Hans

Vollmond 40

Auf der Suche

Vollmondnächte unterwegs

Mit einem kleinen Budget der Stadt Graz und einem Akkreditiv meiner Bank machte ich mich im Rahmen meines Gothic-Alpine-Projekts auf die Suche. Ein kleiner Schlenker über Berlin erlaubte mir, noch einen Kongress für kinderfreundliche Stadtentwicklung mitzunehmen. Danach schwang ich mich in Toulouse auf mein Fahrrad, um entlang des Canal du Midi in Scheunen und auf Friedhöfen herumzustöbern. Von unterwegs die Vollmondbriefgemeinde mit Stoff zu versorgen scheiterte weniger an der kümmerlichen Nahversorgung mit Zugängen zum Internet als daran, zu viel auf einmal erlebt zu haben, um zwischendurch mein Hirnkastl auf Wiedergabe umstellen zu können. Ohnmächtig und fassungslos verbrachte ich etliche Nächte auf europäischen Schienen und verpasste zwei Vollmondnächte, um Dampf abzulassen und nach Luft zu schnappen. Um weiteren besorgten Nachfragen zuvorzukommen, hier ein erster Bericht.

Truppentransporter

Mit dem Nachtzug von Berlin nach Paris dachte ich mir auf der Suche nach der Göttin des Todes eine Nacht zu schenken. Die deutsche Bahn tat alles, um sie mir zu verderben. Den Waggon, für den ich reserviert hatte, hatten sie eingespart. Ich wurde umgebucht und musste hinnehmen, dass ich mit wildfremden Menschen in ein Abteil gesperrt wurde. Das ist zwar inzwischen verfassungswidrig, aber nur zwischen Zürich und Graz. Wer weiß, wegen des hübschen jungen Ghanaers hätte ich vielleicht noch meine sexuelle Orientierung verloren, hätte er nicht wie alle jungen Männer gelernt, nicht mit den Schuhen ins Bett zu steigen, und hätten nicht wie bei allen jungen Männern op Jöck die Socken gequalmt. In der drückend engen Kabine mit drei Betten übereinander konnten wir weder sitzen noch stehen, schon gar nicht zu zweit, zu schweigen von einem tête-à-tête. Konzipiert war der Waggon für Truppentransporte. So viel war klar – an Schlaf nicht zu denken.

Ich machte es mir im Speisewagen gemütlich und dachte daran, mir später das Bettzeug zu holen, weil die Kontakte zum Zugpersonal und meine Proteste nichts bewirkten, nicht einmal ein Wort des Bedauerns. Mir wurden die Vorschriften und das Los der Touristen in den Billigfliegern vorgehalten, die dummen ÖBB, die mir nichtsahnend Tickets verkauft hätten, und vorgeworfen, mich nicht vorher erkundigt zu haben, dass ein Nachtzug zwischen den europäischen Metropolen Berlin und Paris den Vergleich mit einem Luftschutzbunker geradezu aufdrängen müsste. Als Tourist müsste ich doch wissen, ja was eigentlich? Dass ich bei der Deutschen Bahn wie in den Katakomben von Rom oder den Kasematten von Rastatt und Graz gebettet werde?

Raumsparwunder

Der letzte Raum wurde in der Toilette gespart, um jedweden Versuch, aus Protest daneben zu scheißen, sofort zu vereiteln. Subtil wurde mir vermittelt, dass der Soldat nur im Stehen pinkelt und sich beim Rückzug nicht umdrehen darf. Da auch alten Männern wie mir, dem Bahnchef und Tilo Sarrazin gelegentlich die Socken qualmen, konnte ich genetische Differenzen abhaken und mich der naheliegenden Verschwörungstheorie widmen, mir sei der junge Mann aus Afrika ins Abteil gesteckt worden, um mich gegen Aufpreis, versteht sich, zu einem Single-Abteil zu nötigen. 40 € Grundpreis, 60 € Aufschlag – so werden die drastischen Maßnahmen die Kundschaft zu überzeugen verständlich. Da die Geschäftsführung der deutschen Bahn sich derzeit nicht scheut, die potentielle Kundschaft mit Wasserwerfern zu vergraulen und, wenn es dicke kommt, das Stadtbild der schwäbischen Residenz mit ihrem wild wuchernden Baumbestand neu zu ordnen, sparte ich mir alle Gedanken, ad hoc an deutschen Zuständen etwas zu ändern, willigte in die Abzocke ein und legte mich schlafen.

Frühstückssäckchen

Wie Blitzkrieg wird auch Frühstückssäckchen als unsäglich und unübersetzbar in den Weltfremdwörterschatz eingehen. Davon bin ich nach der Reise im DB-Truppentransporter überzeugt. Die Stewardess, Typ Justizwachebeamtin im Vorruhestand, schleppte gerade das dritte Tischchen herein, um es an die Wand zu haken. Die anderen waren vom vielen Einhaken kaputt. Warum wird nicht im Zugrestaurant ein Buffet aufgestellt, dachte ich. Wegen des harten Gestühls? Weil es nicht Fress- und Saufkarre, sondern immer noch Speisewagen heißt? Weil er sich dann nicht mehr einsparen ließe? Weil sich die hungernde Meute doch nur die Wampe vollschlägt? Mit einem Frühstückssäcken kann das nicht passieren, das meiste Papier und Plastik und auch nur Diätmargarine drin, die eine Semmel gerade so ledern, dass noch Brösel auf den Koffer rieseln. Jetzt weiß ich, was deutsche Bahnmanager unter Frühstück ans Bett ihren Gästen zumuten und warum die Currywurst gern mal mit Sekt, aber vorzugsweise im Stehen genossen wird.

Hart wie K.

Für Dienstleistungen deutscher Provenienz braucht es abgehärtetes Personal, flink mit der Vorschrift und mit zähem Gespür fürs Maßgebliche, an Tragen von Uniform gewöhnt. Der Zugchef hingegen versprühte mit seinem Kaiser Wilhelm die Autorität eines Zauberkünstlers vom Kinder-Varieté. Er hatte mich schon von weitem gehört. Truppentransporter, Truppentransporter rief er verzweiflungsvoll durch die Gänge, um Klappe auf, Klappe zu noch ein gescheites Arrangement für mich zu treffen. Den Originalbeleg wollte er mir nicht herausgeben. Das sei für ihn bares Geld. Auch für mich, wandte ich ein, was er geflissentlich überhörte. Er verwies mich auf einen Strich auf dem Aufpreis, der sich mit der Alterssehhilfe als das Kleingedruckte herausstellte.

Wie anders dagegen der deutsche Zugchef im TGV von Paris nach Frankfurt, der mich erst gar nicht nach Deutschland hineinlassen wollte. Zugegeben, ich war frech geworden, weil ich nicht nach 20 € Zuschlag noch einmal zahlen wollte, um das gelobte Land zu queren, worauf er mir mit Strafzahlungen drohte, sollte ich nach Saarbrücken noch im Zug sitzen. Jetzt, meinte ich, weiß ich warum ich vor 30 Jahren Deutschland verlassen habe. Und warum, fragte er mich. Damit ich weniger Menschen wie Ihnen begegne, murmelte ich.

Sabotage in St. Avold

Ich saß günstig direkt vor seinem Kabuff, wo er für mich eine kleine Show mit dem Titel Sabotage in St. Avold abzog. Er telefonierte mit seiner Leitstelle, wieder sei der Zug fette vier Minuten zu spät, weil die Franzosen ihm einen Bummelzug vor die Nase gesetzt hätten. Mir kam die Szene seltsam bekannt vor, als hätte sich das beim letzten Mal Paris-Frankfurt bereits so abgespielt, als würden sich alle deutschen Zugchefs kurz vor St. Avold über immer gleiche Verspätungen aufregen. Déja vu, déja entendu, ich weiß um die Kapriolen des eigenen Gedächtnisses. Aber ich habe eine Erklärung dafür.

Wortwahl, Benehmen und eigenes Erleben ließen keinen Zweifel daran, dass Zugchef Klein, er hieß wie der Oberst in Afghanistan, der Bomben bestellte, als die lokale Wirtschaft wegen einer Benzinlieferung aufblühte, Karriere bei der Bundeswehr gemacht und nach dem Abschied die Uniform gewechselt hatte. Für den neuen Job hat er dazulernen müssen, nur nicht Kundenfreundlichkeit und Einsichtsfähigkeit, aber die zur Latrinenparole verkommene Geschichte von St. Avold, wo wir durchbretterten und weit und breit kein Bummelzug zu sehen war, wo seinerzeit die Résistance die Wehrmacht hereingelegt hatte, als sie auf ihrem Rückzug die französische Kunst nach Deutschland verschleppen wollte und weiträumig wieder nach Paris umgeleitet wurde. Um die Wehrmacht im Zug zu täuschen, wurden die Bahnhofsschilder ausgetauscht. St. Avold war in Wirklichkeit Commercy. In John Frankenheimers Film Der Zug, der Ende der 50er Jahre in allen Kinos lief, ist dieses Husarenstück des Widerstands verewigt.

Maßgeblich

Maßgeblich, war Kleins Lieblingswort. Ich bat seinen elsässischen Kollegen zwischen uns zu vermitteln. Das Wort könne ich seit Beziers nicht mehr hören. Dort wurden nach der vollständigen Besetzung Frankreichs 243 Menschen aus der Umgebung auf dem Hauptplatz zusammengetrieben und erschossen. Maßgeblich war, dass sie Franzosen im wehrfähigen Alter waren. Auf der Suche nach der Göttin des Todes habe ich ihre Gräber gesehen und nicht mehr weiter suchen wollen.

Graz, am 2.11.2010

Hans Fraeulin

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Alle 40 Vollmondbriefe lassen sich im Vollmondbriefe-Archiv auf www.pickuptheater.com nachlesen. Besonders zu empfehlen sind die Ausgaben 19, 35 und 36 über das Basistunnel-Paradoxon und ein faires, einfach zu handhabendes Grundsicherungsverfahren, mit dem auch die Diskriminierung von Kindern beim Sozialgeld beendet werden kann. Die letzte Ausgabe informiert darüber, wie in Österreich mit einer Verfassungsbeschwerde gegen die StVO der Krieg auf unseren Straßen aufhören soll.

Vollmondclips 11 und 12

Die musikalischen Schmankerln für zwischendurch auf Youtube taugen weniger für die Hitparade und eher als Beweismittel. Mir spricht zurzeit Wolfgang Niedecken aus der Seele mit einem Lied, das ich 1978 zum ersten Mal hörte, als wir Stollwerck besetzten. Verdammt lang her.

Gerd Schinkels Kommentar zu Stuttgart 21 ist seriöse Argumentationshilfe in Hifi-Qualität und bei Gott kein Schwäbisch Trallala, mit dem zurzeit die Bewegung veräppelt wird. Bahnhofsverständnis:

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