Hans

38. Vollmondbrief

Nichts ist so fad

Nichts ist so fad wie Kürbis und die Steiermark, werden TV-Kunden vor dem Umschalten gedacht haben und so lange denken, bis Detektiv wider Willen mit Sky Dumont, Doris Schretzmayer und August Schmölzer auf allen Degeto-Kanälen abgenudelt sein wird. Ereifert haben sich nur die Rezensenten, dass dafür Rundfunkgebühren ausgegeben worden sind, und auch gleich spitzgekriegt, wer den Film mitfinanzierte, die Cine-Styria, die landeseigene Filmfirma, die dafür sorgte, dass nach dem Ausseerland Graz und die Reststeiermark als Panorama für die nächsten 20 Jahre abgelutscht sein werden.

Über die Ruhr

Wenn alle Leute schlafen, kommen die guten Filme. Besonders erhellend der Kampf gegen Staub und Ruß im Ruhrgebiet. Zum ersten Mal bildete sich eine Bürgerinitiative, deren Klagen über ein Jahrzehnt mit dem immer gleichen Argument abgeschmettert wurden, der Qualm sei ortsüblich und daher hinzunehmen. Seit vier Jahren heißt es von unserer selbst gezimmerten Lärmschutzwand, sie sei ortsunüblich und daher abzulehnen. Das wird sich hoffentlich bald ändern.

Über die Wupper

Atemberaubend die Tier- und Pflanzenwelt in der Wupper und an ihren Ufern – ein weiterer wunderbarer Nachtdienst-Film über die Renaturierung einer Kloake. Ökologisch bedenklich geblieben ist die Talsperre. Über die Wupper auf einer Insel steht das Gericht, wo auch die Cine-Styria hingehört, um Konkurs anzumelden. Wer wird als nächstes über die Wupper gehen?

Über die Mur

Über die Murkraftwerke fährt die Eisenbahn drüber. Das heißt, sie sind nicht mehr zu verhindern. Die EStAG hat Geld wie Heu und nichts zu tun. Also investiert sie in das, was sie können darf, in die Stromherstellung. Qualmende Schlote sind out, Gas, Öl und Kohle auch. Also stauen wir die flachsten Auen auch noch auf und machen Wind um die Photovoltaik – egal wie erbärmlich die Stromausbeute ist. Den Häuslbauern, die sich mit Photopanels auf dem Dach bereits energieautark wähnen, schwatzen wir einen Deal auf, ihnen den Reststrom abzukaufen. Der Schwindel fängt schon damit an, dass die Anbieter von Komplettsets unisono verschweigen, dass zur Stromgewinnung auf dem Dach noch etwas fehlt: eine Autobatterie. Damit, liebe Kundinnen und Kunden, wollen wir nun miff-maff miff-maff die Windeln waschen.

Über die Bayern

Der große Photovoltaikschwindel blüht und gedeiht am besten, wo Geldgier und Bauernschläue zu Hause sind und jetzt die Wiesen in Photophelder pherwandelt werden. Zaun drumrum und alle 50 Meter eine Überwachungskamera, für die zu beobachten ein Haufen Personal rund um die Uhr rotiert, um die Lausbuben ausfindig zu machen, welche einen Steinwurf entfernt die größte Gaudi hatten. Leider waren nur die Spraykünstler im Bild, welche auf jeden Fall gegen das Vermummungsverbot verstießen. Ein grüner Gemeinderat will das nicht mehr genehmigen.

Über die Eisenbahn

Wie sagte Bruce Willis in der letzten Nachtschicht zu Halle Berry? – Es ist keine Kunst aufrichtig zu sein, wenn sie gut vorgetäuscht werden kann. Das ist auch die Devise der hinter dem Semmering besonders schwindlig schwadenden ÖBB. Die zuständigen Würschtelreferenten in der Landesregierung lassen sich mit Argumenten aus der Mottenkiste über den Tisch ziehen und werden dann bei klugen Gegenvorschlägen pampig oder sind nicht mehr da. Fakt ist, dass die lokale Eisenbahn zu wenig Züge hat, um ihren Verpflichtungen im Fernverkehr nachzukommen. Wie das passieren konnte, war nicht schwer herauszufinden. Wären mit dem Verkauf der Städteschnellzüge ins Ruhrgebiet nicht die Bilanzen geschönt worden, dürften es auch alle wissen.

Nachruf

Walter Czaschke 1926-2010

Walter Czaschke stand am Beginn meines neuen Lebens in Österreich und war in vieler Hinsicht für mich richtungsweisend, indem er mir ein Regiestudium ermöglichte und uns in seiner Klasse zu nie da gewesenen Taten ermunterte und ermutigte. Manches hat Nachahmung gefunden. Manches hat sich später niemand getraut noch einmal zu inszenieren. In voller Teamstärke eroberten wir einst den Wilden Mann, ein seit Jahren leer stehendes Hotel im Zentrum von Graz, und ließen mit Martin Walsers Aus dem Wortschatz unserer Kämpfe die Ketten klirren. Nach unserem Beckett-Abend, an dem wir simultan drei seiner Spiele so lange spielten, bis alle den Saal verlassen hatten, erinnerte sich Mathias Grilj in der Kronenzeitung an das dumme Gefühl, überall zu spät gekommen zu sein. Dass ihn das Leben bestrafen könnte, dazu bedurfte es Anfang der 80er Jahre in dieser schönen Gegend keines russischen Präsidenten. Als sich in Hamburg Theaterleute anschickten, eine leer stehende Fabrikhalle mit Leben zu füllen, machten sich My Friend Martin (Kusej/Zehetgruber) und sein Schneewittchen aus Walters Klasse auf, den Grazer Schlachthof bei Vollbetrieb zu erobern und einen Raum zu bespielen, in dem eine Stunde zuvor noch tausendfacher Tod die Szene beherrschte. Den führten wir als Tag danach der geneigten Avantgarde in und vor ihrem Forum Stadtpark in Caroline Webers Inszenierung von Yes, vielleicht von Marguerite Duras vor. Zwei Frauen stehen nach einem Atomschlag im Fall-out des Schneeregens vor den Panoramascheiben des Forums und können nicht rein. Den mitgeschleiften Kadaver eines Soldaten lassen sie in der Pfütze liegen und unterhalten sich, ob es sich lohnt, mit dem verseuchten Samenspender die Welt noch einmal aufzubauen. Anderthalb Stunden vom Frost geschüttelt im Dreck zu liegen und zu nichts besserem zu taugen, als ab und zu ein Lebenszeichen von sich zu geben, hätte ich ohne Walters Erfahrungen in russischer Kriegsgefangenschaft nicht überstanden. Für uns alle da draußen war es eine einzige Zumutung. Auf Brigitte Gündel, Walters Frau konnten und durften wir uns verlassen. Für die Schauspielschülerin, die auf gutes Zureden ihrer Professoren die Generalprobe platzen ließ, sprang Caroline ein. Der Bruch mit den Kollegen in der Fakultät war nicht mehr zu kitten. Trotzdem ließ er sich erst mit 68 pensionieren – aus Verantwortung gegenüber seinen Studierenden. Dass sein Lehrstuhl nicht nachbesetzt wurde, spricht für einen einmaligen Menschen, der eine schmerzliche Lücke hinterlässt, nicht nur für seine Familie und die Kollegen, sondern für die ganze Welt. Ich bedauere sehr, dass das hier nicht so wahrgenommen wird, wie es Walter verdient hätte. Wahrscheinlich hätte er das auch nicht gewollt. Unvermeidlich auf seine Rolle bei Gustaf Gründgens angesprochen, fing er an zu lachen, wurde plötzlich ernst und sagte mit tiefem Ton: Stimme von oben. Als sich ihre Wege trennten, gab Gründgens seinem Assistenten mit, was er uns, die wir erst anderen Chefitäten dienen sollten, weitergab: Seit wann ist Regieassistent ein Beruf? Danach hat er wenigstens 150 mal auf deutschen Bühnen inszeniert. Im weltweiten Netz ist er heute noch mit seinen Hörspielen präsent und mit der einzigen Filmrolle Aus einem deutschen Leben, als Götz George einen KZ-Kommandanten spielte und Walter Czaschke Adolf Eichmann. Was aus uns geworden ist, kann sich sehen lassen. Etwas Besseres aus dieser Welt zu machen oder Neues zu schaffen gehört für einige von uns sogar zum Tagesgeschäft. Graz war und ist ein Biotop, in dem vieles wächst, das woanders nicht gedeihen könnte, wobei bei Walter Czaschke Regie studieren zu dürfen ein besonderes Biotop im Grazer Biotop darstellte. Wir lernten aber auch früh, dass Graz ein Handicap ist. Ein Hamburger Dichter wunderte sich unlängst, dass nach so langer Bahnfahrt am Ziel noch Deutsch gesprochen würde. Um elf Uhr am Freiburger Hauptbahnhof wäre ich zwar nicht mehr vor dem nächsten Morgen nach Graz gekommen, hätte aber abends noch in London ins Theater gehen können. Da braucht es Nerven in Graz zu bleiben. Wenn wir uns wie immer zufällig in der Stadt trafen, erzählte er mir von seinen großen Reisen nach seiner Pensionierung. Ich mach das jetzt auch so. Und so lebt Walter Czaschke, den ich kämpferisch mit brillanter Schärfe argumentierend, brüllend verblüffend komisch und sehr verletzlich, ja sterbenskrank erlebt habe, in meinen Gedanken weiter.

Vollmondclip

Wie sich nach dem Parabolrinnenprinzip am Fuße der Sierra Nevada im großen Stil effektiv Sonnenenergie zur Stromgewinnung nutzen lässt, vermittelt ein erhellendes Video der Entwicklungsfirma Solar Millenium, abzurufen auf ihrer Website
http://www.solarmillennium.de

http://www.solarmillennium.de/index-f-805-2564-576-384.html

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