Hans

Vollmondbrief 18a

Abfangjäger Rotter

Professor Rotters Ausführungen zum Kauf neuer Abfangjäger können von einem, der das seltsame Vergnügen hatte, bei einem Draken-Manöver dabei gewesen zu sein, nicht unwidersprochen bleiben. In der halben Stunde Rundgang im Hangar, in der vier Draken flugfertig gemacht wurden, erläuterte uns der begleitende Offizier den Ablauf des Manövers. Die ersten beiden Maschinen starteten auf die slowenische Grenze zu, drehten einen steilen Loop nach Bregenz, wo sie vor Schweizer Luftraum abermals drehten mit dem Auftrag, sich wieder Richtung Graz durch den österreichischen Luftraum zu schwindeln. Das zweite Drakenpärchen startete etwa fünf Minuten später mit dem Auftrag, die Schwindelpeter zu entdecken, gab dann über Funk die Meldung durch, etwa so: Ich hab dich gesehen, peng, du bist tot. Dann wurden die Rollen getauscht, noch mal vor der Staatsgrenze abgedreht, per Funk: Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Ich nicht. Nach einer knappen halben Stunde waren alle vier Flieger wieder am Boden. Auch den stramm nationalen jungen Leuten, die ich im Rahmen eines Politik-Workshops zum Fliegerhorst begleitete, dämmerte es, dass Abfangen im Luftraum über Österreich eher geeignet ist, sich lächerlich zu machen.

Ich will das gar nicht ausmalen, wie Österreich mit Abfangjägern vor Invasionen geschützt werden soll: permanente Patrouillen, Luftlärm Tag und Nacht über tout l’Autriche, Kosten für Sprit, Personal und Wartung, welche das Staatsbudget auffressen. Das ist niemandem zuzumuten.

Mit dem System Goldhaube ist Österreich im Kalten Krieg gut gefahren. Unangemeldete Bewegungen in der Luft werden sofort geortet. Wer sich nicht zu erkennen gibt, wird mit Boden-Luft-Raketen beschossen. Die Drohung wirkt. Wer Österreich überfliegen will, klopft vorher an und weist sich aus.

Abfangjäger sind eine Spielerei für junge Ärzte, Rechtsanwälte und andere Reserveoffiziere, die sich unter der Woche den ultimativen Kick holen, so wie andere nach Feierabend joggen, also Freizeitflieger. Ihr Beitrag zur Landesverteidigung wäre auf dem Tennisplatz besser angelegt als in der Luft, vor allem billiger.

Einen Völkerrechtler zu belehren steht mir nicht zu, vielleicht doch. Hat Hitlerdeutschlands Wehrmacht zusammen mit Kamerad Schnürschuh über das unbeteiligte Belgien, das neutrale Holland und das passiv Widerstand leistende Luxemburg Frankreich erobert – oder über den Rhein bei Kehl und Strasbourg? Bei Kehl hat mein Vater so lange in der Stellung gedünstet, bis die Eroberung Frankreichs vorbei war. Und letzten Endes: Hat je Frankreich den Benelux-Staaten vorgeworfen, ihre Neutralitätspflichten verletzt zu haben? Natürlich nicht. Da braucht ein Völkerrechtler nur einen Blick auf Technik, Personal und Ausrüstung zu werfen, um klüger zu werden und mit seinen Paragrafen und Artikeln einzupacken. Aber die Schweiz!

Die neutrale Schweiz hat im Krieg keine Abfangjäger gebraucht, sondern allen Invasoren gedroht, sich in den Alpen zu verlaufen und von hinten eins aufs Dach zu kriegen. Auch in Kriegszeiten sind die Züge über Schaffhausen gefahren und kaum einer über die Sauschwänzlebahn auf deutschem Gebiet, die eigens zur Wahrung der Schweizer Neutralität angelegt wurde. Neutralität mit Augenzwinkern galt am Schaffhauser Bahnhof. Das hat flüchtenden Juden und Widerständlern das Leben gekostet. Strammen Deutschschweizern wurde das Boot voll.

Als an 9/11 Abfangjäger einen außer Kontrolle geratenen Flieger über halb Amerika ohne eingreifen zu können bis zum letalen Ende begleiteten, wurde hoffentlich allen Beteiligten klar, dass Abfangjäger zu nichts taugen, außer in der Zwischenzeit wichtige Regierungsgebäude zu evakuieren. Darauf hätten kluge Köpfe auch früher kommen können. Die Twin-Towers und das Pentagon waren bereits getroffen. Den Zivilisten im abgewendeten Flieger hat es nicht geholfen. Sie allein waren es, welche Courage gezeigt haben, um ihr Schicksal abzuwenden. Es konnte ihnen keiner helfen, schon gar nicht ein winkender Abfangjägerpilot. Der muss in Österreich nach einer Minute abwinken.

Wer überfliegt das Land von Bregenz nach Graz, um im Irak den Krieg einzudämmen? Präsenz im Luftraum zu zeigen ist ein lärmender Aberwitz. Werden wir hier vernünftig und drohen mit dem System Goldhaube, das wir mit besseren Raketen und verfeinertem Radar auf den neuesten Stand bringen – und das alles an die große Glocke hängen, damit ja jeder vorher anklopft und sich ausweist. Meine Studierenden filmen mit einem Digitalcamcorder im absolut Dunkeln, das Gerät um die Ecke gekauft. Jeder Tarnkappenbomber ist damit auszumachen, wenn der Infrarotstrahl weit genug reicht. Der Tipp sollte für die Landesverteidigung genügen, oder muss ich erst erklären, wie mit Nägel und Schrauben, einem Ofenrohr und ein wenig Schießpulver der Feind in die Flucht geschlagen wird? Das war in Vietnam, lange her. Eurofighter ist und bleibt ein abwegiges Vergnügen für mehr oder weniger durch geknallte Freizeit-Piloten. Österreich braucht das nicht. Es kostet nur viel Geld.

Österreichs Rolle in der Welt sieht anders aus. In Konflikten den Rechtsstaat einzufordern ist heikel, brauche ich nur an den Einsatz im Afghanischen zu denken. Österreichs Soldaten haben keine Ahnung, wie demokratische Strukturen aufzubauen sind. Sie stehen hilflos herum, sind freundlich und reden unverbindlich, weil sie Tourismus, aber Demokratie und Rechtsstaat nie gelernt haben. Dafür waren sie zwölf Jahre in der Schule. In diesen Jahren habe ich gelernt, was ein Schülerparlament ist und wozu es fähig ist, das Friedrich-Ebert Gymnasium direkt neben der SPD-Baracke. Wen es interessiert, Friedrich Ebert war Sattler und Reichspräsident der ersten deutschen Republik, unser Streik gegen die Notstandsgesetze vergeblich, aber Tat. Wir wussten spätestens nach der Abiturfeier, als uns feierlich das Grundgesetz überreicht wurde, was die Würde des Menschen und seine Verletzlichkeit, was Versammlungs-, Koalitions- und Pressefreiheit in der Praxis bedeuten.

Demokratie und Rechtsstaat lässt sich von Kind auf lernen. Österreich hinkt da auf allen Beinen. An was sollen sich die gewählten Schüler- und Studentenschaften halten, die in ihrer Schulzeit nicht einmal im Sandkasten der Demokratie spielen dürfen, an ihre Lehrerinnen? Wo immer österreichische Soldaten im internationalen Einsatz sind, stehen sie als Wache herum und schauen, dass ihnen nicht in den Kopf geschossen wird.

Wir brauchen heute andere Soldaten, die wissen, worum es geht, wenn in einem Dorf in Bosnien oder im Kosovo Konflikte auszuräumen sind. Da sind wir allesamt unterbelichtet, wissen aber als alte Hasen, was zu tun ist, Arbitrage. Unser Nachwuchs hat leider keine Ahnung, was das heißt.

Österreichs Streitkräfte sind für internationale Einsätze aufzurüsten, eher mit Kulturtechniken als mit Waffen, will heißen: Demokratie schon in der Schule üben, wissen, was ein Rechtstaat ist. Den heimatlichen Luftraum schützt die Goldhaube. Wer darauf besteht, Leute zu haben, welche einen Gripen oder Eurofighter steuern können, schicke sie zur Ausbildung dorthin, wo sie länger als eine halbe Stunde in der Luft sind. Nach dem Dutzendhandelvorschlag Professor Rotters ist für mich klar: Der österreichische Luftraum ist kein politischer Sandkasten für Völkerrechtler.

Heute ist auf die Uhr zu achten, nicht auf den Mond.

Liebe Grüße,

Hans Fraeulin.

Achtung, neue E-Mail-Adresse:

hans.fraeulin@pickuptheater.com

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