Hans

Vollmond 51

Neue Folge

Vollmondbriefe sind Internet-Korrespondenzen nach altem Vorbild und ergehen gratis und franco an einen wachsenden Kreis von Freundinnen, Freunden und Bekannten. Nach 50 Stück, nachzulesen im Vollmondbriefe-Archiv, fand ich es genug der klugen und schönen Worte. Ein paar Anlässe bringen mich jetzt dazu, die Serie wieder aufzunehmen. Wer keine Vollmondbriefe mehr bekommen will, antworte mit Njet oder so auf diese Mail. Kritik, Widerspruch, Anmerkungen fände ich aber besser.

Freispruch

Ein Freispruch ist zu feiern. Die Straßenverkehrsordnung darf nicht über die Menschenrechte gestellt werden. Zwar habe ich singender Weise in Wahrung meiner Grundrechte den Autoverkehr auf der Bundesstraße zum Erliegen gebracht. Weil ich aber erkennbar nicht am Verkehr teilnehmen wollte, ist die StVO auf mich nicht anwendbar gewesen. Der Richter beim Unabhängigen Verwaltungssenat sah sich den Youtube-Clip an und entschied in diesem Sinne. Kostenfrei ermahnt wurde ich, das nächste Mal den Anweisungen der Polizei zu folgen – geschenkt.

Winkelzüge

Kurz vorher hatte ich meine Gitarre demonstrativ auf die Fahrbahn gelegt und mit der Polizei gestritten. Mit der Strafe wegen verkehrswidriger Benutzung der Fahrbahn gelangte ich mit Hilfe der Grünen und der Wiener Kanzlei Pepelnik bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, der offenbar bei den österreichischen Stellen mit der Drohung intervenierte, die StVO als Ganze auf Vereinbarkeit mit den Menschenrechten zu überprüfen, wie ich das gefordert und begründet hatte. Darauf wurde ich noch einmal bestraft, wieder mein Einspruch, aber diesmal Freispruch. Der EGMR verwarf daraufhin meine Beschwerde ohne Begründung als unzulässig – Arbeitsersparnis und eine verpasste Gelegenheit. Was bleibt und im unfallträchtigen Österreich nottut, ist ein Überdenken der Spielregeln im Straßenverkehr.

Wissen wie

Wer einem anderen einen Schaden zufügt, hat ihn zu ersetzen. Das gilt auch für die Maschinen und Fahrzeuge, die er oder sie in Betrieb nimmt, in Betrieb nehmen lässt oder zulässt, dass sie in Betrieb genommen werden. So stelle ich mir einen neuen §1 der Straßenverkehrsordnung vor. Alle Paragraphen sind zu streichen, die Menschen Vorschriften machen, von denen keine Gefahr ausgeht.

Krankenkassen reiten vor

Immer wenn sich die Krankenkassen über ihr jährliches Defizit beklagten, konnte ich ihnen mit Hilfe des VCÖ vorrechnen, dass sie keins haben müssten, wenn sie die vollen Heilungskosten nach Verkehrsunfällen von den Autoversicherern ersetzt bekämen, statt wie in einem Generalvergleich vor vielen Jahren festgelegt nur etwa die Hälfte. Grund war die „Mitschuld“ der Unfallopfer. Damit ist es jetzt prinzipiell vorbei, was unsereins nur sehr diskret über die Medien erfährt. Erst haben die Krankenkassen, großer Jubel, auf einmal kein Defizit mehr. Dann kommt meine Kfz-Versicherung mit 3% Aufschlag daher und zehn Tage später die Begründung von einem Pressesprecher: sprunghaft angestiegene Unfallkosten (bei eher konstanten Unfallzahlen). Für die Autoversicherer und das von ihnen ausgehaltene Kuratorium für Verkehrssicherheit wird es höchste Zeit, ihre Placebo-Aktionen zu überdenken und nicht mehr nur die Opfer zu erschrecken, sie hätten nicht da sein dürfen, wo sie waren und aus dem Weg zu gehen – besonders schäbig bei Kindern und alten Leuten.

Wohlfahrtsstaat ade

Die Niederlande verkündeten jüngst offiziell das Ende des sozialen Wohlfahrtsstaats, und jetzt? Keine Alternative? Macht doch keiner, der in unserer Wohlfühldemokratie wiedergewählt werden will. Mit leeren Händen dastehen, na sowas. Seit den 60ern, seit dem Arrow’schen Unmöglichkeitstheorem in der Theorie der Sozialen Wohlfahrt, wissen wir, dass Soziale Wohlfahrt bereits an simplen fünf Kriterien scheitert, wenigstens an einem. Nutzen wir die Aufregung und verkünden wir den Kulturstaat.

Kulturstaat her

Während die Sozialausgaben allen ausgezahlt werden, die anspruchsberechtigt sind, werden von unseren Kulturtankern Einsparungen noch und noch verlangt. Wo immer eine freie Kulturszene prosperiert, schlägt sie sich mit Selbstausbeutung und prekären Verhältnissen herum. Die Städte profilieren sich mit Kultur, haben aber für sie seit Jahren nur einen Bettel übrig. Der Zorn der zu kurz Gekommenen wächst. Von seltsamen Gremienentscheidungen gebeutelt, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Segnungen des Sozialstaats zu beanspruchen. Es wird Zeit, dass die Kunstschaffenden ihre Förderungen einklagen, wenn ihnen die Gelder von Politik und Beiräten vorenthalten werden. Sie haben gute Chancen. Werden andere gefördert, man selber aber nicht, liegt eine klare Ungleichbehandlung vor. Das ist menschenrechtswidrig.

Ermessen und Erbarmen

Wer sich wie Graz als Kulturstadt profilieren will, hat auch das dafür nötige Geld bereitzustellen. Leider fehlen dafür die gesetzlichen Grundlagen und der Wille auch von Land und Bund, in die städtische Kultur so viel zu investieren, dass es für die Kunstschaffenden reicht.

Zum Erbarmen ist, wenn der Ankauf eines Buches für die Stadtbibliothek und andere Zwecke daran scheitert, dass in ihm der Bürgermeister angeblich schlecht wegkommt. Noch einmal nachgelesen stelle ich fest, dass dieser Bürgermeister der einzige im Stück ist, der nicht lügt oder rücksichtslos seine eigenen Interessen verfolgt. Tja, wo der Kleingeist weht, schrumpft alles auf Null.

Georg Büchner 200

Der Dichter des Vormärz wird am 17.10.2013 200 Jahre alt. Dort, wo er herkommt, ist zurzeit Büchner-Mania. Selbst in seinem Bücherschrank lässt sich wühlen. Auf der nicht weit entfernten Frankfurter Buchmesse gab man sich eher ratlos ob des längst ausgeschöpften schmalen Werks, das Büchner mit 23 an Typhus gestorben seinem Bruder hinterließ. Arche verwies darauf, dass ihre Kalender ihn für 2014 natürlich nicht mehr würdigen, Suhrkamp hat bei Insel die Schriften seines Vaters herausgegeben, bei 3sat versteckte er sich überlebensgroß in der Dekoration und sonst? Ein Redakteur der Kleinen Zeitung wurde nach Darmstadt eingeladen, um sich dort als Juror tagelang Jazz einzuziehen und die engagierte Büchner-Ausstellung im Darmstadtium vor lauter Mathildenhöhe zu übersehen. Kollege Werner Krause hat ihn und die Kleine Zeitung mit einer wunderbaren Eloge zu Büchners 200. Geburtstag rehabilitiert. Die in Graz stadtbekannten Dichter wurden heuer eingeladen, sich für einen Sammelband mit Deutschnationaltümler Peter Rosegger zu beschäftigen. Dem Vernehmen nach hat Günter Eichberger wieder einmal gepatzt und nur mit Mühe seinen Artikel durchgebracht. Ich vermute eine konzertierte Aktion aller Deutschlehrer auf dem Kontinent: Thema verfehlt!

Neonce und Nena

Hans und Hans ließen sich nicht lumpen. Zum 200. Geburtstag von Georg Büchner gaben mein Verleger Hans Weingartz und ich meine Aktualisierung von Leonce und Lena mit Fotos, Kritiken, Programmheft und einem Nachwort rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse in Buchform heraus. Noch 15 Jahre nach der Grazer Uraufführung hat die „Posse mit Gesang“ in der Hauptstadt als unaufführbar gegolten. Ich wollte mit Neonce und Nena ein neues, zeitnahes Volkstheater begründen. Ich bin nicht über den Alpenhauptkamm gekommen. Nach 26 Jahren und in Buchform habe ich vielleicht bessere Chancen.

Ob Nachbearbeitung, Modernisierung oder Aktualisierung, Büchner hätte sicher seine helle Freude daran gehabt. Eine Stadt versinkt im Müll…

Graz, am 17.10.2013
Hans Fraeulin

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