Hans

Vorabvollmondbrief 21

Lieber Peter,
vorab viel Glück für Deine nächsten Projekte. Das mit der Pension glaube ich ja nicht so ganz. Ich bin ja nur vier Jahre jünger und stecke mitten in der Probenarbeit zu Gimme an F! – Lieder vom Krieg, erster Termin am 4.4.07 12 Uhr mittags am Denkmal für Deserteure im Anstieg auf die Ries, und daher kurz angebunden. Mehr zu erfahren unter www.pickuptheater.com  oder bei den Grünen auf der Ries.

Du bist zwar stolz, nie einer Partei angehört zu haben, war ich auch die längste Zeit, bis mir feierlich versichert wurde, ich hätte die Grüne Bewegung als Nummer zwei mitgegründet – in Deutschland damals. Und Walter Mossmann, der Barde schlechthin gegen Atomkraftwerke, meinte bei unserer letzten Begegnung, den Kehlkopf mit Hautlappen aus dem Oberschenkel in etwa repariert: Unsere Bilanz schaut nicht schlecht aus, elf stillgelegt, vier Atomkraftwerke gar nicht erst gebaut. Musik kann doch was bewirken, auch Theater, und ist dann gut, wenn der Konflikt aus verhandelt wird. Am meisten hat mich erschüttert, wie hierzulande die Jugend dumm gehalten wird. Dagegen hast Du getan, was immer gegangen ist, vermutlich auf einem eher einsamen Posten. Ich hatte es als Jungendlicher besser. Es gab die verfasste Schüler- und Studentenschaft und die hatte auch etwas zu sagen. Und zwar täglich über die Lautsprecheranlage in alle Klassenzimmer. Bei der Bundeswehr wurde ich Kompaniesprecher, gerade, dass wir unsere Hauptleute nicht selber wählen durften. Du hast hier in Österreich quasi ohne Netz und doppelten Boden Jugendarbeit im demokratischen Sinne geleistet, Dich auf kein Gesetz berufen können, und deshalb: Habe ich die Ehre! – Dich kennen und schätzen gelernt zu haben. Deine Frau Mag.a Windhaber kann morgen bei mir anfangen. Ich kann sie aber nicht bezahlen. Mit meinem Grundsicherungsmodell ginge das schon. Es müssten im Einkommensteuergesetz nur ein paar Paragrafen geändert werden. Wenn selbst die Grünen darauf dumm brav reagieren, die Sozialdemokraten öffentlich hinterherhinken, wird das nichts, jedenfalls die längste Zeit nichts. Die FPÖ soll in den Wald spielen gehen. Die ÖVP wie die Kuh vorm Scheunentor. Die KPÖ? Schlägt vermutlich bei Lenin nach, wo sie nichts finden werden. Na ja, ich kenne vermutlich Marx und Lenin besser als sie. Von den Herausforderungen unserer Zeit steht bei ihren Schriften nichts. Wie sie auf die Herausforderungen ihrer Zeit geantwortet haben, da steckt allerhand mehr drin. Jetzt werde ich langsam sophisticated und muss rasch aufhören. Gestatte mir, dass ich ihn als reichlich späten Vollmondbrief an ausgewählte Kundschaft schicke.

Liebe Grüße,
Dein Hans.

Das ist der eigentliche Vollmondbrief Nr. 21 . Peter Scheibengraf war erst zu würdigen. Da gäbe es noch einige zu würdigen, die Schafariks vom Sigi bis zur Gigi und der Genosse Pacher aus Knittelfeld zum Beispiel. Ich kann hier nicht alle aufzählen, die mir lieb und wert geworden sind, seit ich hier lebe, Franz Ferner und Barbara Gross und die vielen anderen. Ich muss wieder an die Holzarbeit. Lest mal schön.
Liebe Grüße.
Hans Fraeulin.


21.Vollmondbrief

Nüttzlich

Der Grazer Kulturstadtrat hat ein paar nützliche Idioten als Beirat, die jetzt gestreikt haben, weil an ihnen vorbei ein Musical finanziert werden soll. Jetzt haben sie beschlossen sich wieder nützlich zu machen – warum leuchtet ein. Sie hängen alle am Tropf der Stadt. Ein Rückgrat ist da nicht zu finden. Ein Beiratsmitglied, das mir einmal den Nutzen eines solchen Gremiums erklären wollte, habe ich gewarnt, weil ich die Usancen des Ö- Filmbeirats kenne. Willy Pevny hat sie mir erzählt, war drin. Wenn ein Mitglied wieder ein Projekt in Spruchreife hatte, verabschiedete er sich vom Beirat mit den Worten: Bapaa, und lasst mich nicht hängen, wenn ich einreiche. War sein Projekt abgewickelt, wurde er wieder fröhlich Beirat, ein closed-shop-system, vulgo Freunderlwirtschaft.

Faux pas

Nun hat der Grazer Kulturstadtrat nicht einmal den Anstand besessen und einem Beiratsmitglied 100.000 Euro am Beirat vorbei in den Arsch geblasen für eine abgelutschte als Musical aufgemotzte Geschichte, von einem Polen oft parodiert, ein Abtanz der Vampire. Ich verehre Roman Polanski. Keine zwei Wochen vorher beschwerte ich mich in Miedls Büro über die Inkompetenz seines vielfältigen Kulturbeirats. Es wurde mir versichert, am Beiratsprinzip festzuhalten. Eine Lüge. In der Wahrheit leben, lehrte uns Vaclav Havel. Der Schriftsteller wurde Staatspräsident in einem Land, dessen Leute von Restösterreich immer noch als Tschecheranten, vulgo Säufer angesehen werden.

Ich bin ein stiller Tschecher
Und sauf die ganze Nacht
Von morgens früh um sieben
Bis abends spät um acht

Inkompetent im Kreis geschickt

Hat schon bei Bloomsday 100 kein Beirat etwas damit anzufangen gewusst, kam es bei unserem Gimme an F!-Chanson-Programm mit Liedern vom Krieg zum gegenseitigen Abschieben von Kompetenzen zwischen Musik- und Theater-Beiried, während im Stadttheater mit gewaltigem Erfolg Janis Joplin lief. Dass man aus guten Stücken Hackfleisch machen muss, ist das eigentlich traurige.

Warte, warte nur ein Weilchen
Kommt der Haarmann auch zu dir
Mit dem kleinen Hackebeilchen
Macht er Hackefleisch aus dir.

Ein kleiner Polizist aus Oberwölz

Hat in einer ehedem Kulturhauptstadt Graz über Kultur zu befinden und gehört schleunigst von dieser Aufgabe entbunden. Erst uriniert er, dann ruiniert er die Kultur dieser Stadt, und zwar sichtbar, ist er zudem zuständig für Bauangelegenheiten, wo er einen Scheiß nach dem anderen baut. Dass er auch noch die Schulschließungen, die sein Vorgänger im Amt in wechselbetrügerischer Weise verbrochen hat, abwickeln muss, macht ihn zum nützlichen Idioten seiner Partei. Da hilft nur eins, wie ich von einem berühmten Schauspielkollegen weiß, der einst bei den Ruhrfestspielen in Schrecklingrausen schlechtes Theater spielen musste und sich mit Lippenstift die Gage auf den Garderobenspiegel malte, um zu wissen, warum er da ist, wo er spielen muss.

Kann mich nicht in Ruhe lassen

Ich bin im Aufbruch. Wir sind auch eine starke Truppe geworden und trauen uns auf die Straße, sind vermutlich nur zu faul. Aber üben, bis die Dinger wetterfest stehen, werden wir wohl müssen. Könnte ja sein, dass uns ein alter oder neuer Nazi den Stecker aus der Dose zieht. Dann gilt es weiterspielen und singen ohne Gnade.

Das ist die Berliner Luft –L-L
Das ist der besondre Duft –D-D
Das kommt tief aus einer Gruft –G-G
Muss der Führerbunker sein.

Vierter April zwölf Uhr mittags

Das war jetzt eine Groove auf eine Nazi-Hymne, die mir noch in der Nacht auf den Kälbermarsch von Brecht eingefallen ist, gehört zu meiner Arbeit, leider auch, einen unmöglichen Kulturstadtrat abzusägen, den ich vielleicht von der Steuer, aber nicht so einfach absetzen kann. Für den letzten Kulturstadtrat habe ich zwölf Vollmondbriefe gebraucht, ist dann die Treppe rauf gefallen, hat aber mit Kultur nichts mehr zu tun. Gott sei es gegnadet und gepfiffen, wie meine Mutter immer sagte. Felix und ich haben ja dank Sebastian und Holger im Berliner Untergrund schnüffeln dürfen und wissen nun, wie in den letzten Kriegstagen gehaust wurde. Schrecklich und gemein, aber keinmal alles, was unsere Vorfahren den Mitmenschen angetan haben. Sie haben es auch am besten gewusst und nachher nicht mehr wissen wollen, lügen gelernt. Kurz, es geht um dieses seltene Denkmal für Deserteure, an dem wir am vierten April spielen wollen und müssen. Das sind wir den jungen Leuten von damals einfach schuldig. Sie wurden vor die Stadt geführt und um Mittag erschossen und allen vorbeiziehenden Soldaten als abschreckendes Beispiel ausgestellt. Die Ostfront rückte an diesem Tag nach Kirchberg an der Raab vor, etwa 30 km von diesem Denkmal weg.

Und 8000 Juden

Am selben Tag waren die beiden Todesmärsche nach Mauthausen links und rechts der Mur um 12 Uhr bis Gratkorn und Gratwein gekommen, als die ersten 14 in den Wald abhauten und gleich erschossen wurden – von Hitlerjugend und alten Leuten im Volkssturm. Alte und junge zuletzt am Präbichl zu Mördern geworden, als sie einfach in die Menge schossen. 220 Tote. Was die Nazis in den Köpfen der Menschen angerichtet haben, lebt in ihren Nachfahren fort, sei es der Briefbomber Fuchs, der Zigeuner hochgehen ließ, und bei einem hinter vorgehaltener Hand mit antisemitischen Witzen prahlenden Unternehmer und Landtagsabgeordneten untergekommen war, sei es der neue freiheitliche Parteichef mit seinen Jugendsünden als Wehrsportler im Wald, sei es sein heimlicher Kumpan Hojac alias Westenthaler, der wieder notfalls Güterzüge zu Deportationen zusammenstellen will, sei es ein Tiroler Landeshauptmann, der Internierungslager für alle möglichen Verdächtigen fordert. Guantánamo in Österreich, sag, spinnt die Welt?

Besser wissen

Ich bin unter die Besserwisser gegangen mit meinem Basistunnel-Paradoxon, das ich im 19. Vollmondbrief veröffentlicht habe und das jetzt auf einem Architektenportal erschienen ist. Darauf habe ich die hiesige Republik beobachtet und lachen können. Die Tunnel sind vom Tisch – allein für den Koralmtunnel vier Milliarden Euro Steuergelder zum Fenster rausschmeißen? Haben die noch alle beisammen? Ja. Es gibt noch Vernunft in den Menschen.

Jubel, Jana!

Joze Plecnik sagt den meisten vermutlich nix, war ein Architekt, der Ljubljana, die slowenische Hauptstadt, wesentlich gestaltet hat so wie Antoni Gaúdi Barcelona. Joze Plecnik heißt auch ein Zug, ein Euro-City, der von Laibach über Graz und Leoben nach Prag ohne Umsteigen geht – durch den Bosrucktunnel und Linz über Gmünd nach Prag, zweimal täglich. Das erfährst du aber nur von mir. Oder von der slowenischen Eisenbahn. Dafür musst Du aber Slowenisch können, nein nicht unbedingt. Dass dieser Zug auch wieder zurückfahren muss, zweimal täglich, leuchtet Dir ein. Die Europäisierung der Eisenbahn hat Tradition und ihr Gutes. Die TEE und der Orient-Express, ich komme ins Schwärmen.

Kärntens Kacke

Die nationale Kacke geht mir so auf den Hammer, dass ich kaum aufatme und Holz hacken gehe. Sind wir nun in der EU oder nicht?! Meine Truppe soll es warm in der Werkstatt haben. Gott sei Dank hat Eva Glawischnig im Radio Jörg Haider so vorführen können, dass der nach Luft schnappen musste und sich albern machte. Ö1 hören in Kärnten aber nur 8%. Scheißspiel. Über die verrückten Ortstafeln, um ein VfGH-Urteil zu konterkarieren, habe ich lachen dürfen, Landeshauptmann Haider nicht, blieb dem Villacher Fasching auf einmal fern, als da einer fragte: Was ist der Unterschied zwischen unseren Ortstafeln und dem Landeshauptmann? – Sie wurden erst später verrückt.

Airbus

Dass sie in Toulouse alle Straßenschilder zweisprachig ummontiert haben, hast Du auf unserer Reise zu meiner zweiten Familie in Castanet-Tolosan vielleicht nicht mitbekommen, warst du überhaupt dabei, liebes Löchtertein? Ja, und ich weiß es genau, wie ich Dir gesagt habe, dass in Frankreich jederzeit über die Straße gegangen werden darf. La lex Badinter. Dann sind wir frei durch die Altstadt strawanzen gegangen. Der alte Monsieur Badinter lebt immer noch und will wieder Gesetze machen. Für die Freiheit, dass dich zum Bleistift ein Auto nicht einfach umfahren darf.

Respekt

Gesetze machen taugt mir, vor allem solche, welche mehr Freiheit bedeuten. Ich habe ein schwaches Mandat und das läuft aus. Aber ich kann es nicht lassen und will das Landesstraßenverwaltungsgesetz ändern, habe dafür einen Arbeitskreis einberufen, einfach so Sachen, die man machen muss, um sicher zu gehen. Du warst doch im Kinderrat damals, als wir die Renovierung der Grazer Schulen und den Oeverseepark beschlossen haben. Du hast das damals nur gut gefunden wie die anderen Kinder, die dabei waren und sich Gedanken gemacht haben. Aus Deinen Gedanken ist Wirklichkeit geworden im Respekt vor jungen Menschen. Den Respekt gegenüber kleinen oder anderen Menschen einzufordern ist leider eine ständige Aufgabe. Was mir nachfolgte ist schwach, hat die Arbeit gleich mit gebundenen Händen und nichts im Kopf als den üblichen pädagogischen Schmus angetreten. Aber die letzte Gala der Kinder- und Jugendanwaltschaft im Dom im Berg war begeisternd. Ich glaubte mich in einer Gegenwelt, fast wie die von Peter Pan.

Zurück und nebbich

Zurück zu den nützlichen Idioten. So nannten die Leute im alten Griechenland verkehrte Bescheidwisser. Da wird in Graz in der Tat viel Hirn vergossen, soll Dich nicht kümmern, ist aber allemal lustig die Vorstellung nirgendwo hinschiffen zu dürfen um die Parkbäume nicht zu beschädigen, besonders in der Nacht, wo sich schwarz vermummte Afrikaner, die Kontakt suchen, als Drogendealer verhaften lassen müssen. Damit niemand mehr an einen Baum hinschiffen kann, sägen sie jetzt die Bäume im Park einfach um und lösen damit das Problem.

Schilda

Schilder und Verbote, ist alles, was den Menschen einfällt, und dann auch noch Bäume fällen, damit niemand mehr dagegen schiffen kann, der Protest der Grünen postwendend trotzig empört, das Grün in unserer Stadt gemordet, nein, etwas dezenter bitte, liebe Grünen, die wertvollen CO2- und vielleicht auch Feinstaub-Schlucker in der Stadt erhalten, gut und schön.

Aber lachen werde ich doch wohl dürfen.

Zum Affen machen

Da lachen ja die Hühner, wenn sie von solchem menschlichen Tun und Treiben erfahren. Der Spruch ist alt. Lasst Euch nicht zum Affen machen. Hier in unserer Stadt regieren archaische Muster, unterstützt von modernem Schnickschnack wie Statistik, Ordnungsvorstellungen aus kranken Hirnwelten und den verzweifelten Versuchen, sich über Zeitungspapier wichtig zu machen. Ich kann nicht immer darüber lachen wie damals, als wir von Dozent Weihinger aus der Wiener Schule der Bonner Statistik die Weisheit bekamen: Die Mortalität ist die Neigung des Menschen zu sterben. Die Fertilität…

Aufhören

Ich muss aufhören. Bin eh schon zu spät, erst die Mondfinsternis, wirklich gelungen, dann der schöne Vollmond. Aber das hat mich nicht wirklich abgelenkt. Dumme Politik, das war’s. Und das Finanzamt. Manchmal überkommt mich das Gefühl, die nehmen heimlich bei mir Unterricht. Nicht lachen! Kommen daher, fatscheln mich aus und erstellen abstruse Bescheide, um mich weiter ausfatscheln zu können. Sie haben Lunte gerochen, ein gelernter Finanzwissenschaftler von einer Elite-Universität mit Nobelpreisträger, selten, heißt auch so, Reinhard Selten. Sein Mitpreisträger, John Nash, wurde mit Russel Crowe verfilmt, dreißig Jahre in der Psychiatrie, nein danke. Seine Gleichgewichtstheorie, dass es immer einen Ausgleich zwischen den Menschen gibt, haben wir Studenten und unsere adligen Damen, Bernadette von Magnis und Isabella von Itter damals schwer bezweifelt und mit Marx gekontert. Professor Hildenbrand hat uns auf die Schaufel geführt mit GMD Allens Unmöglichkeitstheorem für die soziale Wohlfahrt. Daran hatten wir zu knacken. Weder wir, noch unser Hildenbrand konnten das Problem lösen, sondern nahmen eine andere Haltung gegenüber den Menschen an. Lasst sie einmal machen und nicht gleich aufhören. Das geht aller Pädagogik ab, die uns irgendwohin führen will. Wir bekamen unsere Gedanken frei.

Vorletzte Gedanken

Da ist nicht viel zu erzählen, kann alles nachgelesen werden, will aber sagen, dass mir in A ein kluger Geist schwer abgeht. Dass mein Basistunnel-Paraxon erst wahrgenommen und dann in weichen Daunen abgeführt wird, tröstet mich. Dass mein Grundsicherungsmodell von einem einschlägigen Professor, der vermutlich von der hiesigen Gesetzgebung weniger Ahnung hat als ich, lasch daher geführt wird, ärgert mich umso mehr, als sie ihm seinen Vater in Estland vorwerfen. Wer heute mit solchen Vorhaltungen jongliert, hat in der Politik nichts mehr verloren. Herr van Staa, abtreten!

Am Herzen

Am Herzen liegt mir zweierlei, hach, dreierlei. Aber das muss ich heute nicht mehr schaffen.

Liebe Grüße,
Hans Fraeulin.

Schlussameng

Was ich noch zu sagen wüsste
Geht in meine graue Mütze
Und ein rotes Glas am End.

Fluchtachterl

Was Reinhard Mey einst besang, heißt hier Fluchtachterl und bedeutet Aufbruch, eine Mütze Schlaf, und dann geht’s weiter. Ein Glück, dass mein Löchtertein nicht daherkommt und mich anbenzt. Felix und sie halten mich unter Kontrolle. Und Glück, dass sie davon nichts wissen.

Oder sollte ich?

Ich mag im Leben anderer Menschen nicht herumkramen. Sie schwindeln und lügen wie as you like it, haben ihre eigenen Lebensentwürfe. Das ist nicht nur ein bedauerlicher Fakt. Sondern respektieren wir das endlich einmal! Warum schwindeln wir uns an? Und nennen das anderswo Politik. Gerade kommt mein Sohn herein, bemerkt, dass ich noch nicht über dem Schreiben zusammengebrochen bin – mit kennerhaftem Blick eines hier ausgebildeten Sanitäters. Schreibt er was über mich? Nein, ist gut. Wir leben in einer offenen Gesellschaft und das hält uns zusammen. Popper hatte doch recht, sag ich so einfach, weil ich ihn mit Marx widerlegt habe. Aber das ist her.

Korrektur

Über den Fetzer, Mathias Weber schrieb ich einst, dass er als letzter in Köln 1813 öffentlich hingerichtet wurde. Das stimmt nicht. Erst wurden von den Nazis Fremdarbeiter wegen Sabotage, dann die Edelweißpiraten öffentlich in den Trümmern von Köln-Ehrenfeld aufgehängt. Das war im Oktober und November 1944. Dass mir das über meine Jugend hinweg verschwiegen wurde, an denselben Orten, wo ich einst spielte, eine ganze Jugendbewegung mir verschwiegen wurde, die von den Nazis aufgehängt wurde, lässt den Zorn in mir wachsen.

Ich singe das Lied in meiner Sprache, nicht die von meiner Mutter, auch nicht die von meinem Vater, sondern die unger uns, in der mein Bruder Dieter 21 Hörspiele für den WDR geschrieben hat. Die Bläck Fööss, die Kinder ohne Schuhe haben es gesungen:

Edelweißpirate
Su han se sich jenannt
Wo dat Blömche jeblöht hätt
Jo, do wor Widerstand

Merken

Ich werde mir das merken. Ich bin auch nicht allein. Die Yad-Vashem-Authority hat den jüngsten der Hingerichteten und den ältesten Überlebenden der Edelweißpiraten zu den Gerechten unter den Völkern ernannt. Ich werde dieser Ehre nicht nachkommen können, obwohl ich ziemlich sicher weiß, dass ich keine Angst gehabt hätte – auf sicherem Terrain – bei eintausend Fußballspielen in der Gegend als Schiedsrichter und mich frage, ob sich das auch nicht anders hätte regeln können als durch Aufhängen.

Machthaber

Sie gehen mit Menschenleben, das wir gezeugt und geboren oder zu uns genommen haben leichtfertig um, die Machthaber. Die anderen organisieren sich in Elternvereinen und ernten Beton. Monsieur Beton war einst ein fröhlicher Gärtner in Frankreich und erfand das Eiseneinlegen in die flüssige Speis. So heißt immer noch das Sand-Zement-Gemisch, das nachher miteinander verklebt und nicht mehr so leicht brüchig wurde.

Ich schweife

Das darf in einer Republik nicht mehr sein. Schulen dürfen nicht mehr geschlossen werden, sondern alle Tore offen, die Kinder nicht mehr stundenlang durch die Verkehrshölle gezerrt werden. Aber wem rede ich das Wort? Mir selber als alter Kinderbeauftragter. Noch jemand da?

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