Hans

Sechster Vollmondbrief

Nicht mal einen kleinen grauen Vogel...

...der fröhlich am Singen ist, gibt es drüben in der andern Welt, mein Freund, und das find ich dumm und trist. Nicht mal einen kleinen grauen Vogel und nie eine Birke am Feld – und doch am allerschönsten Mittsommertag hat’ ich Sehnsucht nach dieser Welt.“ Wolf Biermann hat das Lied aus Schweden für Eva-Maria Hagen übersetzt. Ihre Stimme ist mir heute am Mittsommertag nicht aus dem Kopf gegangen. Auf der Suche nach Liedern vom Krieg und eins vom Frieden hat mir ein freundlicher Redakteur des WDR das Lied vom kleinen grauen Vogel mitgeschickt, nachdem mir eine ganze Liedermatinee im Tonarchiv zerbröselt ist.

Vorhut

Nachdem ich im Vorjahr anhand des Weltkulturereignisses Bloomsday 100 und des darauf zurückgehenden ersten aller Stadtromane, James Joyce’ Ulysses in Graz „Stadt“ inszeniert habe, eilt nun die Intendanz des steirischen herbstes hinterher und wählte sich „Stadt“ zum Motto des nächsten Avantgarde-Festivals. Ich verstehe sehr gut, dass mich niemand gefragt hat, ob ich mir das alles noch einmal antun soll, Avantgarde zu spielen, acht ein halb Stunden „Stadt“ zu inszenieren, ohne von den für die Stadt Verantwortlichen auch nur einen müden Cent bekommen zu haben. Aber wundern tut es mich doch, umso mehr, als das, was vom herbst zum Thema vorgestellt wurde, selten dürftig ist. Statt endlich eine Stadtoper zu schreiben, soll die städtische Oper dekonstruiert werden. Bisher gibt es nur eine Stadtteiloper: West-Side-Story, außerdem noch Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, eine von Brecht zusammengelogen verlorene Stadt, für die Las Vegas der beste Gegenbeweis ist. Dass sich das TiB nicht einmal mit Hundstrümmerln beschäftigen will, verschafft ihm sicher keinen sauberen Abgang aus der Theaterlandschaft, eher einen schmählichen.

Bestellung ohne Anstand

Otto Hochreiter kann einem Leid tun, Stadtmuseumsdirektor zu werden gegen alle Regeln des Anstands – mit einem solchen Handicap möchte ich nirgendwo einen Posten mit Verantwortung übernehmen. Um das zu verifizieren, brauche ich nur das Stadtbauamt zu fragen. Wer als Architektin oder Architekt einen Architekturwettbewerb wettbewerbsmäßig vorbereitet, ist vom Wettbewerb selbst selbstredend ausgeschlossen. Das gebietet der Anstand. Anderswo heißt das Fairness, irgendwo kurz vor Schottland. Informationsvorsprung soll kein Kriterium sein, sondern gleiche Startchancen. Vom Start für ein bedeutendes Grazer Museum haben sie nicht einmal hinter dem Schoberpass etwas gewusst, zu schweigen von gescheiten Schotten, sondern nur Rathausmäuse, welche am Amtsblatt herumnagen.

Dringendes Anliegen

Die Telefonzentrale des Magistrats möge endlich den flotten automatischen Sager von der Kulturhauptstadt Europas streichen und vielleicht durch Affengeheul ersetzen. Als ich jüngst in der Partnerstadt Darmstadt vom Zentrum für grafische Datenverarbeitung der Fraunhofer-Gesellschaft vorgeführt bekam, wie wir unserem Nachwuchs helfen können, ein eigenes Computerspiel herzustellen, und eingestehen musste, dass mein größtes Problem sei, in meinem Stadtbezirk eine Volksschule vor dem Schließen zu bewahren, war Entsetzen auf den Gesichtern. Den hundert Burschen und zehn Mädchen um die zehn Jahre alt, welche mit Buntstift, Scannern, Vektoren, Texturen, Tapezierungen und Bewegungsabläufen hantierten, war das egal, aber nicht den für diese famosen Game Days Verantwortlichen, auch nicht meinen Schulfreunden in Bonn: ein Nachrichtenredakteur beim WDR, der persönliche Referent des Bundestagspräsidenten, der Chef einer regierungsnahen Werbeagentur und unser Alibi-Franzose Jean Faure, der es sich nicht nehmen ließ, die Zeche zu bezahlen. Eine Volksschule schließen und das nach PISA? Sag, in welchem Wald lebst du eigentlich?

Molwanien ist überall

Den Reiseführer habe ich gleich zweimal gekauft, ein Exemplar für meine schwer gehbehinderte Mutter, das andere zu meinem Vergnügen. Untertitel: Land des schadhaften Lächelns. Seither lache ich mich immer scheckig, wenn ich nur an Molwanien denke und hab doch erst die Hälfte gelesen. Als meine Mutter zuletzt zu uns vor vielen Weihnachten nach Österreich kam, beschwerte sie sich: „Kein Schwein in Bischofshofen!“ So versank die alte schwergewichtige Dame zwischen Perron und Waggon im Schnee und hielt den ganzen Verkehr auf.

Leon Askin

Es gilt einen alten Herrn zu würdigen, der auch einem blassen Film dank seines Charakters scharfe und unverwechselbare Kontur geben konnte. Dass er sich nach vielen Jahren wieder nach Wien in seine Heimatstadt zurücktraute, allein was er da als hochangesehener Schauspieler und Regisseur aus Hollywood an bürokratischen Hürden überwinden musste und stoisch überstand, weil er in Kenntnis des gnadenlosen österreichischen Befehlswesens sein Österreich wiedererkannte, das ist doch bewundernswert. Das Heldentum eines alten Mannes ging zu Ende.

Gnadenlose Reklame für den weltbesten Schriftsteller

Es stößt mir schon lange sauer auf, dass Gisbert Haefs in der kleinen Grazer Welt der Literatur nicht zur Kenntnis genommen wird. Haben wir hier doch unseren Haas. Was brauchen wir da noch einen Haefs!, gesprochen Haafs. Die Brenner-Krimis von Haas in Ehren, aber die Matzbach-Krimis von Haefs sind ein intellektuelles Vergnügen. Haefs Alexander-Roman wurde wegen fehlender politischer Korrektur verrissen. Was hat er verbrochen? Geschichte aus der Sicht Alexanders zu schreiben. Wer hat das je gewagt?, historisch subjektiv ein Vierundzwanzigjähriger zu bleiben und den scheinbar objektiven Schwindel damit vorzuführen. Außerdem hat Gisbert alle Chansons von Georges Brassens übersetzt. Die zwei dicken Bände durchbiegen mir das Regal. Und dann noch Troja, Kipling, Borges und und und... Und jetzt den Reiseführer Molwanien. Einen Menschen mit so viel Witz werdet Ihr in Graz vergeblich suchen.

Der Untergang

In den Film brauche ich eigentlich nicht mehr hineinzugehen. Wenn er im Fernsehen kommt, nehme ich ihn der Vollständigkeit halber auf und bewundere wie immer Bruno Ganz. Ich hatte einmal den Auftrag, mir für Hitlers hundertsten Geburtstag etwas einfallen zu lassen und bin dafür fast jeden Tag in die Nationalbibliothek gegangen. Nun habe ich die halbe Bibliothek eines verstorbenen NZ-Redakteurs im Sack, weil ich mich, um es endlich haben zu können, für ein Buch daraus interessierte: Ten Days to Die, von Michael Musmanno, einem Marine-Offizier, im Zivilberuf Richter aus Pittsburgh, Pennsylvania, der den Auftrag hatte zu ermitteln, ob Hitler wirklich tot sei. Er hat alle Nazigrößen dafür aufgesucht, auch die, welche kurz danach gehängt wurden, selber später einige zum Tode verurteilt, andere freigesprochen – was für ein gnadenloser Richter und Ermittler! Musmanno hat mit allen Tätern und sogenannten Befehlsempfängern gesprochen, Speer- und Hitlerbiograf Joachim Fest nur mit Speer. Fest und alle anderen haben heimlich von Musmanno abgeschrieben, Breloer hat das in bewundernswerter Weise mit Speer und er verifiziert. Aber so tief in das Verbrechen wie Michael Musmanno vorgedrungen ist keiner von ihnen und wird es keiner mehr werden können.

Ermittlungen

Als seinerzeit die Briefbomben hochgingen, dachte ich mir nach allem, was ich von einem Autokauf, von Streifzügen über die Fetzenmärkte in der Steiermark und aus Zeitungsberichten als professioneller Beobachter in Erinnerung hatte, dass der Täter im Dreieck Leibnitz – Spielfeld – Radkersburg zu finden sei. Für meinen Riecher hätte mir niemand etwas gegeben. Also sagte ich es nur im kleinen Kreis, als zum Beispiel Wiener Neonazis deswegen vor Gericht gestellt wurden. Die waren das nicht. Das war einer aus Gralla oder aus der Gegend drumherum, waren meine Mutmaßungen. Hätte sich Franz Fuchs bedeckt gehalten und sich nicht spektakulär in die Luft sprengen wollen, als zwei durchaus wohlwollende Gendarmeriebeamte ihn nach seinen Papieren fragten, hätte er locker noch ein paar Jahre weiter Bomben basteln können. Danach waren im TV seltsame Kriegspiele in den dortigen Auwäldern zu sehen. Jetzt ist dort die Pizzeria eines Italieners ägyptischer Herkunft in die Luft gesprengt worden, hat für zwei kleine Kinder Tod und Verderben gebracht – und die örtliche Gendarmerie ermittelt wegen Versicherungsbetrug. Für mich ist das faul bis in die Knochen.

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