Hans

Vollmond 50

Ihr Lieben an den Vollmondbriefempfangsgeräten,

zum 50. Vollmondbrief will ich endlich die von Oskar Gelinek oft gestellte Frage beantworten, ob diese Internet-Korrespondenzen nach altem Vorbild je irgendetwas bewirkt hätten. Die klare Antwort: auf meinem Konto nichts - trotz zweier Spendenaufrufe.

Wortspenden

Auch sonst lässt sich in unserer mediendurchfluteten Gesellschaft die Wirkung des geschriebenen Wortes schwer nachweisen. Wenn Umberto Eco von der Macht des Geschriebenen schwärmt, wollen wir ihm das gerne glauben. Seine Bücher sind exzellent geschrieben und verkaufen sich ausgezeichnet - weltweit mit messbaren Wirkungen auf die Handelsbilanz seines Landes. Von mahnenden Worten des Professors für Zeichengebung, die zu Änderungen in der italienischen Politik geführt hätten, ist mir nichts bekannt.

Eco non sum

Wie es heißt, sei er einer der schärfsten Kritiker Berlusconis gewesen. Dass der Mann sich so lange an der Spitze Italiens halten konnte, deutet eher auf die völlige Wirkungslosigkeit geschliffener Worte hin. Eco bemüht sich nun, uns dieses Phänomen zu erklären. Mich überzeugt er immer.

Im Gegensatz zu Professor Eco lege ich es geradezu darauf an, mich in die Politik einzumischen, gern und besonders in gedanklich un- und unterbelichtete Bereiche, und da hilft mir Ihre und Eure Leserschaft enorm. Internet-Leitfossil Martin Krusche spricht von einer interessierten Teilöffentlichkeit. Niemand in der Politik kann heute diese kleine Menge besser informierte Menschen ohne nachteilige Folgen ignorieren.

Paradox, na und?

Richtig populär geworden ist das erstmals im Vollmondbrief 19 veröffentlichte und bisher nicht widerlegte Basistunnel-Paradoxon. Der volks- und betriebswirtschaftliche Unsinn solcher Bauwerke wurde zum Common Sense, was die Befürworter der Langzeit-Tunnels nicht davon abhält, weiterhin ihre Bedeutung für Europa herbeizuschreiben. Die in Brüssel zahlen ja auch für anderen Blödsinn, sagen sie ganz offen. Jetzt, wo allenthalben gespart werden muss, soll es eine Zeitlang kein Geld mehr für die dummen Tunnels geben. Den Mut alles abzublasen bringt jedoch niemand auf, der dazu befugt ist.

Unterwegs zur Pleite

Inzwischen haben wir mit der GKB, eine bisher profitable Nebenbahn, die erste geschädigte Transportfirma zu bedauern, noch bevor der Koralm-Basistunnel fertig ist. Fertig ist die Zufahrt auf steirischer Seite, welche von der GKB bedient werden muss, um nicht Fahrgäste an eine Konkurrenz zu verlieren. Um einen Bahnhof mehr im Schienennetz anzusteuern, mussten dreizehn Triebwagengarnituren angeschafft werden, was die Personal- und Betriebskosten in die Höhe treibt, vom Abstottern der Kredite bei Bund und Land nicht zu reden. Die GKB wird hochverschuldet in die roten Zahlen geritten. Bezahlen werden wir als Steuerpflichtige mit jeder Semmel und unterwegs im Verkehrsverbund.

800 für niemand

Mit dem in den Vollmondbriefen 35 und 36 skizzierten fairen und einfach zu handhabenden Grundsicherungsverfahren 800 für Alle! (auch für Kinder) lässt sich nicht einmal Inputresistenz als Krankheit nachweisen. Immerhin dürfen die deutschen Behörden auf kleine Vermögen nicht mehr zugreifen, um sich Sozialgeld zu ersparen - aus eigener familiärer Sicht sehr erfolgreich. Das geschriebene Wort allein hätte es nicht getan. Klinken putzen in Berlin hat es schließlich gebracht.

Hartzen

32000 Obdachlose in Köln, 25400 Klagen der Betroffenen in Berlin, 4500 Zwangsversteigerungen monatlich in NRW - fassungslos stehen die Deutschen vor den hausgemachten Zahlen und scheinen die schlimmen Folgen von Hartz IV, dem aktuellen Sozialgesetzbuch wie Schlechtwetter hinzunehmen. Hartzen ist angesagt, wenn nichts mehr geht - ein schwerer Beruf.

Die Menschen, die weg mit Hartz IV fordern, werden zwar mehr, wissen aber nicht, was sie an seine Stelle setzen sollen, müssen es auch nicht wissen. Nach eigenen Angaben haben die Beamten im Berliner Finanzministerium 800 für Alle bereits durchgerechnet und auf seine Finanzierbarkeit geprüft. Ihr Beamtenstatus hindere sie jedoch daran, in irgendeiner Weise aktiv zu werden. Sie haben bereits als Kinder gelernt, nur zu reden, wenn man gefragt wird.

StVO

Das Verfahren gegen die österreichische StVO vor dem Europäischen Gerichtshof läuft. Bis zur Verhandlung bin ich aufgefordert, alle relevanten Entscheidungen der nationalen Behörden und Gerichte dem EGMR in Strasbourg mitzuteilen. Wem also seltsame Gerichtsurteile untergekommen sind, teile sie mir bitte mit.

Ermuntert von der Polizei und dem hiesigen Oberverkehrskurator wird jetzt in Leserbriefen öffentlich aufgefordert, den Vorrang für Fußgänger am Zebrastreifen zurückzunehmen. Das ist mit Verlaub internationaler Standard, den sich 1994 Grazer Kinder mit Hilfe des ORF und des Kinderbeauftragten erkämpft haben, und so lange nötig, so lange es Zebrastreifen gibt. Und die sind so lange nötig, so lange die Querungswünsche an anderer Stelle von Autofahrern quasi ignoriert werden dürfen.

Köpferollen

Von den sieben oder acht Amtsinhabern, deren Rücktritt ich in meinen Vollmondnächten gefordert habe, sind zwei gestorben, drei zurückgetreten, aber nur einer von ihnen in der politischen Versenkung verschwunden. In keinem Fall lässt sich ein direkter Zusammenhang zu einem Vollmondbrief herstellen.

Mag sein, dass der Hinweis auf einen politischen Geisterfahrer in der Landesregierung endlich zur Abschaffung des Proporzes geführt hat. Mag auch ein anderer gewesen sein. Beharrlichkeit macht sich aber irgendwie bemerkbar - auch ohne ceterum censeo. Nach 50 Vollmondbriefen in sieben Jahren wurde sieben Mal der Grazer Kulturstadtrat ausgewechselt - zweifellos, weil die Herren aus ÖVP und SPÖ den Ansprüchen einer zeitgemäßen kommunalen Kulturpolitik nicht gewachsen waren, aber auch, weil eine wache interessierte Teilöffentlichkeit dafür sorgt, dass sie ihre Amtszeit nicht abschlafen können.

Schlechte Erfahrungen

In der hiesigen Politik wird man aus schlechten Erfahrungen nicht klug, sondern wartet ein paar Jährchen ab, um alten Torheiten eins draufzugeben. 36 kleine Volksschulen sollen jetzt geschlossen werden. Alte, neue pädagogische Konzepte für Zwergschulen, wo jüngere Kinder in lockerer Atmosphäre auch mal von älteren lernen, die selber daraus lernen, etwas, das in unserer gleichaltrigen Schulwelt nicht vorkommt, spielen keine Rolle mehr, schon gar nicht, dass 462 Kinder nun eine Stunde einstmals autonome Zeit angeschnallt in rollenden Blechkisten verbringen müssen und womöglich die Lehrkräfte hinter ihnen herfahren, um sie anderenorts zu unterrichten.

In früheren Vollmondbriefen habe ich die Schließung unserer Volksschule auf der Ries angeprangert und vorgerechnet, dass Zusperren teurer sein wird als Offenhalten. Der betreibenden SPÖ hat das Beharren auf Zu-teuer-weg-damit einen gewaltigen Stimmbruch bei der nächsten Wahl beschert. Jetzt probieren sie es wieder, wohl weil sie glauben, nun verliere die mitmachende ÖVP genau so viele Stimmen.

Reinhold Ulrych 1951-2012

Uly ist uns anderen Czaschke-Schülern aus der Grazer Regie-Klasse in die ewigen Jagdgründe, in den Theaterhimmel, wohin auch immer vorausgegangen. Bei seiner Verabschiedung in der tristen hiesigen Feuerhalle erinnerte ich mich an Walter Czaschkes Warnung, vielleicht ein lebensverkürzendes Studium begonnen zu haben und dass wir ihn nicht dafür verantwortlich machen könnten. Es sei alles freiwillig und er hätte uns ja gewarnt. In der Ära Hauer am Grazer Schauspielhaus baute Uly, wie ihn alle nannten, eine zeitgemäße Kinder- und Jugendtheaterschiene auf, ging danach als Oberspielleiter nach Salzburg, später in den gerade erst gewendeten deutschen Osten, wo er wie vieles dort über kurz oder lang abgewickelt wurde und nach Graz zu Frau und Kind zurückkehrte. Was folgte war stete künstlerische Präsenz am TiK, der ältesten Off-Bühne in der Stadt und am Studententheater, wo er allerhand jungen begabten Menschen zu Aufführungsehren verhalf, was allerdings auch ein Leben im Dauerpräkariat mit allen Zumutungen der hiesigen Sozialbürokratie bedeutete. Da verlassen einen irgendwann die Kräfte.

Nr. 1

Alle Kulturfuzzis in Stadt und Land schreiben sich auf Geheiß des katholischen Tagblatts zurzeit die Finger wund und das Rückgrat krumm, um ihre Ansichten und was hier schief läuft kundzutun. Ich verweise auf den ersten Vollmondbrief vor sieben Jahren. Nichts ist erledigt. Nichts hat sich getan. Abertausende Gelder fließen in ahnungslose Gutachten und blindwütige Evaluierungen. Wertvolle Ressourcen wandern in endloses Umadumgezeter. Kein Platz mehr für schweigsame Kunstschaffende. Publish or perish.

Vollmondclip 17: Phil Ochs: When I'm Gone
Die berührende deutsche Übersetzung Nach dem Tod ist in Gerd Schinkels Überlebenslieder zu finden. Zu bestellen beim Autor info@gerdschinkel.de
Graz, am 14.1.2012
Hans Fraeulin

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