Hans

Vierter Vollmondbrief von Hans Fraeulin

Vollmondbriefe wird es so lange geben, so lange in Graz ein inkompetenter Wirtschaftsfachmann auch noch für Kultur zuständig ist.

PISel-Strategien

Vor dem Hintergrund der PISA-Studie Schulen zu schließen ist ein lustiger Reflex der Regierenden. Ohne Schule kein PISA! Abschaffung aller Zebrastreifen wurde voriges Jahr von der Regierung gefordert, damit es auf Zebrastreifen keine Unfälle mehr gibt. Alle haben sie nicht beseitigen dürfen, weder Schulen, noch Zebrastreifen. Aber seien wir ehrlich. Da wo kein Teppich ist, lässt sich auch nichts mehr darunter kehren. Abschaffen als Problemlösung scheint in der Politik also noch lange nicht aus der Mode zu sein. 153 Schulen sollen in einer der schönsten Gegenden der Welt geschlossen werden. Die dafür zuständige Landesrätin wehrt sich, ja womit? Sagen wir: mit Heldenmut. Als der Landtag darüber beschließen sollte, die 153. Schule offen zu halten, lehnte ihre Partei das ab, dank Oranien mit Mehrheit. Die Frau ist zu bedauern.

Apropos Helden

Wer im Zweiten Weltkrieg ein Einsehen hatte, dass man von Verbrechern hineingeschickt wurde, und irgendwann die Konsequenz zog und tat, was man für das beste befand, das sind die eigentlichen Helden dieses Krieges – die Deserteure. Was ich zu ihrem Gedenken tun konnte, habe ich getan, nachzulesen und in der Tat zu hören unter www.graz.gruene.at/ries

General de Maizière aus der deutschen Wehrmacht, Generalinspekteur der Bundeswehr, hat mir beigebracht zu unterscheiden: Desertion, unerlaubtes Fernbleiben von der Truppe usw., damit niemand mehr mit seinem versifften Hirn auf seine Kameraden schießt. Feigheit vor dem Feind stand auch im Zweiten Weltkrieg in keinem Soldatenhandbuch als Delikt vermerkt. Deswegen sind hunderte Kameraden erschossen worden. Vor einer zwanzigfachen Übermacht zu flüchten war in den letzten Kriegswochen das Gebot der Stunde. Im Stich lassen eines Verletzten ist auch heute noch ein Delikt, meistens im Autoverkehr, dem Krieg auf unseren Straßen. Wird mit Arrest bestraft. Ich weiß nicht, wo das je im Krieg vorgekommen ist, dass man willentlich seinen Freund in der Kampfzone hat verrecken lassen. Fanatische Truppenführer, durchgeknallte Fähnriche, Leutnants und Feldwebel in der Nazi-Armee versteckten sich hinter ihre Mannschaften, die sie eigentlich anführen sollten und knallten alle ab, die ihnen mit verzweifelten Gesichtern entgegenkamen.

Das sind die Kameradenmörder

Ein österreichischer Bundesrat, verblendet von dem, was sein Vater vom Krieg in sein Hirn geschissen hat, weiß es nicht besser. Also schafft ihn fort aus seinen Ämtern. Er hat in dieser Republik keinen Auftrag. Und so wirkt sich der repräsentative Hirnriss aus: Einer von den Knallblauorangen aus der österreichischen Polizei schickt mir zwei Tage nach diesen unerträglichen Sagern, nachdem die Gedenkfeier schon drei Wochen her ist, zwei überteuerte Strafzettel wegen Falschparkens und Reversierens, weil ich mein Auto dort abstellen wollte, wo es gerade günstig war. Anschließend hob ein Polizeioberst in Vertretung der Frau Landeshauptmann den Mut der Deserteure hervor. Mein Respekt. Wäre als dummer Zufall zu werten, wenn ich diese Veranstaltung zum Gedenken an die Deserteure nicht eigenhändig organisiert hätte.

Siegfried Kampl wird Bundesratspräsident

Und alle jammern, dagegen ließe sich nichts machen. Aber natürlich. Wenn er seine erste Sitzung eröffnen will, gehen alle Bundesräte aus dem Saal. So einfach ist das. Wenn er noch einmal eine Sitzung eröffnen will, gehen wieder alle aus dem Saal, am besten vor laufender Kamera. Dann flüstert ihm der Saaldiener etwas zu und Siegfried Kampl trollt sich notgezwungen von dannen. Wenn er sich verzupft hat, versammeln sich die Bundesräte wieder und wählen aus ihrer Mitte einen provisorischen Vorsitz und richten eine Petition an den Nationalrat, sich ihre Präsidenten selbst wählen zu dürfen. So einfach ist das.

Ein Schweizer im Ausland...

Sang der unermüdliche Franz Hohler mit seinem Cello unverhohlen über seine Landsleute und wir lachten immer. Einer macht in Graz echt beschauliches Theater, will von mir am 8. Mai Lieder für und gegen den Krieg. Das Für ist provokant von mir hineinreklamiert worden. „Verlorner Posten in dem Freiheitskriege…“, von Heinrich Heine habe ich seit vielen Jahren im Kopf. Ich habe Thomas Guglielmetti eine Gala vorgeschlagen. Er sagt, auf Ebene 3. Den Krieg im Dachstüberl verstecken, wer täte das nicht gern. Der Raum ist aber gut. Bisher und in einem halben Tag habe ich 60 Lieder aus meinem Tonbandarchiv zusammengetragen und nach Partisanenliedern noch gar nicht gesucht. Wer will mitmachen? Vielleicht kennt wer das eine oder andere Lied. Liste per E-Mail anfordern siehe unten. Ich arbeite an den Geschichten zu den einzelnen Liedern. Habe ich einiges zu erzählen. Moderation meinerseits gerne, aber Singen nur mehr zur Not, wenn es niemand bis dahin singen kann.

Stellenanzeige

Matthias Fontheim haut sich über die Häuser und wird Intendant in Mainz und es ist ihm zu gönnen. Gehen wir also in Zukunft ins Mainzer Theater. Nun sucht der Grazer Kulturstadtrat nach was eigentlich? Nach einem jungen Wiener Kaffeehausliteraten, der sein Wirtschaftsstudium abgebrochen hat. So liest sich jedenfalls die Anzeige im Standard, klein und so dünn formatiert, dass ja kein älteres Semester zur Brille greift. In der ZEIT wurde nicht inseriert. Es könnte vielleicht ein deutscher Intellektueller auf den Geschmack kommen, sich in Graz zu bewerben. Dann schon lieber einen Wiener Kaffeehausliteraten. Es ist schon günstig, nicht mehr nach einem Schauspieldirektor suchen zu müssen, der wenigstens in zwei überregionalen deutschen und Schweizer Blättern ausgeschrieben werden müsste, sondern nur mehr nach jemandem, der die Geschäfte führt. Wer wirklich auch die volle künstlerische Verantwortung übernehmen will, sollte sich für die Intendanz und Chefität der verkorksten Holding bewerben. Bis 30. April ist Bewerbungsfrist.

Horror im Amtsblatt

Als Mandatar in Graz habe ich denkbar langweilige Lektüre: Gerade stieg mir aber bei einem lapidaren Gemeinderatsbeschluss der Horror auf. Die Stadt vermietet das Kindermuseum der Kimus GmbH auf unbestimmte Zeit. Wo liegt da der Schrecken? – bei vermietet! Das war von mir anders geplant, so wie im GmbH-Gesetz vorgesehen: Die Gesellschafter bringen ihre Vermögenswerte in die GmbH als Eigenkapital ein und wachen im Aufsichtsrat über eine ordentliche Geschäftsführung und die gewinn- bzw. nutzbringende Verwendung des eingesetzten Kapitals. Jetzt muss ich feststellen, dass der Betreibergesellschaft nicht einmal die Immobilie gehört und daher niemandem eine Sicherheit für in das Projekt investiertes Geld bieten kann außer ein paar abgetakelte Kulissen. Das war wohl auch so mit der List-Halle und dem steirischen herbst. Kein Wunder, dass weder das Land noch der Bund noch bedeutende Firmen in das Kindermuseum investieren. Wenn das bei der Theaterholding auch so ist wie übrigens beim Theater von Altenburg-Gera, einer der ältesten dieser windigen Betriebsgesellschaften mit bescheuerter Haftung, und beim Stadtmuseum auch so werden soll, dann gnade Gott der Grazer Kultur. Sie würde wortwörtlich abgewirtschaftet – ausgerechnet von Leuten, die sich in Ämter bringen, wo sie ökonomische Kompetenz zeigen müssten – und beweisen das Gegenteil.

Die Unschule

So was gibt es in der Tat, eine Schule, die sich ob ihrer schieren Größe in ihr Gegenteil verwandelt. Bulme in Gösting heißt das Gerät. Ich weiß nicht viel mehr, als da 2500 Schüler und 250 Lehrer jeden Tag hineingehen. Sie lernen dort schöne Sachen, Fahrzeugtechnik zum Beispiel. Weiß jemand unter uns, wie eine DS unterm Hintern funktioniert? Beim ÖAMTC kamen sie schön ins Schwitzen, als ich ihnen meine Nachfolgerin der Déesse vorführte, um herauszufinden, warum sie soviel säuft. Methodisch-didaktisch ist die HTL in Gösting wenigstens so alt wie der erste Volkswagen. Das lässt sich leicht an den enormen Fehlstunden der Schüler, dass Schülerinnen kaum vorkommen, dass bis zu einem Drittel eines Jahrgangs repetieren muss, und an den vielen durch Lehrkräfte und fehlende Selbstorganisation verursachten Stundenausfällen festmachen.

Die Unschule 2

In der Unschule lernt mein Sohn definitiv nicht die verhängnisvolle Rolle, welche die Nazizeit für die Technik spielte und umgekehrt auch nicht sich mit der Technik als aktive Promotion für die Nazis auseinander zu setzen. Es gibt dort keinen Unterricht in Geschichte. Das darf eigentlich nicht wahr sein. So macht man Halbwüchsige zu Fachdioten. Nur wenige Lehrkräfte bedauern das. Wer aus der Geschichte nichts gelernt hat, ist verdammt sie zu wiederholen. Angesichts der Vielzahl der Repetenten in einer HTL ohne Geschichtsunterricht blanker Hohn.

Ing.-Produktion

Immer wenn mir im Verkehr durchgeknallte Typen begegnen, stelle ich fest, dass sie irgendein Ing. vor dem Namen haben. Bei der Menge Absolventen in Graz wundert mich das nicht. Dass ich immer an der TU vorbeifahren muss, wenn ich in die Stadt will, verschärft meinen Eindruck. Sicher probieren sie aus, wie weit sie gehen können. Das ist auch nicht verwerflich. Sie als Monster auf unseren Straßen zu erleben, finde ich nicht mehr lustig, als Menschen an der Macht der Horror – eine Mischung aus Addams Family und Hör mal, wer da hämmert, in Österreich seit neuestem in schrillem blau-orange.

Clockwork Orange

Ich habe einmal bei einer Tagung für Grazer Integrierte Verkehrsentwicklung (GIVE, wie putzig, give peace a chance) den hiesigen Schwerexperten ein Leitbild Verkehr für eine kinderfreundliche Stadt vorgestellt und den von meiner Liebsten gegen Regen auf dem Rad für mich in Orange teuer erkauften Gore-Tex-Anorak ein paar Minuten aus den Augen gelassen, war er schon weg. Das ist jetzt zehn Jahre her und an der Einstellung der Leute hier hat sich nichts geändert. Das macht mir Angst. Ich möchte am liebsten weg sein, und bleibe am liebsten hier. Wer das sang, hatte noch eine bescheuerte Mauer dazwischen. Wer als erste rät, wer es sang, lade ich zum Essen ein – in das Restaurant ihrer Wahl. Die Männer, bitte nicht bös sein. Sie waren damals alle nur auf dem Mist krähende Hähne. Danach halbwegs kleidsame Anoraks mit dem Touch von Straßendienst aus der Garderobe zu klauen, hat zumindest kein Stil.

Post scriptum

Vollmond war eigentlich schon am Sonntag. Mondtag hätte zum Abschicken wunderbar gepasst, und immer noch schreibend haben wir auf der Uhr schon Dienstag. Jetzt tun wir uns aber tummeln. Vollmondbriefe ergehen an Menschen, von denen ich glaube, dass sie sich für Kunst und Politik in Graz interessieren. Donnerstag richtet die Frau LH in der List-Halle ein Künstlerfest aus. Wahlkampf ist ein ehrenwertes Geschäft. Honni soit, qui mal y pense. Also nichts wie hin mit uns. Wer weiß, wohin der Orden gehört, auf dem der seltsame Spruch vermerkt ist, die führe ich gern am Arm in die List-Halle. Ein Schuft, wer böses dabei denkt. Steht auf dem Orden.

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