Hans

Zwanzigster Vollmondbrief

Kommt der Steinfuchs

Franz Holzer ist ein Steinfuchs und wirkt im Verborgenen. Er hat in Graz dem Fahrrad wieder Geltung verschafft und singt jetzt im Chor der Jahreszeit gemäße Lieder. Dazwischen liegen viele Jahre, geprägt von Ankunft und Advent, er aus Südtirol, ich aus dem Ripuarischen. Ich war keine drei Wochen in Graz, lud er mich zu abenteuerlichen Sachen ein. Ich spielte auf einer Fahrraddemo einen durch geknallten Stadtplaner und dann einen Verkehrsexperten auf einer Podiumsdiskussion als ADAC-Vertreter, wo ich alle Leute irritierte, bis er mich verriet. Dass ich etwas sein durfte, obwohl ich gar nicht war, verdanke ich ihm. Einer der Irritierten war Erich Edegger und Vizebürgermeister. Er lud mich ein, mich als Kinderbeauftragter in Verkehrsbelange einzuklinken. Das habe ich überlebt, Erich Edegger nicht.

Als Verkehrsexperte

Verkehrsexperten sind wir inzwischen alle. Die dafür bestallten Menschen in Amt und Würden leiden darunter, dass ihnen alle hineinquatschen, und das ist auch gut so. Sollen sie leiden. Sie hätten ja auch Gärtner werden können. Obwohl, denen schwatzt man längst in das wachsende Gemüse hinein, aber überwiegend die Kundschaft und nicht die Behörde und das nachher, nicht vorher. Biologisch und dynamisch hätten wir gern unseren Gärtner am Kaiser-Josef-Platz, wo das leicht auszumachen ist. Dafür sorgt das Marktamt. Also zur Sache.

Mit Programm

Mit meinem Verkehrssicherheitsprogramm habe ich in zwei Jahren die Verkehrsunfälle in meinem Stadtbezirk um die Hälfte weniger gemacht. Wie das geht, will ich hier nicht ausbreiten. Mit den Grünen ist es jedenfalls gegangen. Es geht zurzeit nichts weiter ohne mein Zutun – und meinen Zorn. Keine Verkehrsunfälle mehr, halte ich für eine realistische Option und bin damit auch nicht mehr allein.

Selbstvergessen

Warum sich die Menschen in einem zivilisierten Land so brav bürgerlich verhalten bis zum Vergessen auf ihre bürgerlichen Rechte, verdient nähere Betrachtung. Auf die Zumutungen des Finanzamts angesprochen weisen mich alle zu ihrem Steuerberater. Witzige Formen der Korruption prangert das katholische Tagblatt vergeblich an, weil niemand daran Anstoß nehmen will. Die Steuerberater leben davon, dass in Österreich abseits aller rechtsstaatlichen Grundsätze das Finanzamt schaltet und waltet. Das katholische Tagblatt traut sich über evangelische Fälle nicht drüber. Die anderen Zeitungen sind nicht besser oder längst pleite. Neue Zeitungen strampeln sich ab, um gelesen zu werden. Allem Anschein nach Trash, abgelutschte Radionachrichten, zusammentelefonierte Statistiken und Interviews.

Das Letzte

Zum Schluss geht es den Bettlern an den Kragen, weil sich alle christlichen Bürger schämen müssen, an einem Holocaust-Gedenktag einen Opernball veranstaltet zu haben, einschließlich der dummen Kommunisten, die sich staatstragend verleiten ließen, einen Gegenball zu veranstalten, beide Bälle in der einstigen Hauptstadt der Volkserhebung garantiert judenfrei. In der Synagoge brannte Licht.

Kaum auszurotten

Österreich zeigte mir in diesen Tagen einmal mehr, dass es ein Hort des Antisemitismus geblieben ist mit allen seinen Varianten, klerikal, rassistisch, opportunistisch und heimlich augenzwinkernd. Post aus Schweden signalisiert mir, dass sich darüber Wiener Juden, welche es vorzogen, Österreich auch heute noch lieber aus der Ferne zu betrachten, zu solchen Koinzidenzen gar nichts wundert. Bleiben die sich abstrampelnden dummen Grünen, die ich auf den Sachverhalt aufmerksam machte und die sich zufrieden zurücklehnten, nachdem sie von Gedenkfeiern in Österreich nichts herausgegoogelt bekamen. OK, wir haben den 4. Mai, Mauthausen. Aber an einem internationalen Gedenktag für sechs Millionen Tote Bälle zu veranstalten, zeugt von Chuzpe und provinzialem Sumpf. Und die Kommunisten? Haben sich selber ein Ei gelegt, Taufpate Genosse Stalin. Der Antisemitismus in Graz lebt fröhlich weiter.

Gimme anF! - Scheißverkehr

Was mir am nächsten liegt, ist schnell gesagt: Gimme an F! und Lärmschutzwand, alles auf Schiene und muss nicht näher ausgebreitet werden. Jetzt macht sich aber das regionale Krematorium für Verkehrssicherheit (KfV) wichtig und erklärt die Schutzwege für gefährlich, meint aber nur die Zebrastreifen. Was der Kassiererin der Bar-Code, ist der Natur das Zebra. Gefährlich sind die Dinger eigentlich nur für die Arbeitskräfte, welche sie auf den Asphalt auftragen müssen, dem beißenden Geruch frisch aufgetragener Farbe nach zu urteilen. Vom KfV erfahren wir, dass nur 40 % der Autofahrer anhalten, wenn jemand zu Fuß am Zebrastreifen die Straße queren will. In der Nacht sind es nur 10%. Das kann aber nach meiner Erfahrung nur in Wien und Innsbruck so sein. Wer ist hier eine Gefahr für andere? Der Zebrastreifen? Das bisschen Farbe? Das bisschen Farbe hat immerhin den Vorteil, dass wenn jemand zu Fuß an dieser Stelle umgenietet und tätowiert wird, die Kfz-Haftpflichtversicherung des Unfallfahrers Länge mal Breite zahlen muss. Brauchen wir nur noch zu wissen, dass das KfV, dieses jämmerliche Krematorium für Verkehrssicherheit, von der Versicherungswirtschaft ausgehalten wird, und schon wissen wir Bescheid. Wenn sie eine Mitschuld den Unfallopfern andichten können, müssen sie weniger zahlen. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

Datum

Die Straßenverkehrsordnung und begleitende Landesstraßenverwaltungsgesetze wurden in Österreich erstmals am 1. April 1938 nach deutschem Vorbild eingeführt. Bis dahin galt für Autos und Straßenbahnen Linksverkehr und bürgerliches Recht, wonach niemand einander ungestraft verletzen darf, was heute noch in Frankreich explizit auch für die Besitzer von Maschinen gilt, welche in Betrieb genommen werden. Der Code civile aus 1806 kannte zwar keine Autos. Das Gesetz war und ist auch heute noch stärker als ein Platzdamazda. In Frankreich.

Welk

Die Grünen in Graz sind eine welke Partie, über die Jahre gewachsen als Sammelbecken von Theologen und Pädagoginnen und solchen, die es werden wollen, Sozialarbeiterinnen ja natürlich. Was diese Berufe prägt, ist der Drang, andere Menschen zu besserem Verhalten zu bewegen und dafür die führenden Positionen einnehmen zu wollen. Die Menschen sollen fromm und gescheit werden und sich unauffällig verhalten. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was wir uns bei der Gründung der grünen Bewegung gedacht haben, Doro, ich und die anderen in Bonner Freundschaft. Wie ich da in Graz einen Turn-around schaffen soll, weiß ich nicht. In der Nudelsuppe abzusaufen, ist keine Aussicht. Sie glauben wohl immer noch, ich sei auf der sprichwörtlichen Suppe daher geschwommen.

Das Wort zum Sonntag

Mein Basistunnel-Paradoxon lässt sich jetzt auch auf einem Grazer Architektenportal als Sonntagsgeschichte nachlesen. Immerhin werde ich dafür bezahlt, werde aber den Eindruck nicht los, dass mir gerade einmal wohlwollendes Desinteresse entgegenschlägt. Ich vermute dieselbe klammheimliche Betroffenheit wie bei deplazierten Opernbällen.

Erkenntnis-resistent

Dass mit den geplanten Tunnelprojekten in Österreich die Eisenbahn eher schwerfälliger als besser wird, will keiner wahrhaben oder wie die ÖBB-Direktion hinhaltend verschweigen. Einen wenn auch überflüssigen zusätzlichen Verkehrsknoten – Kinderspiel für uns im Fahrdienst. Einfache Logik hat da keinen Platz mehr außer als Sprengsatz unter den Sesseln der ÖBB-Verantwortlichen. Wer traut sich der Welt zu sagen, dass Koralm-, Semmering- und Brennerbasistunnel für Arsch und Friedrich sind? Es locken sechs Milliarden Euro für Bildung. Wissenschaft und Kunst.

Einsam unverstanden

Ich fühle mich einsam mit meinem Paradoxon, wäre vermutlich nicht der einzige unverstandene Mathematiker und denke an Wittgenstein. Diese Tunnels sind so etwas von unnütz und rausgeschmissenes Geld. Jetzt haben wir einen Verkehrsminister, der sich nicht traut, wichtige Eisenbahnprojekte bauen zu lassen, nicht bevor dieser depperte deutschnationale Koralmtunnel gebaut wird.

15 Kilovolt nach Südost mit 23 Hertz

Den Wiener Hauptbahnhof finde ich ganz wichtig. Wart ihr mal in den trashigen Ganglien des jetzigen Thüdothtbahnhofth? Schreibweise Ernst Jandl über einen jugendlichen, thechthenjahre alten Suizidalen, der irgendwo auf dem Gelände ein Gleis für sein Ableben sucht. Manchmal hanteln sie sich auch in die Oberleitung. Der elektrische Stuhl ist Schmutz dagegen, wenn der Bahnhofsvorstand Feierabend vergessen hat, den Strom abzuschalten, und ist ja auch ein starkes Stück, rund siebzig mal mehr als in der Steckdose, dreiundzwanzig mal in der Sekunde durchgeschüttelt. Die amerikanischen Scharfrichter kommen mit weniger aus, damit ihre Delinquenten nicht wie bei einer Hexenverbrennung in Flammen aufgehen.

Der Löwe von San Marco

Unsere Sehnsucht ist nicht Klagenfurt, sondern Venedig. Am alten Wiener Südbahnhof steht er verloren in der Halle, der geflügelte Löwe, der in Venedig auf einer Säule stolz platziert ist, um uns zu zeigen, wohin die Reise geht. Ein aberwitziger Landeshauptmann will unbedingt, dass wir uns vorher seinen Lindwurm anschauen.

Wittgenstein

Der Schlusssatz von Wittgensteins Traktat über die Logik hat einen bezwingenden Umkehrschluss. OK, worüber man nichts zu sagen weiß, soll man schweigen. Die Umkehr, eben zu schreien, wenn man etwas ungeheuer Unlogisches bemerkt hat, ist Wittgensteins versteckte Botschaft. Die haben wir am besten gar nicht erst ignoriert. Nach diesem Vollmondbrief geht das nicht mehr, auch nicht mehr die österreichische Variante vom gar nicht erst ignorieren – eine gute Gelegenheit, Vollmondbriefe abzubestellen. Ein Njet genügt und auf Antworten klicken.

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