Hans

Vollmond 43

Lieber Herr Anwalt,

gut, Sie als meine Vertretung in StVO-Angelegenheiten vor Gericht und in wichtigen Gremien zu wissen und danke, dass Sie auf meinen Vergleich mit Fußball eingestiegen sind. Egal, wie schlecht er hierzulande gespielt wird, ist die vulgäre Rempelei aus England für mich, der ich über 1000 Spiele geleitet habe, zivilisierter als der hierorts übliche Straßenverkehr. Wenige klar formulierte Regeln und 99% eindeutige Entscheidungen bei Regelverstößen stehen einem Sammelsurium von über 100 Paragraphen mit schwammigen Schuldaufteilungen und absurden Streitigkeiten gegenüber. Darauf hinzuweisen hat mir bisher für meine Forderung nach einer gründlichen Neufassung der StVO genügt, nicht zu vergessen ein Neuüberdenken des Eisenbahn- und Kraftfahrzeughaftpflichtgesetzes, das Schaden und Schmerzensgeld reguliert und wieder ins ABGB rückgeführt werden soll. Damit wird die menschenrechtswidrige Verschuldenshaftung auf alle Lebensbereiche ausgedehnt. Ich warne davor. Menschenrechtskonform ist allein die Gefährdungshaftung. Nachdem der Verfassungsgerichtshof sich nicht damit beschäftigen mag, fordern Sie mich zum Vergleichen auf, sagen wir besser, zu einer Gegenüberstellung von Fußball und Straßenverkehr.

Fußball ist freiwillig, am Verkehr teilzunehmen eine Zwangsveranstaltung, der sich niemand beim Verlassen des Hauses entziehen kann. Wer Fußball spielen will, hat 17 Regeln und vorher ausgemachte änderungen zu akzeptieren und wird für die Gefährdung anderer ohne Ansehen der Person bestraft. In österreich haben sich alle, die am Verkehr teilnehmen, einer für alle geltenden Ordnung zu unterwerfen und werden bestraft, auch wenn von ihnen keine Gefahr ausgeht. Selbst Kinder bekommen als Unfallopfer eine Teilschuld zugeschrieben, was sich beim Schadensersatz und Schmerzensgeld nachteilig auswirkt. Den großen finanziellen Schaden haben die Krankenkassen, die nur die Hälfte der Heilungskosten ersetzt bekommen.

Beim Fußball gelten die Regeln für alle gleich. Es darf sich nur aus eigener Kraft fortbewegt werden, während die StVO in österreich die Fortbewegung mit fremder Kraft nicht nur gestattet sondern auch privilegiert, weil sie nicht immer beherrscht wird und freie Bahn benötigt.

Und gegenüber Fußball enorme Schäden an Leib und Leben verursacht. Die Zahl der Toten und Verletzten ist einmalig für die Zivilgesellschaft. Wir sprechen zu Recht vom Krieg auf unseren Straßen.

Im Fußball gilt ein einziges Terrain als Spielfläche und alle dürfen sich darin frei bewegen. Ausnahme ist die Abseitsstellung, welche aber nur bei einem ungebührlichen Spielvorteil geahndet wird. In der österreichischen StVO wird allen, so ferne da, ein bestimmtes Territorium je nach Art der Fortbewegung vorgeschrieben und damit dem Entflechtungsgrundsatz gehuldigt, der nirgendwo sonst ein Grundsatz ist. Wer sein Territorium verlässt, egal ob zielgerichtet oder aus freien Stücken, begibt sich ins Unrecht, bekommt Nachrang oder andere Vorschriften wie zügig queren, Handzeichen geben usw. mit den üblichen Benachteiligungen nach einem Unfall.

Unfall ist kein Zufall wie auch die Begegnungen beim Fußball keine Zufälle sind. Es wird sich sogar recht häufig begegnet. Umso wichtiger sind Regeln, nach denen solche Begegnungen fair verlaufen, und klare Entscheidungen, um Rache und Selbstjustiz gar nicht erst aufkommen zu lassen. Fußball hat dafür die Regel 12, welche auch klar regelt, wie das Spiel fortzusetzen ist. Nach der hierorts üblichen Rechtsprechung mit ihren gängigen Schuldaufteilungen müsste es beim Fußball nach fast jedem Pfiff einen Schiedsrichterball geben, womit wir bald auf dem Spielfeld Mord und Totschlag wie im Straßenverkehr hätten, da sich fast immer eine Partei, wenn nicht sogar beide Parteien ungerecht behandelt fühlen würden und sich bei nächster Gelegenheit rächen wollen. Wer ein Spiel ordentlich zu ende bringen will, vergibt einen Schiedsrichterball tunlichst nur bei Einflussnahmen von dritter Seite, wenn zum Beispiel ein Hund mitspielen will.

Wer sich auf Fußball einlässt, hat mit Verletzungen zu rechnen, für die es kein Schmerzensgeld gibt, aber Gewissheit, dass der Täter sofort bestraft wird, sogar beim Versuch, mit Spielausschluss und anschließenden Sperren über Wochen und Monate, was im bezahlten Fußball höchst unerfreulich ins Geld gehen kann, wohingegen im Straßenverkehr die Täter mit Milde oder Freispruch rechnen dürfen. Für die alltäglichen Nötigungen und gefährlichen Drohungen, die hierzulande zum guten Ton zu gehören scheinen, werden Autofahrer nicht belangt. Es fehlt ihnen auch jedwedes Unrechtsbewusstsein. Die Gerichtsbarkeit ist keineswegs neutral wie die rollenbewussten Referees, weil in der Regel auch zur autofahrenden Kaste gehörig. Für die österreichische Justiz scheint Kretinismus zwar nicht klinisch, aber Wesensmerkmal zu sein. Ich lese nicht nur Zeitung. Einmal hat ein Kind, das von hinten mit einem Rückspiegel fast erschlagen worden wäre, vor Gericht die Angeklagte wiedererkennen sollen. Zuletzt hat mich eine Dame in Robe wegen meines Namens verspottet. Das war zumindest infantil. Schwerer wog, dass sie das unpfändbare Einkommen für pfändbar erklärte. Der Präsident der steirischen Wirtschaftskammer, der die Sache betrieb, musste bereits gehen. Das wird der Dame nicht passieren. Stellen Sie sich vor, der Schiri würde sich über die Namen im Spielbericht mokieren oder sich bei einer missglückten Aktion auf die Schenkel klopfen oder auch nur einen Kommentar abgeben. Der darf nicht einmal mit der Wimper zucken, wenn er sein Amt über die 90 Minuten Spielzeit bringen will. Er hat binnen Sekunden vor aller Augen zu urteilen, und das gilt auch für Schiedsrichterinnen, während sich hierzulande die Richterschaft nach der Verhandlung mit einer Urteilsverkündung unter Umgehung der öffentlichkeit sechs Wochen oder mehr Zeit lassen darf. Mit Schuldaufteilungen nach Auffahrunfällen hat sie für Panik im Autoverkehr gesorgt. Gemäß ihren Berechnungen nach Frontalunfällen wird in österreich auf halbe Sicht Auto gefahren.

Fußball ist auch schlecht gespielt beliebt, während immer mehr Menschen die ungerechte Benachteiligung der Fortbewegung aus eigener Kraft im Straßenverkehr nicht länger hinnehmen wollen. Hinzu kommt, dass sie sich an Regeln halten müssen, die eigentlich nicht für sie, sondern für die motorisierte Fortbewegung aufgestellt wurden. Die Fortbewegung aus eigener Kraft zur Benützung von Gehsteig, Radweg und Zebrastreifen zu verpflichten, geht entschieden zu weit, wie inzwischen auch höherenorts eingesehen wird. Dass Kinder wegen der Dummheit der Autofahrer hierzulande erst mit zwölf allein Fahrrad fahren dürfen, ist ein schlechter Witz. Jedenfalls dürfen sie Fußball spielen, auch wenn sie es noch nicht können.

Im Fußball darf das Spielfeld jederzeit verlassen werden, auch der Torhüter den Strafraum. Es ist ihm außerhalb nur nicht erlaubt, den Ball zu fangen. Beim Freistoß vom Gegner einen Abstand von 10 Yards zu fordern und bei einem Strafstoß den 16m breiten Strafraum zu verlassen sind harmlose Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und durch den Regelverstoß davor gerechtfertigt. Dass nur mitspielen darf, wer auf dem Spielfeld ist, ergibt sich von selbst. Einen Spieler, der sich weigert Fußball zu spielen und sonst nichts Böses tut, bekommen Sie sehr schwer vom Platz.

Wie anders dagegen die vielen Bestimmungen, Regelungen und Vorschriften in österreich, wenn die Straße zu verkehrsfremden Zwecken benützt werden will. Menschenrechte, ihre Wahrnehmung und Ausübung gelten als Vorwand, den Verkehr zu beeinträchtigen. Selbst das älteste Menschenrecht, das 3000 Jahre alte Recht auf ungestörtes Totengedenken, hat gegenüber knatternden Mopeds senil-pubertierender Arschlöcher zurückzustehen, wie mir passiert ist. Der bewusste Bruch dieses Menschenrechts war seinerzeit die rechtliche Grundlage für den Blitzkrieg. Am Isonzo ist das von den Gräbern abzulesen. Aber das nur nebenbei.

Der Umgang der Menschen miteinander befindet sich in stetem Wandel, ist insgesamt friedlicher geworden, sodass sich in der StVO viel totes Recht angesammelt hat. Mancher Paragraf wie der §43 über Verkehrssicherheitsmaßnahmen ist schlicht schlechtes Deutsch und wird kaum richtig verstanden. Erst hupen, dann bremsen, ist in österreich grausame Vorschrift. Der beliebte Vergleich mit Schweden macht uns sicher: nur ein Viertel Verkehrsunfälle, in Malmö nur ein Viertel des schwedischen Durchschnitts. Wenn also in Graz 15 Unfälle passiert sind, hat es in Malmö immer noch nicht gekracht. Sind wir hier dümmer als in Schweden? Sicher nicht. Es muss an den Spielregeln liegen. Im Fußball ist keine Regel tot, sondern den jeweiligen Spielverhältnissen angepasst. Sind keine Tore da, markieren wir sie mit Schuhen und Klamotten. Eigenmächtig die Regeln für den Spielverlauf zu ändern ergibt stets schlechten Fußball. Im Steirischen Jugendfußball bin ich auf die Unsitte gestoßen, Regelverstöße nicht zu pfeifen, welche die Kinder nicht kennen. Man tut ihnen damit keinen Gefallen, dem Fußball auch nicht.

Der Verfassungsgerichtshof hat in österreich fast jedes neue Gesetz auf übereinstimmung mit der Verfassung und den darin enthaltenen Menschenrechten zu überprüfen. über die Ablehnung, das mit einem 50 Jahre alten von Anfang an vermurksten Gesetz mit Nazistempel und derart schlimmen Folgen zu tun, kann ich mich nur wundern. Ob die alten Herrschaften Angst haben, den Führerschein noch einmal machen zu müssen? Es wird wohl eher der Wunsch jedweder Herrschaft sein, die Straße möge nur dem Verkehr dienen und nicht wie in Kairo oder Tunis ihre Herrschaft in Frage stellen. Für eine Demokratie ist das beschämend. So erlebe ich in österreich, was ich einmal in einer Streitschrift so überschrieben habe: die Diktatur der Nasenbohrer.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihr Hans Fraeulin.

Editorial:

Der neueste Vollmondclip muss leider entfallen, weil das zum Grazer Bettelverbot passende Stillepenn-Schluff-Lied von Wolf Biermann noch nicht auf YouTube kanalisiert werden konnte. Alle Vollmondclips auf www.youtube.com/user/Pickpackpie abrufbar.

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