Hans

22. Vollmondbrief

Oder das Elend der Germanistik

Josef Schneeweiß ist vom Fach. In fast allem bin ich seiner Meinung. Dass aus einem Laptop ein Schoßrechner werden soll und der Beispiele mehr von einem Deutschtümler, findet er zu Recht daneben. Dass Eindeutschungen nur Verwirrung stiften und zum Aküfi (Abkürzungsfimmel) führen, hat er zu erwähnen vergessen. Dass aus einem Auto ein PKW wird, mag ja noch hingehen. Personenkraftwagen. Wer weiß aber, dass ein FFOBZB (Feldfernsprecher-Ortsbetrieb-Zentralbetrieb) früher einfach Walky-Talky hieß? In Frankreich, der Grande Nation, ist es nicht besser. Am Bahnhof von La Tour de Carol (Karlsturm, an Karl den Großen in den Pyrenäen erinnernd) steht LocVTT (Location de vélos à touts terrains). Rent a Mountain Bike wäre dem Tourismusgeschäft sicher dienlicher gewesen. Widersprechen muss ich dem Klagenfurter Dozenten, dass mitten in Deutschland Konferenzen auf Englisch abgehalten werden insofern, als ich auf der Weltkonferenz für kulturelles Erbe und digitale Medien in Berlin meine DVD über den Bloomsday 100 in Graz auch in Französisch vorstellen durfte, natürlich auch in Deutsch und Englisch. Es ist ja schließlich irische Literatur. Wenn die Pariser Universitäten Sorbonne und École du Louvre, die Universität von Toronto mich nach Berlin einladen, lasse ich mich nicht zweimal bitten. Gelinder Ärger auch über seine abschließenden Bemerkungen: Goethe sprach Hessisch, Einstein nicht nur Schwäbisch, sondern vermutlich auch Jiddisch und bei Mozart genügt ein Blick in seine Briefe, um zu wissen, dass das nicht die Sprache Martin Luthers gewesen sein kann. Den hat als Sprachformer unser tapferer Germanist aus Klagenfurt unterschlagen. Dass loustick, Kindergarden, Blitzkrieg und etliche grausame Wörter aus dem Deutschen Eingang in andere Sprachen gefunden haben, muss hier erwähnt werden. Dafür schämen mag sich wer will. Als Ripuare alemannischer Herkunft mit deutschem Pass in Österreich bin ich sowieso beleidigt. Ripuarisch wird von Maastricht bis Koblenz am Rhein gesprochen und war die Sprache Beethovens, Heines, Hans-Dieter Hüschs und Robert Schumanns. Alemannisch im Dreieckland Zürich-Freiburg-Straßburg und über den Bodensee nach Vorarlberg, fallen mir jetzt nur die vier Walsers, Walter Mossmann und Angelika Kaufmann ein. Schluss-um: Aufhören mit dem Muttersprachenscheiß! Spätestens ab drei haben wir uns mit anderen zu verständigen als mit unserer Mutter.

Graz, am 14. April 2007

Hans Fraeulin

PS: Ein Sprachforscher im Radio gefragt nach dem Unterschied zwischen einem Dialekt und einer Sprache: Eine Sprache ist ein Dialekt mit Armee und Polizei.

PPS: Es ist verboten, auf den Boden zu spucken und Bretonisch zu sprechen. (Wirtshausschild)

PPPS:
Die Germanisten nisten
In unseren Köpfen
Würden uns gern köpfen
Wenn andere darin nisten.

Impressum

Vollmondbriefearchiv