Hans

28. Vollmondbrief

Nicht noch einmal

Noch einmal fünf Jahre Schwarz-Rot in Graz halte ich nicht aus, schon gar nicht als Kunstschaffender. Die SPÖ, die mit dem Verscherbeln des „Firlefanz“ aus dem Kulturjahr das Budget sanieren wollte, wurde zu Recht abgewatscht – von den eigenen Stammwählern sogar. Die ÖVP hinterlässt mit den städtischen Bühnen ein abgetakeltes Schiff und mit der so genannten freien Szene einen korrupten Sumpf. Sie bewies, dass sie von Wirtschaft und christlicher Seefahrt nichts versteht, erhöhte zur Sanierung der Bühnen die Fixkosten und machte den Zahlmeister zum Kapitän. Blinden Auges wurden wertvolle Ressourcen vergeudet mit trüben Aussichten für Spitzenkräfte in Graz. Junge Kultur findet bei 60.000 Studierenden in einem versifften Sex-Kino oder in der verschimmelten Sauna einer aufgelassenen Badeanstalt statt. Die Medien, angeführt von den bigotten Chorknaben des katholischen Tagblatts, merken nicht, was in der Stadt abgeht. Aber einer war dann endlich da, der dem Spuk mit der Kulturpolitik aus dem Polizeihandbuch ein Ende machte.

Was zu tun

Bei den Bühnen ist erst einmal das Ausmaß des Schadens zu evaluieren und der Auftrag sicher zu stellen, dass sie jeden Abend geistreiches Theater von Belang und Größe anbieten. Dass Oper nur am Wochenende angeboten wird und das Schauspiel 13 Schließtage im Monat hat, darf es nicht mehr geben, genau so wenig willfährige Leitungsorgane und klein karierte dramaturgische Konzepte auf Kosten eines lebendigen Theaters.

Der Klüngelsumpf mit den vielen Beiräten ist trockenzulegen. Es darf nicht der Eindruck entstehen, man habe sich in diese Gremien hinein wählen lassen, um Dritten Geld für ihre Projekte zukommen zu lassen, schon gar nicht, um für die eigene Tasche zu plädieren. Bewiesen wurde, dass der Ständestaat nicht funktioniert, aber eine Selbstverwaltung wegen eklatanten Unvermögens der bisher Beteiligten auch nicht in Frage kommt. Bleibt zunächst als einzig halbwegs objektive Instanz das Kulturamt, das die eingereichten Projekte nach Eingang und Durchführbarkeit prüft und nach Maßgabe des Budgets bewilligt. Und zwar rasch!

Mit der Prämisse, Qualität sei eine Funktion des Geldes, wurde immer mehr desselben in bombastische und belanglose Projekte investiert. Das muss aufhören. Zu investieren ist in den Wirtschaftsfaktor Kultur, der zurzeit zerrüttet danieder liegt und verrottet, während ein immenses Potential vor allem junger Kultur brachliegt. In der Stadtregierung wird jemand gebraucht, der das erkennt und das Kunstschaffen in Graz gegen alle Zumutungen verteidigt.

 

Graz, am 28.2.08

Gedenkfeier für Deserteure am 4.4.2008 um 12 Uhr am Denkmal auf der Ries

Es spielen die Zündschnüre des Pick-up Theaters.

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