Hans

Zweiter Vollmondbrief

Vollmond fällt mitten in die Ferien, weshalb ich mich bemühe, die gute Laune von Politikern schon vorher zu verderben. Warum ihr Tun und Treiben nicht funktioniert, darüber im Folgenden wie versprochen ein paar Einblicke, Ansichten und Durchsichten. Robert Menasse meinte jüngst treffend, dass die Menschen erst dann eine Veränderung im Staatsgebilde bemerken, wenn sie ihre eigenen Gewohnheiten ändern müssen. Ich stelle mir das so vor: den Mund voller Zahnpasta, und dann kein Wasser mehr in der Leitung. Unausgesprochen: Dann ist es leider zu spät.

Härtetest für den Ständestaat

Beiräte sind in Mode gekommen, seit sich die Kulturpolitik bemüßigt fühlt, ordnend in das für sie wirre Geschehen einzugreifen, sei es in der Hauptstadt, sei es in der kleinen Schwesterstadt, Wien oder Graz. Das war auch das Ansinnen des Ständestaats, einen Monarchen oder Bundeskanzler umfassend zu bemuttern, damit er ja nichts falsch macht. Wie das Experiment ausging, lässt sich am Siechtum General Francos in Spanien nachvollziehen. Dessen Bilder haben sie nach seinem Tod erst einmal abgehängt. Das Bild von Dollfuß hängt noch immer in den Zimmern der ÖVP. Die österreichische Sozialdemokratie ist da unwesentlich anders, baut ein ständestaatliches Wesen auf, um Demokratie in die Kultur zu bringen. Im Vertrauen, das geht nur, wenn wir selber über die Gelder entscheiden dürfen.

Während in Wien der Anschein von Seriosität gerade noch aufrechterhalten werden kann, entblödet sich das System im kleinen Graz in aller Lächerlichkeit. Ungefähr zwanzig Leute eines Kulturbeirates haben darüber entschieden, wer in einem halben Dutzend Fachbeiräten darüber entscheiden soll, was in Hinkunft in Graz kulturell passieren darf – Irrtümer nicht zu vermeiden. Das Pick-up Theater reichte für sein Bloomsday-Projekt auf ausdrückliche Aufforderung des Kulturamts eine Kostenkalkulation ein, worauf dort und in den Beiräten allen der Mund offen stehen blieb wie den Herrschern des Karpfenteiches, bis Bloomsday vorbei war. So lange konnten wir nicht zuwarten. Wir sind schließlich Professionals und haben termingerecht unser Spektakel geliefert. Gehört sich so.

Zugegeben, ich hätte von vornherein auf unsere Gagen verzichten sollen, aber warum?, wenn eh keiner von diesen Beiräten die Dimension dieses Weltkulturereignisses begreift. Als wir danach auf eine nicht unbedeutende Konferenz nach Berlin eingeladen wurden, um dort eine DVD von unserem Ereignis zu präsentieren, sprang zum Glück das Land ein und rechnet uns hoffentlich die Bemühungen und Gerätschaften an, welche wir brauchten, um 13 ½ Stunden Filmmaterial zu sichten und auf 4 Minuten Repräsentationsstärke zu trimmen. Gelang uns während der Bahnfahrt, Feinschliff im Hotelzimmer. Alles paletti abgelaufen.

Aber warum sollte der Theaterbeirat mit einem Video behelligt werden?, bloß weil es von einer Theatertruppe kam? Einer kam hernach zu mir angekrochen und bat um Vergebung. In der Tat wurde dem Theaterbeirat ein Videoprojekt vorgelegt und das war inzwischen über 300 000 Euro wert. Nicht einmal der Beirat für Interdisziplinäres konnte damit etwas anfangen, wie mir vorgestammelt wurde. So lassen sich alle zum Affen machen, hoch mögende Leute, sollen mit ein paar Groschen Geld umgehen, scheitern wie bestellt. Friede ihrer Asche.

Deckungsbeitrag

Wie gesagt, für Viehzüchter kein Problem, aber für alle, die zu wirtschaften haben. Auch die Leute aus Kunst und Kultur kommen nicht umhin, glauben aber meistens, der Blick in die Geldbörse reiche aus. Am Ende treffen alle falsche Entscheidungen, obwohl sie alle schon von fixen und variablen Kosten gehört, aber noch nicht auf die Reihe bekommen haben. Wie erklären? Nehmen wir eine kleine Knopffabrik, welche unterschiedliche Knöpfe nach verschiedenen Verfahren herstellt und von der die Chefin weiß, was die jeweilige Herstellung kostet und im Verkauf einbringt. Sie wird so lange einen bestimmten Knopf herstellen lassen, so lange er dafür sorgt, dass sie es auf ihrem Sessel im Büro warm hat. Alle anderen im Büro, die für sie ausrechnen müssen, wie viel ein jeder Knopf kostet, sind dadurch gefährdet bis überflüssig und wehren sich, wollen nicht länger ein Fixkostenfaktor sein. Ihre Arbeit lässt sich bei aller Logik einem einzelnen Knopf nicht zuordnen. Vom Buchhalter bis zur Unternehmensberaterin verweigern sie sich dieser Erkenntnis, schummeln sich selbst in die Kalkulation, teilen die Kosten, welche sie selbst verursachen, auf alle Knöpfe auf und machen dadurch einen Knopf teurer als er ist. Dessen Produktion wird dann womöglich früher eingestellt als nötig. Für den Intendanten eines Stadttheaters bedeutet das, dass er seine vorgeheizte Bude so oft wie möglich aufsperrt, um Geld zu kassieren. Das Opernhaus in Graz ist vielleicht zweimal wöchentlich geöffnet. Niemanden juckt das.

Schutt und Schrott

Die ÖVP zieht Bilanz. Was hat sie seit den letzten Wahlen in der Steiermark erreicht? Schutt und Schrott. Die anderen Parteien brauchen nur darauf herumzureiten, Foto-Termin auf den Ruinen von Spielberg, um den angerichteten Schaden zu besichtigen, oder diskret wie Peter Hagenauer, Punkt für Punkt aufzuklären, was passieren kann, wenn statt Schaufel und Säge ein Bleistift zur Hand genommen wird, um ein Elektrizitätsunternehmen zu buchstabieren. Sie lässt sich immer noch mit nutzlosen Infrastrukturinvestitionen wie dem Semmering-Basistunnel oder die Koralmbahn sekkieren und weiß immer noch nicht, wie sie mit der eigenen Kulturhauptstadt umgehen soll, obwohl der Trubel längst vorbei ist. Arme ÖVP. Was für ein Potential gescheiter Leute! Leider in der falschen Partei. Die ist höchstens für die eigene Karriere interessant.

Der Schläfer

Leopold Schöggl ist zwar gemeint, aber er schläft nicht. Trotzdem ist er ein Schläfer – im Sinne von John LeCarré: Tinker, Tailor, Soldier, Sleeper, also ein Mann, zu allem fähig, an höchster Stelle, tut keinem was zu Leide, aber – ein feindlicher Spion, ein Maulwurf. Er tarnt sich mit der Förderung der heimischen Blasmusik, die dank seiner großmütigen Obwaltung endlich wieder bläst. In Wirklichkeit ist er für den Verkehr in diesem unserem schönen Lande zuständig, und da schläft er bei vollem Bewusstsein. Er will nicht, dass sich da was ändert. Dass wir in Graz an importierten Abgasen ersticken, interessiert ihn nicht, dass wir dringend eine Stadt-Regionalbahn brauchen, geht ihn nichts an. Das ist seine Aufgabe: Nichtstun. Im Herbst haben die wahlberechtigten Steirerinnen und Steirer die Gelegenheit, dem Nichtstun ein Ende zu setzen. Sie können seinen Parteifreunden bereits bei den Kommunalwahlen im März den Weisel geben. Wollens hoffen. Ach, seine Partei heißt FPÖ, damit das wenigstens klar ist. Es gibt im Land bereits Listen, die sich darüber tarnen, also aufpassen.

Langsam öffentlich

Martin Krusche nennt es eine interessierte Teilöffentlichkeit, wenn sich wer auf seine Website verirrt. Diesem Umstand habe ich es zu verdanken, dass ich beim Eintippen von Erste Prosa in die Google-Suchmaschine noch vor Thomas Bernhard und Bertolt Brecht an die erste Stelle gereiht wurde. Da staunen wir mit Respekt. Woher wollen die von Google wissen, wie wichtig ich für die Literatur sein soll? Es ging damals um ein Parteiprogramm. OK, Winston Churchill hat den Literaturnobelpreis bekommen und ich werde jetzt als Mandatar in meinem Stadtbezirk stolz darauf sein, zur ersten Prosa gerechnet zu werden. Die Welt ist albern.

Im nächsten Vollmondbrief:

Die Zwerge auf der Ries

Wie eine Volksschule kaputt gemacht wird…

Hilft dem Vater auf das Fahrad

War die beste Schnapsreklame, weil sich alle wegen der Orthografie aufregten. Der Bund sozialistischer Akademiker, inzwischen frisch gereinigt und gebügelt, hat das damals nicht kapiert…

Das Kommod

Wie mein Stammbeisl vor meinen Augen abgerissen wurde und hernach zum Denkmal wird, soll lieber Wenzel Mracek schreiben. Zu viel für mich…

Zauberformel GmbH

Das Stadtmuseum soll eine GmbH werden. Der Gemeinderat stimmte in trunkener Einmütigkeit zu. Ihm mag das von Wolfgang Kos geleitete Wien-Museum vorgeschwebt haben. Das hat sich in der Tat als Stadtmuseum in letzter Zeit enorm hervorgetan – dank Kos und ohne GmbH zu sein. Formell eine GmbH, in der Tat eine kleine Magistratsabteilung mit eigenem Rechnungsabschluss und jede Menge Honoratioren im Aufsichtsrat, welche nur hineinreden wollen, wirkt hinter der Fassade „Frida und Fred“ das Grazer Kindermuseum. Der Intendant und Geschäftsführer kann einem nur Leid tun. Er hat Glück. Sein Laden läuft wie von allein.

Herbst rehabilitiert

Mit ihrem Zusatzantrag, in Zukunft auf die Wirtschaftlichkeit und Zweckmäßigkeit der Mittelverwendung beim steirischen herbst Acht zu geben, haben die Grünen im Grazer Gemeinderat dieses wichtige Festival der Avantgarde rehabilitiert. Wenn auf der einen Seite die Stadt Schulen wegen der drückenden Monatsmiete schließen will, andererseits fantastisch große Konzerthallen über Jahre finanziert und dann leer stehen lässt, ist zeitgenössische Kunst nicht mehr argumentierbar. Jetzt kann ich mich bei meinem Greißler auf der Ries ohne schlechtes Gewissen wieder blicken lassen. Dort soll die Volksschule geschlossen werden. Die Kinder im Stiftingtal können sie von weitem sehen, sollen aber in Zukunft mit der Leonhardkirche ums Kreuz in die Ragnitz gefahren werden, damit sich der Schulstadtrat ein paar Cent und Ärger mit einer Schule erspart, die vielleicht in Bullerbü noch existieren durfte, in die heute jedoch ein wenig Hirnschmalz investiert werden müsste, um sie auf den Stand der Dinge zu bringen. Auf jeden Fall muss sie erhalten bleiben. Sie gehört zur flächendeckenden Grundversorgung in Sachen Bildung. Bildung ist aber Voraussetzung für das Verstehen moderner Kunst.

Organisationstheorie, 1. Semester

Kulturstadtrat Buchmann hat nach eigenem Bekunden von Kultur keine Ahnung, weshalb er sich umfänglich beraten lässt. Als Obmann des Grazer Wirtschaftsbundes und auch im Magistrat zuständig mag er sich in Wirtschaftsfragen vielleicht kompetent fühlen. Dass auch Kunst und Kultur wirtschaftlichen Zwängen unterliegen, wird ihm wohl geschwant haben. Aber wie heißt es im Kinderlied: 3x0 ist Null. Also geben wir ihm Nachhilfe. Mit dem Peter-Prinzip und dem Parkinsonschen Gesetz soll er vorerst nicht behelligt werden, sondern mit zwei einfachen Grundsätzen: Soviel delegieren wie möglich und soviel Organisation wie nötig. Buchmann versteht das anders. Ich delegiere meine Entscheidungen an so viele Organe wie möglich, auch wenn ich sie erst schaffen muss. So viel Nebel muss sein, um darin nach Gusto kraft souveräner Willkür selbst entscheiden zu können, ohne dafür verantwortlich gemacht zu werden. Näheres unter Nützliche Idioten. Soviel Organisation wie möglich mag bei einem BWL-Erstsemester als Hörfehler durchgehen. Nötig ist das Holding-Konstrukt für die Grazer Bühnen jedenfalls nicht, sondern eine schlechte Imitation aus der Hauptstadt, wie Peter Vujica im Standard detailreich nachwies. Dass in beiden Fällen der Zahlmeister zum Kapitän gemacht wurde, regt in einem Land, in dem die Gezeiten keine Rolle spielen, niemanden auf, aber hoffentlich jetzt. Was bedeutet das? Im schlimmsten Fall läuft das Schiff nicht aus dem Hafen. Theater findet nicht mehr statt.

Proportionen

Proporz ist für einen wie mich, der in einer Stadt aufwuchs, in der 30 Jahre die Diktatur der absoluten schwarzen Mehrheit herrschte, erst einmal nicht schlimm. Wer nach dem Absoluten strebt, dem mag der weinerliche Kuhhandel degoutant erscheinen, den hehren Zielen abträglich, sollte aber bedenken, dass beispielsweise bei einer Postenbesetzung wenigstens der zweitbeste zum Zuge kam, in der Regel durch Doppelbestellung sogar beide Kandidaten– solange die Welt noch in rot und schwarz geteilt war. Nachdem nun blaue, grüne und dunkelrote Stücke der statistischen Torte zu verteilen sind, funktioniert das System nicht mehr. Jetzt, möchten wir meinen, könnte es heißen: Da ist eine, die kann was, sie soll es machen. Das ist jetzt so beim steirischen herbst geworden und wird auch hoffentlich gut, weil sich die neue Intendantin was traut und ihre politischen Präferenzen keine Rolle spielen. Für mich, der neulich bescheinigt bekam, zu den Gründungsmitgliedern der deutschen Grünen zu gehören, ist kein Land in Sicht, auch nicht bei Ebbe. Bei Vollmond haben wir üblicherweise eine Springflut – am Meer. Als ich als studierter Nationalökonom nach Österreich kam, bot man mir beim Arbeitsamt einen Bauhilfsarbeiterjob in Liezen an. Bei der NZ durfte ich dann anheuern – als Lokalreporter. Dass ich zuvor eine marode Zeitschrift in Bonn saniert hatte, interessierte keinen bei der NZ. Die NZ machte pleite. Strafe für die Vergeudung von Ressourcen.

Nützliche Idioten

Das von Stadtrat Buchmann aufgestellte System der Beiräte und Fachbeiräte mag auf den ersten Blick sehr demokratisch sein, weil wie es scheint, alle mitreden dürfen, denen Kunst und Kultur ein Anliegen ist. Das taten wir immer schon, mitreden, alle, die wir da sind. Im einberufenen Gremium werden wir zu nützlichen Idioten, deren Meinung einmal für gravierende Entscheidungen herangezogen wird, das andere Mal nicht. Dem Fachbeirat für Theater mag der Spielplan des Theaters im Keller nicht besonders originell vorkommen. Sogleich wird daraus eine Keule geschnitzt, den Turrini- und Jelinek-Adepten eine überzubraten und ihre sauer erkämpften Subventionen zu streichen. Ich gehe schon lange nicht mehr ins Theater im Keller, aber ich finde, dass das dort gebotene Programm, in dem wie immer das gespielt wird, was sich das Schauspielhaus nicht traut auf den Spielplan zu setzen, unverzichtbar ist für Graz, für jede Stadt. Dem Verein den Hahn abdrehen zu wollen, ist einfach schäbig. Dafür den zusammengerührten Geschmack eines Gremiums von eigenen Gnaden heranzuziehen, macht die Entscheidung nicht besser, desavouiert aber alle Beteiligten. Als Leute vom Fach müssten sie eigentlich wissen, dass sich über Geschmack nicht streiten lässt. Es lassen sich verschiedene Spielstile, Macharten, Fertigkeiten beurteilen, aber höchstens ob es mir gefällt oder nicht. Ob ein Stück oder eine Inszenierung gut war oder nicht, ist wie in jeder Zeitungskritik nachgelesen werden kann, höchst subjektiv. Die „Qualität“ einer Produktion lässt sich so nicht „evaluieren“. Das geht höchstens bei einer gewissen Anzahl von Wiener Schnitzeln gut. Aber dass ein Pariser Schnitzel von besserer Qualität sei als ein Wiener Schnitzel, wie erst kürzlich durch Verspeisen evaluiert worden sei, wird niemand ernsthaft behaupten können.

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