Hans

Vollmond 41

Auf den Schienen Europas

Die Sekte

Auf der Suche nach der Göttin des Todes habe ich wunderliches erlebt, zum Beispiel einen internationalen Kopfbahnhof in der Einsamkeit der Berge, von dem es direkt unter die Plaza de Catalunya ging, lebendiger als der Picadilly Circus, die Französischen Eisenbahnen, welche im Streik besser funktionierten als zuvor, die in Wehrmachtangelegenheiten immer noch maßgebliche Deutsche Bahn und eine nach außen freundliche, aber nach seltsamen Ritualen handelnden Sekte, welche die Österreichischen Bundesbahnen betreibt, einheitlich gekleidet, geschlossen nach außen, immun gegen jede Kritik. Ihre Bibel ist der Fahrplan, jede Abweichung davon den Mitgliedern ein Gräuel, weshalb sie bei der herbstlichen Zeitumstellung alle Züge eine Stunde anhielten, bis sie dem Fahrplan wieder folgen durften. Die Fahrgäste, die das in der Nacht gemerkt haben, konnten nicht mit einem solchen verkehrsfremden Verhalten rechnen. Womöglich hat sich sogar jemand gefreut, eine Stunde früher am Ziel zu sein, weshalb sich die Priester verschlossen gaben, um nicht dumm angeredet zu werden, bis ein kleines Malheur in einem Schmalspurbahnhof sie vollends aus der Fassung brachte, hatten sie doch nach der Bibel in Bruck an der Mur einfahren und die Fahrtrichtung wechseln müssen. Da bei einem alten klapprigen Nachtzug Kopf gemacht werden muss, dauert das seine Zeit, bis eine Lok vorgespannt ist. Wer es dann noch eilig hat, macht leicht Fehler und vergisst zum Beispiel, dass die Lok am anderen Ende mitgenommen wird. Was auch immer passiert ist, es war keine Luft in den Bremsen, als der Zug mit qualmenden Rädern anhalten musste und schließlich mit zwanzig, eigentlich achtzig Minuten verspätet am Ziel war.

Die Strafe

Ein halbes Jahr zuvor war ich wegen verkehrsfremden Verhaltens in Österreich zu 30€ Strafe verurteilt worden, weshalb mich interessierte, wie viel die Polizei von den Mitgliedern dieser inländischen Sekte in jener Nacht hätte einkassieren können. Leider wissen selbst die Oberhäupter nicht, wie viele Mitglieder ihrer Gemeinde in der Nacht zum Bibeldienst eingeteilt sind. Ich kam auf 5000, ein Insider, den ich vom Flohmarkt kenne, unbeeinflusst auf 10.000, was beim Fixkostenüberhang in ihrer Tarnfirma mit noch 43.000 Beschäftigten eher anzunehmen ist. 300.000€! – die will ich haben. Strafe, Bußgeld, Schadensersatz, ist mir egal, meine Expedition ist nicht ganz billig.

Die zwei Milliarden

Mit meinem Basistunnel-Paradoxon als unschlagbares Argument gegen den widersinnigen Tunnelbau in Österreich spart sich der Finanzminister 2 Mrd. € jährlich, über geplante zehn Jahre 26 Mrd. € mit Zinsen. Sein Vorgänger hat das auch anerkannt, besaß aber leider nicht den Anstand, mir ein paar alte Steuerschulden zu erlassen. So wird man Vorgänger. Die zwei Milliarden will ich endlich haben und mir nicht mehr die schikanöse Behandlung meiner Projekte durch die Landeskulturabteilung gefallen lassen. Also mahnte ich das für alle bei einer Podiumsdiskussion der Freien Theater mit den Kulturverantwortlichen von Stadt und Land ein, bevor die ländliche Dame den Saal verlassen konnte. Da empörten sich alle. Die Meister von Spiel und Improvisation riefen zur Ordnung, die Granden der Verstellung und Täuschung forderten Beweise und die schlecht bezahlten Spaßmacher Respekt.

Die Pension für alle

Was mache ich jetzt mit meinen zwei Milliarden jährlich? Kommen noch die 4 Milliarden der Krankenkassen hinzu, die sie durch entgangene Heilungskosten nach Verkehrsunfällen buchstäblich auf der Straße liegen lassen. Ich habe das vergeblich bei der Gebietskrankenkasse und bei der gewerblichen Versicherungsanstalt, die auch noch pampig wurde, deponiert. Bei 2,6 Mrd. Defizit bleiben 1,4 Mrd. übrig, mit denen die Krankheiten, Kuren, Pflege und Pensionen aller Kunstschaffenden in Österreich locker finanziert werden können, auch die der drittklassigen. Wer das nicht begreift, hat es nicht verdient. Jedenfalls rühre ich für sie keinen Finger mehr. Bleibt die Frage, was ich mit so viel Geld machen soll.

Die Torheit

Vom aktuellen Finanzstaatssekretär weiß ich von seinem Handicap, bei der Verwendung der Einnahmen aus der Mineralölsteuer und anderen verkehrsbedingten Abgaben lediglich ein Mitspracherecht zu haben, weil sie einst vom Nationalrat zweckgewidmet wurden, um sie den Autofahrern schmackhaft zu machen. Nach den hiesigen Gepflogenheiten bekommen kleinkollektive Torheiten dieser Provenienz sogar Verfassungsrang. An die paradoxen 2 Mrd. € kommen der Finanzminister und sein Staatssekretär nicht heran, ich schon gar nicht. Das Sagen hat die Verkehrsministerin, der die Tunnellobby in den Ohren liegt und die zurzeit so tut, als müsse auch sie sparen, in Wirklichkeit zum Bohren der Alpen und zum Betonieren Österreichs mit vollem Orchester halaliert.

Das Doppelparadoxon

Ich muss erst die Torheit bekämpfen, bevor ich wieder vom vielen Geld träumen darf. Als ich Deutschland verließ, war keine Steuer zweckgewidmet, wenn auch immer wieder versucht wurde, damit neue Steuern einzuführen. Eine solche Zweckwidmung schränkt die von der Verfassung garantierte Handlungs- und Entscheidungsfreiheit von Regierung und Parlament in unzulässiger Weise ein. Wenn eine Verfassung verfassungswidrige Bestimmungen enthält, ist das zumindest paradox, womit wir mit Blick auf die Tunnel von einem sich nicht aufhebenden Doppelparadoxon sprechen können.

Das Stadttheater

Am deutschen Stadttheater ist nur noch die Rolle des Nachlassverwalters für mich übrig, wenn ich der Stimmung im Lande und der ZEIT glauben darf. Geld hineinpumpen bringt nichts außer Spesen. Hat je ein Stadttheater das Gesicht einer Stadt verändert? aus Bochum eine blühende Landschaft gemacht? aus Wien einen einzigen Freiheitlichen vergrault? Meiningen zur alten Größe verholfen? Es ist vor allem nicht in der Lage gewesen, sich das künstlerische Potential einer Stadt zu erschließen, sondern begriff sich mal mehr, mal weniger bescheiden als Diva assoluta unter blutigen Laien. Auf der Suche nach der Göttin des Todes sind mir zwei so gut wie tote Stadttheater aufgefallen – in Frankreich. Von außen immer noch hübsch liegen sie mitten in der Saison im Dunkeln, der eine Intendant, Jean Vilar, einst als Erneuerer des französischen Theaters gefeiert, schon lange auf dem legendären Friedhof von Sète begraben. Der andere, Jérôme Savary, wurde mir gesagt, komme angeblich noch zweimal im Jahr nach Beziers, wo er noch angeblicher Intendant sei.

Das Dilemma

Für das Stadttheater Klagenfurt ganz in der Nähe wird eine neue Intendanz gesucht, wie geschaffen für mein Theater für alle, allein wenn ich an die vielen Chöre dort denke. Nabucco, und alle singen mit. „Wo man mit Blut die Grenze schrieb und frei in Not und Tod verblieb.“ Geil. Kaputtsparen hin, Dünkel her, für Klagenfurt werde ich die zwei Milliarden nicht akquirieren können, da kann ich noch so vom Fach sein. Dort befürworten sie einhellig den paradoxen Koralm-Tunnel zur Umgehung des benachbarten Slowenien.

Graz, am 15.11.2010
Hans Fraeulin

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