Hans


Vollmond 47

Deine Töchter, deine Söhne ...

... voll begnadet für das Schöne!" Das isses, sagte meine Doyenne des Frauenkabaretts und Trägerin des Salzburger Stiers, Irene S., als ich ihr meinen gendergerechten änderungsvorschlag eines alten Liederschreibers und Hymnenexperten vorsang. "Heimat bist du großer Söhne", heißt es im gescholtenen Original. Die Töchter wurden bisher ungeschickt eingeflickt. Immerhin konnte das Sommerloch damit gestopft werden. Die von den Nazis bis zum Musikantenstadl zerschlissene Heimat lassen wir im Schrank und "große" tragen wir in der dritten Strophe auf, wo brühwarm von Brüderchören geschwärmt wird. In großen Chören schwärmt es sich um vier Millionen besser, viel gerühmtes Österreich!

Zweite Strophe

In der immer wieder in die Debatte gezogenen zweiten Strophe des Deutschlandlieds, das von einem im gesamten in der ersten Strophe besungenen Sprachraum bekannten, Achtung! berufsmäßigen Satiriker stammt, werden zwar gendergerecht auch die Frauen erwähnt, deutsche Frauen, deutscher Wein, deutscher Käse, deutsches ... usw. Durch die Aufzählung wird jedoch klar, dass dieser Teil des Liedes nur volltrunken gesungen werden kann. Das kennen wir von Ahr bis Mosel seit 150 Jahren. Wie die Deutschen in der dritten Strophe wieder nüchtern werden sollen, geht nicht, weshalb nur noch diese Strophe gesungen wird, um nicht bei Einigkeit und Recht und Freiheit einen unpassenden Geisteszustand heraushängen zu lassen.

Aarhausen

Um meinen Gästen Graz zu zeigen, fahr ich sie gern mit der GVB, bis sie die Signation, für Jazzer Signäschn der Durchsagen nervt. In der Manier chinesischer Vollstreckungsmethoden erklingt bei jedem Halt die steirische Landeshymne: "Hoch vom Dachstein an, wo der Aar noch haust", die mit ihrer obligaten Grenzziehung seinerzeit vergleichsweise genau war und zwei Völker in einem Steirerland vereinigte. So sieht das heute keiner außer mir und zu Recht. Denn das zweite Volk, die Slowenen wurden dadurch geteilt, die einen in der Staierska, die anderen in den anderen Landesteilen des heute freien Slowenien. Damals im Vielvölkerstaat war das egal, nur den Deutschtümlern nicht. Jetzt ist es nur noch peinlich. Und bitte, liebe GVB, eine neue Signation!

Luciano

Ganz anders die Signation der SNCF, der französischen Nationaleisenbahnen. Die war mal ein Lied der chilenischen Revolution und wurde wohl aus urheberrechtlichen Gründen peu à peu auf die ersten drei Töne gestutzt. In meinem Kopf klingt es dann stramm und jubelnd weiter bis zum titelgebenden Luciano. Bitte, liebe GVB, eine neue Signation. Graz-bedingt habe ich ein dutzend Komponisten und zwei Komponistinnen im Bekanntenkreis, die GVB eine eigene Jazz-Bigband. Da wird sich doch eine Signäschn machen lassen, wenn nicht sogar eine öffi-Oper, ein Musical, was auch immer.

Lampenputzer

Nun gut, wäre die nervige GVB-Signation nicht, wäre mir vermutlich nicht aufgefallen, dass die steirische Landeshymne bereits in Erich Mühsams Lampenputzerlied aus der deutschen Revolution von 1918 parodiert wird: "War einmal ein Revoluzzer, im Zivilstand Lampenputzer ..." Auch das Deutschlandlied ist eine Parodie, freilich, auf die Kaiserhymne und die ganze nationalbesoffene hymnenselige Weihnachtszeit. O Tannenbaum, o Tannenbaum, der Kaiser hat in' Sack gehaun.

Wintermärchen

"Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht. Ich kann die Augen nicht mehr schließen und meine heißen Tränen fließen." So beginnt die Hymne der Deutschen im Exil, geschrieben von einem großen der ihren, Heinrich Heine. Für eine Hymne außergewöhnlich lang ist es ein Wintermärchen ohne Schubert und Tannenbaum geworden, in das ich meine Semmel tief hineintunken kann, wenn ich beim Frühstück Zeitung lese. Dann kommt die Post vom Bonner Amtsgericht, das mich wie einen Republikflüchtling behandelt, oder vom eigenen Bruder, der sich als getreuer Ekkehard aufspielt und mich nur übers Ohr hauen will, weil er glaubt, dass ich von daheim nichts mitkriege. Neulich im Westfernsehen deutsche Gerichtsvollzieher bei der Arbeit und Hartz-4-Kundschaft vor Gericht. Sadismus im Amt, Zynismus in der Robe, leider nicht strafbar.

Kanalarbeiter

Im Saarland dürfen subalterne Kanalbeamte den Eintrag einer Grundschuld veranlassen, wenn den Hauseigentümern dort die Gebührenvorschreibungen nicht passen, habe ich bei der Durchreise erfahren, und damit den Weg zur Zwangsversteigerung freimachen. So schaffen Kommunalbedienstete in Honecker's Country freihändig Sozialfälle, welche die Kommune anschließend durchfüttern muss. Leute des Landes, geht's noch?

Marx

Mit Zwangsversteigerungen tun sich die sozialdemokratischen Stammlande hervor, wie ich als Schnäppchenjäger glaube herausgefunden zu haben. Dass sie den Werktätigen ihre mühsam erarbeiteten Eigenheime wegnehmen und damit neue Sozialfälle schaffen, haben die Kommunal- und Sozialbeamten auf einem SPD-Ticket sicher nicht gewollt. Hätten mal besser Marx gelesen. Nach ihm hat kein ökonom so genau die unterschiedlichen Formen des Geldes beschrieben.

Kamp

Geld ist nicht Geld, Einkommen etwas anderes als Vermögen, und wie das zu Kapital wird, steht beim alten Herrn auf jeder zweiten Seite, Genossinnen und Genossen! Ich übertreibe. Wer an eine ökologische Steuerreform denkt, sollte vielleicht vorher des alten Kamp‘ Steuerlehren lesen. Der hat über Steuerwirkungen und Moral ziemlich genau Bescheid gewusst und klar erkannt, dass im Prinzip auf alles in der Welt eine Steuer erhoben werden kann und dass es den Regierungen freisteht, wofür auch immer das Geld auszugeben. Ganz krass: die Mineralölsteuer erhöhen, um die Oper zu finanzieren. Verfassungsgemäß.

Tunnelblick

Zweckbindungen sind verfassungswidrig, schrieb der alte Kamp, und Deutschland hat sich bisher daran gehalten, ist aber leider noch nicht darauf gekommen, dass sich mit einer Erhöhung der Mineralölsteuer Bildung und Sozialsystem finanzieren lassen, wenn es denn sein muss. österreich ist in solchen Dingen nicht ansprechbar und verweist auf seine Steuerberater, hat noch immer Zweckbindungen, die der Verkehrsministerin Einnahmen bescheren, die sie, die Taschen voller Geld, für die verrücktesten Dinge ausgibt, nur nicht für Bildung und Soziales. Irgendwas mit Verkehr muss es sein, Tunnel, Helme, Werbung in eigener Sache. Autobahnen hat österreich eigentlich genug -weltweit Nr. 1 auf den Quadratzentimeter und Tunnel wie ein Schweizer Käse Löcher.

Griechenland

Hätte Europa allen in Hellas einen Grundfreibetrag nach dem in den Vollmondbriefen 35 und 36 vorgestellten Grundsicherungsverfahren versprochen, hätten die Krawalle vermieden werden können, die familienbedingte Korruption hätte ein Ende und die Verchlankung der öffentlichen Verwaltung könnte sofort begonnen werden, die Steuermoral wäre auf einmal da, die Wirtschaft würde über den höheren Konsum angekurbelt und gleich Geld in den Staatssäckel fließen lassen, um die Staatsschulden zu bedienen, und ein deutsches oder österreichisches Kamerateam würde sich auf die Suche nach dem legendären Griechen in der Hängematte machen, den Hänger vorsorglich voll mit Hängematten. Und jetzt alle - schaukeln!

Graz, am 15.7.2011
Hans Fraeulin

Vollmondclip

Erich Mühsam, Mitglied des Zentralrats für die Bayrische Räterepublik 1919, zielte mit seinem Lied vom revoltierenden Gemeindebediensteten auf die Hasenfüße in der Sozialdemokratie, die stets mit der Reaktion kooperierten. Mühsam wurde am 10.Juli 1934 im KZ Oranienburg von den Nazis ermordet, seine Werke seit 1968 wieder aufgelegt.

Das Lampenputzerlied mit der Musik von Bela Reinitz wurde am 25.1.2009 bei Bertl Pfundners Fih&Gigs im Schlosskeller Ligist aufgenommen.
Die Zündschnüre mit Henrik Sande, Christoph Wundrak und Hans Fraeulin

Impressum

Vollmondbriefearchiv