Hans

29. Vollmondbrief

Ihr Lieben, auf vielfaches Bitten eines Vollmondbrieflesers setze ich die Reihe fort. Nachzutragen wäre mein Bericht von der Gedenkfeier für Deserteure, den bisher nur Schriftstellerfreund Mathias Grilj zu lesen bekam. Vollmond war vorgestern. Ich eule!

Gesendet: Freitag, 4. April 2008 23:57
An: 'Grilj'
Betreff: AW: WG: Mnemo: Gedenkfeieram Denkmal für Deserteure auf der Ries am Freitag, 4.4. um 12 Uhr mittags

Lieber Mathias, meine letzte gröbere Umarmung traf gestern den lieben Michel Krusche, dem ich dabei einen Schneidezahn ausschlug. Ich tröste mich damit, dass er vorher schon locker war. Die Generalprobe gestern als Härtestest vor der Weikhard-Uhr wurde aber ein großer Erfolg, wurden wir doch vom Polizeidirektor höchstpersönlich bespitzelt. Heute ließ er uns jedoch im Stich und ich musste die Autos selber anhalten, um einen Erlebnisbericht des Altbischofs akustisch rüberzubringen. Spezialgast war ein Herr Lamberti aus Deutschlandsberg, der als Deserteur die Ötzer Brücke vor der Sprengung durch SS und Wehrmacht bewahrt hatte. Ihn hat die Republik hoch dekoriert. Den Angehörigen der jungen Burschen, die auf der Ries und anderswo erschossen, erhängt und öffentlich zur Schau gestellt wurden, wird heute noch die zustehende Rente verweigert. Der Deserteur muss sterben - der Soldat kann sterben, war damals die Richtlinie. Das kommt auch in Webers Erlebnisbericht zum Ausdruck, wie er und seine Kameraden vor Verzweiflung nicht wussten wohin. Wir sind in einer anderen Zeit aufgewachsen. Dafür, dass wir zwischen Bund und Zivi frei entscheiden können, haben wir zwar noch selber sorgen müssen und die Straße abzusperren, um sich verständlich zu machen, war nicht immer so lustig wie heute. Aber in die Hose habe ich mir nie gemacht. Ich bin auch nie seekrank geworden, mit anderen Worten, ich kann bei beidem nix dafür. Spannend wird es jetzt erst. Inkontinenz im Alter, fürchte ich mich bereits. Mein Großvater war Reichsbahndirektor, der andere Heimatdichter aus dem Kohlenpott - stramme Deutschnationale beide, der eine von den Nazis geschasst, wird also selber keiner gewesen sein, der andere voller Spott auf diese Bagage. Hat, wenn niemand zuhörte, seine Hitler-Parodien zum Besten gegeben. Aber das ist schon mehr, als ich von den beiden Alten rauskriegen konnte. Mein Vater war vermutlich der Wehrmacht ältester Sanitätsgefreite, aber ein As auf dem Schwarzmarkt, meine Mutter Karbolmäuschen oder Blitzmädel beim Frankreich-Feldzug bis einschließlich Rückzug, siegreich. Sie wurde erst Sekretärin des Baden-Badener Bürgermeisters und dann des französischen Hochkommissars in Bonn, weshalb ich nun ein im Ausland lebender Rheinländer mit badischem Migrationshintergrund bin. So kann's einen treffen - die Geschichte. Ganz liebe Grüße, Dein Hans.


-----Ursprüngliche Nachricht-----

Von: Grilj
Gesendet: Donnerstag, 3. April 2008 16:45
An: Hans Fraeulin
Betreff: Re: WG: Mnemo: Gedenkfeieram Denkmal für Deserteure auf der Ries am Freitag, 4.4. um 12 Uhr mittags

lieber hans,
DU desertierst nicht vor der pflicht, die deserteure zu umarmen. sei dafür umarmt. auch auf das risiko hin, nicht zu wissen, was das alles für burschen waren. wahrscheinlich nicht alle so wie du. was eine seltsame debatte auslösen könnte.
in liebe
mathias
(zivildiener und sohn und enkel von polit-kommissar und von k.u.k. offizieren, tja, so geht geschichte, so geht leben)

Hans Fraeulin schrieb:
Herzliche Einladung zur Erinnerung:
Am Freitag, den 4.4. um 12 Uhr mittags

Gedenkfeier am Denkmal für Deserteure auf der Ries.

*Es singen und spielen die Zündschnüre des Pick-up Theaters feat. Irene S.*

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