Hans

33. Vollmondbrief

Feindliche Übernahme

Der Alte will nichts mehr hören, als er von der Absicht einer feindlichen Übernahme erfährt. Das Geschäft will er schon lange dem Filius übergeben, Doch der treibt sich auf einer Reformuniversität herum. Also muss der Alte noch einmal die Lauscher aufstellen und das Schmalz aus den Ohren kratzen, was ihm zum Verhängnis wird. Er bekommt eine schmerzhafte Ohrenentzündung, welche ihn außer Gefecht setzt. Das Management beschließt, ihn in der Versenkung verschwinden zu lassen, um freie Hand zu bekommen. Der Alte wehrt sich vergebens. Vor Schmerzen kann er nicht sterben, läuft nachts schreiend und fluchend in der Verwaltung herum, dass sich sogar das Wachpersonal fürchtet. Als er erfährt, dass sein Sohn in den Semesterferien heimgekommen ist, wirft er sich noch einmal in Schale und fordert den von der Wache herbeigerufenen Sohn auf, die Sache in die Hand zu nehmen und seine Absetzung zu rächen. Er glaubt, vergiftet worden zu sein. Wahrscheinlich bekam er nur Burow-Alkohollösung ins Ohr eingeträufelt, ein altes Hausmittel gegen Ohrenschmerzen. Im Management, es ist die liebe Familie, sind die Sessel gerückt, Rollen und Karten neu verteilt. Der gute Onkel ist jetzt der Boss. Dafür ist der Alte für tot erklärt worden, damit die „Witwe“ ihn ehelichen und ihm das Geschäft übergeben konnte. Der alte Prokurist hat bei dem Deal offenbar mitgespielt. Hamlet junior macht in der Folge so ziemlich alles falsch, was es falsch zu machen gibt, opfert Freundschaften, provoziert völlig unnötig seine Gegner, wird zum Intriganten und Mörder, manövriert sich in imaginäre Verschwörungen und lässt sich auf ein aberwitziges Duell mit seinem Jugendfreund ein, bei dem er nur verlieren kann. Zum Schluss sind alle tot und niemand mehr da, um wegen einer feindlichen Übernahme zu verhandeln. Fortinbras streift den Laden kampflos ein.

Pleiten, Pech und Pannen

Wäre die Geschichte neu, würden wir sie vielleicht auf der Wirtschaftsseite unter Pleiten, Pech und Pannen lesen. Nun ist sie aber 400 Jahre alt und soll sich entgegen der Schulmeinung in Schottland und nicht in Dänemark abgespielt haben. Ich erinnerte mich an die alte Geschichte, als ich nachts fluchend und Scheiße brüllend in der HNO-Ambulanz des Grazer Universitätsklinikum hin- und herlief, weil mein linkes Ohr schmerzte, wie ich Schmerzen noch nicht erlebt habe. Kurz vorher war mir der alte Streifen mit Salbe aus dem Ohr gezogen worden, worauf das Ohr zuwuchs. Die Ärztin und eine Krankenschwester kamen herbeigeeilt und trösteten mich mit dem Gedanken, dass ich einen Geburtsschmerz nicht erleben würde. Ich dachte, in meinem Alter sicher nicht. Auch die folgende Nacht war schlimm und es wurde schlimmer, wenn ich die Burow-Lösung ins Ohr träufelte. Erkenntnis kommt manchmal tropfenweise.

Kindheitserinnerungen

Die Apothekerin sagte, sie hätte als Kind weniger unter den Ohrenschmerzen gelitten als mit den Burowschen Ohrentropfen. Wenn ihre Mutter mit der Pipette daherkam, sei sie immer davongelaufen. Deshalb achte sie darauf, dass die essigsaure Tonerde beim Mischen mit Äthanol nicht milchig ausfällt. Ich dachte an meine Mutter, die immer mit dem Geburtsschmerz daherkam, wenn mir was wehtat. Nachdem ich bei zwei Geburten dabei war und Walter Mossmanns Ballade vom schwangeren Mann noch fast auswendig kann, weiß ich: Da entgeht mir auch einiges. Ohrenschmerzen sind banal und brutal.

Hausmittel nach Vorschrift

Unter Waldorf-Eltern geistert die Knoblauchzehe, welche in die gegenüberliegende Armbeuge gedrückt die Ohrenschmerzen regelrecht absauge. Das konnte ich mir nicht vorstellen, weshalb es auch nichts half. Der Versuchung, mir die Zehe ins Ohr zu stopfen, bin ich nicht erlegen. Ist der Gehörgang entzündet, wird mit Salbe und Burow behandelt. Sind die Schmerzen im Mittelohr, wird ein Antibiotikum eingesetzt. So ist es Vorschrift in der Grazer HNO-Universitätsklinik. Dem Schmerz auslösenden Bazillus ist das egal. Also deponierte ich, suboptimal behandelt zu werden. Nach meinem lautstarken Auftritt bekam ich mein Antibiotikum, zwei wirkungsvolle Schmerzmittel und eine Infusion – gegen die Vorschrift. Ich gehe sicher nicht mehr hin.

Folter wärmstens empfohlen

Egal wie bunt gemischt, die Burow-Lösung kühlt und deshalb schmerzt sie im Ohr. Sie zu verabreichen ist Folter. Verschrieben und angewendet wird sie nur noch auf der HNO in Graz. Zwei Grazer Ärzte und ein deutscher Arzt empfehlen sie Tauchern für die Reiseapotheke. Diskutiert wird das Gift außerdem noch auf einem tschechischen und einem slowakischen Diskussionsforum für Babygesundheit. Das ergab die Recherche im Internet. Mit Sharan Burrow, einer amerikanischen Frauenarbeitsrechtlerin, die gegen Alkohol am Arbeitsplatz kämpfte, dürfte es nichts zu tun haben. Die entzündungshemmende Wirkung so mancher Präparate will ich nicht abstreiten. Aber gehört eine Entzündung nicht zum Heilungsprozess? Wird die Heilung durch Abkühlung nicht erschwert? Klar, mit geschwollenen Füßen lässt sich schlecht laufen und mit geschwollenen Ohren schlecht tauchen. Warum werde ich auf der Grazer HNO wie ein Sporttaucher behandelt? OK, im Sommer werde ich gern mit einem deutschen Touristen verwechselt.

Nicht ernst nehmen

Was ich hasse, sind Rassisten und Kärntner. Ich bin viel herumgekommen. Die einzige frei lebende Kakerlake habe ich unter meiner Sitzbank in einer Klagenfurter Pizzeria gesehen. Auf dem letzten Grazer Portiunkula-Markt musste ich irgendwann mein Wasser abschlagen und bat die Klofrau, den Einkauf bei ihr abstellen zu dürfen. Sie scherzte, sie werde schon nichts beifügen, wovon ich mich überzeugen durfte, als ich wiederkam und wenig belustigt zahlte. Sie entschuldigte sich mit den vielen Ausländern heutzutage. Da müsse man aufpassen. Ich knurrte, bin selber Ausländer. Sie lobte mich wegen meiner guten Deutschkenntnisse. Und Sie sind aus Kärnten, gab ich zurück. Ja, sagte sie, aber bitte nit bös sein. Die Ärztin, welche mich auf der Grazer HNO oberflächlich untersuchte und mir ein Medikament verschrieb, das sie mir nach der Lektüre meiner Krankengeschichte nicht ohne weiteres hätte verschreiben dürfen, war auch aus Kärnten. Norbert Mappes-Niediek beklagte sich einmal öffentlich, dass er hierzulande immer gleich gefragt werde, woher er sei. Ich kann das präzisieren. In Graz ist das zu 70% jemand aus Kärnten. Kärntner brauchen nur zu husten, weiß ich schon, woher sie sind. Udo Jürgens meinte einmal im Radio über Christine Stürmer, dass sie im deutschen Showbusiness so wie er bestehen könne, weil ihnen niemand anhöre, dass sie aus Kärnten seien. Selbstüberschätzung mag schon sein. Seine Herkunft verbergen, um was zu gelten, ist die Kärntner Paranoia. Zur Rede gestellt, sage ich seit neuestem, ich sei Ripuare. Dann gibt’s ein schönes Foto für die Freakshow.

Schwindelerregende Statistik

Es tröstet mich nicht, aus Schweden zu erfahren, dass ich gesund sein sollte, wenn ich mich dort in ein Krankenhaus begeben wollte. Mein dortiger Chefkorrespondent ist augenkrank mit Verdacht auf Grauen Star – eine furchtbare Diagnose für einen professionellen Leser. Ärzte und Apotheker legen im Internet ein Schäuferl nach und behaupten, 90% aller Menschen über 60 seien vom Grauen Star betroffen. Halblang mit den Zügeln! Dass 90% aller Patienten mit Grauem Star über 60 sind, will ich vielleicht glauben, aber nun nicht mehr. Alles zu PR-Zwecken zusammengeschwindelt, die krankmachenden Vorsorgeuntersuchungen, die Seuchen und Drogenparanoia in unregelmäßigen Abständen, die abwegigen Vorstellungen von Krankheit als Defekt, die fragwürdigen Therapieangebote, die eugenischen Grundmuster im Hinterkopf, das mag es auch in Amerika geben, wie wir von Dr. House wissen. Hier in Graz lebt noch etwas fort, was ich den KV-Gedanken nenne, weil mir nichts Besseres dazu einfällt als der Haut-Gout von Karbol und Lazarett, KV für kriegsverwendungsfähig, getragen von dieser Mischung aus Kärntner Nationalismus und Grazer Burschenherrlichkeit, Wehrmacht und Gehorsam auf den Rängen der Medizinischen Fakultät.

KV anstelle von gesund

Dass schnell wieder gut hören oder laufen wichtiger ist als ausheilen, erfahre ich zurzeit am eigenen Leib. Gleich nach dem Befinden werde ich gefragt, ob ich die Medikamente vorschriftsmäßig eingenommen habe und, hoppla, bin ich selber schuld, dass es mir schlecht geht. Dass sechs Betten im Krankenzimmer Standard sind, was es in keinem österreichischen Staatsgefängnis mehr gibt, unterstreicht die Inferiorität der Grazer Medizin. 63 Jahre nach der letzten von zwei verheerenden Niederlagen und Millionen Verbrechen ist die Medizin hierzulande immer noch nach dem Wehrmachtsprinzip organisiert, wird Handeln und Verantworten nach den Kriterien von Befehl und Gehorsam hin- und herdelegiert und ist nach wie vor höchst anfällig für Protektion, Korruption und Verbrechen. Selbstorganisation, Empowerment, Subsidiarität, Teamarbeit, Supervision mag zwar in den Köpfen Einzelner herumspuken, bleibt aber Theorie oder Karikatur. Dass die Kanalisation in den OP tropft, ist lange her. Dass er immer noch nicht benutzbar ist, ist ein Skandal. Der Klinikchef müsste sofort zurücktreten. Er sitzt das aus.

Aller Anfang

Kooperative Patienten für dumm verkaufen, Diagnose und Therapie nach Vorschrift und seltsamen Kostenüberlegungen mit Innenohr und Außenohr lassen das Vertrauen in die ärztliche Kunst sinken. Wie zum Trotz ist Spitzenmedizin das Ziel. Der nächste HNO-Kongress in Graz wirbt bereits mit einem entarteten Behältnis für entartete Kunst, der Fassade des Grazer Kunsthauses auf dem Plakat. Ein guter Anfang. Aber die fahren dann Gott sei Dank alle wieder weg und hinterlassen Geld. Das ist kein internationaler Gedankenaustausch, der den Namen verdient.

Im Keim erstickt

Ich habe im Lauf des letzten Jahres vier Ärzteschaften in Graz kennen gelernt. Passiert mir nicht oft. Alles nette Menschen. Ein Inder ist mir aufgefallen, sonst niemand anderer Hautfarbe, alle Deutsch bis zum Abwinken. Im Godesberger Waldkrankenhaus, wo ich meine Mutter besuchte, lernte ich als erstes einen russischen Austauscharzt kennen. An jeder anderen Uniklinik finden wir Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte von allen Kontinenten, in Graz nicht. Pfui, die können kein Deutsch.

Von Schafen und Ziegen im Stadtpark

Welche ärztliche Koryphäe folgt einem Ruf nach Graz, wo sie sich erst einmal mit kleinen Nazis in der Vorlesung herumschlagen muss? Die sitzen sogar im Gemeinderat und verulken die Stadt auf unterstem Niveau. Spitzenmedizin fährt in Graz durch. Irgendwann wurden die Krankenkassen stellvertretend für die Patienten unzufrieden und forderten mehr Leistung fürs Geld, aber leider mehr desselben. Sie waren in ihrem Reformeifer erst zu stoppen, als sie darauf hingewiesen wurden, dass sie bei der unzureichenden Refundierung der Heilungskosten nach Unfällen viel mehr Defizit machen als mit teueren Medikamenten.

Gebisse beim Hofer

Die Diskont-Medizin mit Selbstbehalt kommt die Kassen teuer zu stehen. Von allen Seiten werden sie gewarnt, dass die Menschen wieder erst zum Arzt gehen, wenn es zu spät ist, Rehabilitation viel teuerer ist als Prophylaxe. Nur einmal habe ich gelesen, dass die Kosten zur Gesundheit für die einzelnen Patienten zum Großteil optionale Investitionen sind. Zahnbehandlungen, der neue Sehbehelf werden hinausgeschoben, die Beeinträchtigung der Lebensqualität in Kauf genommen, bis es nicht mehr auszuhalten ist, und wie sagte bereits Torbergs Tante Jolesch: Was an einem Mann schöner ist als ein Aff’, ist Luxus. So wandert die Entschädigung für einen ausgeschlagenen Schneidezahn oder eine krumm gebrochene Nase in die eigene Tasche statt auf das Konto des fachkundigen Klempners, um zwei Beispiele aus meiner Umgebung zu wählen. Optional sind Gesundheitsinvestitionen bis in den gehobenen Mittelstand. Für die Kinder ist einem nichts zu schade. Aber es reicht eine erwartete Nachzahlungsaufforderung vom Finanzamt, um die eigene Zahnsanierung auf Sankt Nimmerlein zu schieben. Zeitmangel und allfällige Unpässlichkeiten, wenn nicht gar unangenehme bis schmerzhafte Behandlung tun ein Übriges, um bis Kuh hin – Kalbl a hin zu warten.

Dumpfbacken allerorten

Dass die Nationalen schlechte Führungskräfte sind, erlebe ich immer wieder, sei es wenn sie in den von ihnen besonders begehrten Verkehrsressorts mit Geld um sich schmeißen und sich mit aberwitzigen Projekten, sei es einfach als Dumpfbacken lächerlich machen. Zwei Jahre haben sie gebraucht, um Österreichs größtes Forschungszentrum pleite gehen zu lassen. Bis alles in Scherben fällt, haben diese Leute meist mit der Muttermilch inhaliert. Da ist nichts zu machen außer schleunigst weg mit ihnen. Auf den Universitäten hängen sie in ihren Seilschaften und sitzen seit den sieben schwarzblauen Jahren mehrheitlich in fast allen wichtigen Leitungsgremien. Sie können mit keinem und niemand mag sie. Sie zucken immer aus wie der Führer im Bunker, wenn ich mit ihnen spreche, kleine Tics, die mich zu einem Kasernenhofton reizen: Nun reißen Sie sich mal zusammen!

Rettung der Medizin

Von denen ist die Rettung der Medizin nicht zu erwarten, aber von den Studierenden. Aus aller Welt kommen sie nach Graz, um Medizin zu studieren. Statt Aufnahmeprüfungen zu organisieren, sind die Hörsäle mit zur Not eingekauften Lehrkräften zu besetzen, muss ein begonnenes Studium als Pflegekraft abgeschlossen werden können, um den dringenden Bedarf zu decken. Es soll auch nicht alles umsonst gewesen sein, wenn es zum Doktor nicht reicht. So einfach ist das.

Graz, mofi-verspätet am 19.8.08

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