimes

Den Topical Kriminalroman gibt es noch nicht. Er sei hiermit erfunden. Gisbert! So wie Topical Songs besitzt er quasi Tagesaktualität. Gisbert Haefs, werd’ schneller! Er hat den kompletten Brassens übersetzt. Kein Wort mehr, Gisbert, von Deinem gnadenlosen Molwanien. Phil Ochs, ein Zeit- und Weggenosse von Bob Dylan, darf als Topical des Topical Songs gelten, Tom Paxton und Bob Dylan waren genauso drauf, Gerd Schinkel die kongeniale westdeutsche Variante. Gerd ging morgens mit der Frankfurter Rundschau aufs Klo und kam danach mit der vollgeschriebenen Klorolle zurück, rief mich, die Hose noch nicht richtig zu, sofort an, plärrte mir sein neuestes Lied durchs Telefon. Ich sagte OK Probe um drei. Am nächsten Wochenende im Taunus oder Hotzenwald in einem Jugendclub oder Pfarrheim sangen wir zusammen mit Steffen Kolodziej und Jean Faure das Lied von seinem Morgenschiss. Der kommt gewiss, und wenn es erst am Abend iss. Die Leute wunderten sich oder lachten. Das habe ich doch erst gestern in der Zeitung gelesen. Wir freuten uns über den freundlichen Zuspruch. Einmal waren wir nachher beim Pfarrer eingeladen. Seine Köchin kochte auf, einen unvergesslichen Gulasch mit Westerwälder Kartoffeln. Der Pfarrer kam aus Holland und sang vorher kräftig mit: Spieß voran, drauf und dran, setzt aufs Klosterdach den roten Hahn. Ohne Benzin. Das gab es so um 1525 noch nicht, jedenfalls nicht mit 91 Oktan bleifrei.

Kein Grund zur Aufregung

Einer von Gerd Schinkels Topical Songs wurde sogar ein Hit, Der besondere Katastropheneinsatzplan. Das war erst eine benutzerfreundliche Radiodurchsage für den Fall, dass das Atomkraftwerk Karlsruhe-Leopoldshafen in die Luft fliegt und ist der Frankfurter Rundschau zugespielt worden. Danach brauchte es nur noch ein Klosett in der Bonner Kaiserstraße und schon war die ganze Scheiße auf dem Tisch. Schließen Sie die Türen und Fenster dicht... Das war und ist Gerd Schinkel. Witzig, wollten die Leute dann überall eine Zugabe. Wir mussten das Lied auch noch auf Schallplatte einspielen, um den schnellen Brüter in Kalkar zu verhindern. Wir fanden uns zu schlecht und wollten nicht auf Vinyl. Irgendwann später sangen nach einer Volksabstimmung die Leute in Wien den Refrain auf der Straße, hat mir einer von den Schmetterlingen erzählt, die auch Kalkar verhindert haben, sozusagen in derselben Rille. „Es besteht kein Grund zur Aufregung...“, sangen sie am Stephansplatz. Das war nach dieser Abstimmung über Zwentendorf und hat wohl den Nerv der Menschen in Österreich getroffen, eigentlich ganz anders gemeint. Ironie der Ironie...

Lieder vom Krieg

Lieder vom Krieg sind nicht unbedingt hitverdächtig, und das eine Lied von einem bisschen Frieden finden viele in meiner Bekanntschaft peinlich. Thomas Guglielmetti riss die Augen auf, als ich ihm nach seiner bescheidenen Anfrage aus meiner Kartei in kurzer Zeit 60 Liedtitel zum Thema Krieg übermittelte. Ich war selber überrascht, wie viele das sind. Mal sehen, was daraus wird. Eine Gala ist ins Auge gefasst. Für das Ensemble habe ich zwei CDs zum Einstimmen gebrannt und die obige Orgel gekauft. Es gebietet die Eitelkeit, sie in den dritten Stock des Schauspielhauses zu schleppen.

Das ideale Lied

Das ideale Lied zu singen, habe ich gerade überlegt. Es muss gegen den Krieg sein und ist eins der 60 Lieder für Thomas Guglielmetti aus meinem Karteikasten. Damit stelle ich mich in das Schlachtfeld und brülle alle Kriegsparteien an, damit das Spektakel nicht Mord und Totschlag wird. Seltsame Aufgabe, aber ich habe das schon 1000mal gemacht. Mein Problem ist das Schlachtfeld. Das gibt es nicht mehr. Ich weiß nicht, wohin ich soll. Das letzte Mal kam nur eine Kriegspartei zum Fußballspielen in den Augarten. Die andere Kriegspartei, die sich als Bürgerwehr aufspielte, erwies sich als nicht satisfaktionsfähig und wir haben sie ausgelacht. Aber wenn keiner zum Auslachen kommt, ist das fad. Aber nein, stimmt nicht. Wir haben uns fast in die Hosen gelacht nach den hektischen Anrufen über die Handys – und dann gegeneinander gespielt.

Kleine Warnung vor mir

Gestern habe ich auf einer Abschlussfeier ein paar Absolventen von damals getroffen. Sie erinnerten mich an den königlichen Gschnas im Augarten. Wir feierten unsere Untat noch einmal und ich hatte nachher Mühe und viel zu wenig Licht am Fahrrad, um meine Gefährtin gesund nach Hause zu führen. Es ist dann doch gut gegangen. Aber ich warne vor den Schäden an Ruhm und Ansehen anderer Leute, Schaden, welchen ich bisher angerichtet habe und vielleicht noch anrichten werde, und warne einmal mehr vor mir, wenn ich in tiefer Reue feststellen muss, wie lange das nachwirkt. Es können sich noch nach Jahren die Leute fast in die Hose machen, wenn sie an mich denken. Vorsicht ist geboten.

Übertrieben

Eigentlich mache ich mir viel zuviel Sorgen hier in diesem schönen Land, im Grunde alles übertrieben. Wenn ich über Trieben hinaus bin, geht’s mir in letzter Zeit meistens besser. Pfüat enk nachand.

Größerer Schaden

Ich habe nichts gegen Volksschulen, aber die in meinem Stadtbezirk schließen zu wollen ist dumm und fahrlässig. Das Schließen kostet die Stadt mehr als das offen Halten. Das habe ich jetzt dem Stadtsenat vorgerechnet. Er befasst sich nun noch einmal damit. Ich hoffe nur, dass er sich nicht klüger dünkt als ich. Klüger werden wir allemal. Sparen an der falschen Stelle kommt öfter vor. Das ist keine Entschuldigung. Wir stehen auch vor neuen Herausforderungen im Schulwesen. Dazu brauche ich nicht mit dem schiefen Turm von Pisa zu winken. Man sieht es ihr nicht gleich an, sondern muss hinters Schulhaus blicken. Den Kindern die schönste Schule der Welt zu nehmen ist unverzeihlich. Sie steht auf der Ries.

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