Hans

Achtzehnter Vollmondbrief

Will weg

„Ich will aus diesem Land und dieser Stadt (gemeint ist Wien, Anm.) weg.“ „Österreich geht einen so schrecklichen Weg.“ „Der technokratische Pragmatismus und die soziale Kälte der Schüssel-Regierung, der Starmania-Marktgambler Grasser (noch Finanzminister, Anm.), der das Wort Ethik noch nie gehört hat, die Rechtsrabauken in der FPÖ, an die man sich zu gewöhnen scheint, die Unterhaltungsverdummung in der Bevölkerung – Gleichzeitig gibt es aber eine so unglaubliche Fertigkeit im Umlügen!“ Starke Worte eines Mannes aus dem steirischen Kohlenpott, die wir eher seinem Amtsvorgänger aus dem Ruhrpott zugetraut hätten. Klaus Bachler folgte Claus Peymann als Burgtheaterdirektor nach, der kleine dem großen Claus, wie es lange schien.

Umlügen

Umlügen wird vom Microsoft-Schreibwächter bekrittelt, scheint also für Nicht-Burgtheaterdirektoren erklärungsbedürftig. Der nächste heißt Matthias Hartmann. Ich versuch es trotzdem. Wird einer bei einer Lüge ertappt, schiebt er eine neue nach und hofft, dass es diesmal mehr Leute glauben. Mit dem Zurechtbiegen der Wahrheit hat das nichts zu tun. Das wurde gar nicht erst versucht.

Ihr Kinderlein kommet…

…bloß nicht alle, dachte sich Frau Haubner, geb. Haider und noch Sozialministerin. Sie gab einen Erlass heraus, der den Staat von Kindergeldzahlungen befreit bei allen Neugeborenen, die zwar in Österreich zur Welt gekommen sind, aber von Blutrecht wegen als Ausländer gelten und so lange auf die üblichen Sozialleistungen verzichten müssen, bis der Reisepass aus, sagen wir, Kirgisien eingetroffen ist.

In diesem Lande leben wir…

Nachdem auf den letzten Brief gleich eine Reaktion aus Schweden kam, muss ich ernsthaft über Chats und Leserforen nachdenken, obwohl mir die Rolle als einsamer Vielschreiber mehr behagt. Dem schwirren im Kopf viele Sachen herum. Da wird ein Konzertveranstalter, mit dem ich gerade einen Gig ausgemacht habe, ein paar Tage später in den Gazetten als Kinderschänder ausgemacht. Hinterher recherchiert ergibt sich, dass der Fall vor 21 Jahren gewesen sein soll und mit einem Spross aus katholischem Hause passiert sein soll, der jetzt seinen Job bekommen will. Da bleibt einem die Spucke weg und mir nur Trost bei Hölderlin: In diesem Lande leben wir – wie Fremdlinge im eignen Haus…

Mein Stammwirt und früher Journalist ist fast über die Theke gesprungen, als er das erfuhr, und hat die Intrige gleich erkannt. Wenn das hier Usus wird, meinte er, haben wir bald eine Diktatur. Zurzeit breitet sich Schweigen darüber.

…wie Fremdlinge im eigenen Haus

Vielleicht irrt sich mein Wirt und wir haben bereits eine Diktatur. Robert Menasse und andere wache Menschen hier wissen, Diktatur schleicht sich ein, kommt nicht laut grölend über die Grenze, wie uns einige Historiker glauben machen wollen. Und dann wird es spät, um etwas dagegen zu tun, gefangen in den eigenen Erlebnissen. So schlimm wird es schon nicht werden, machen wir uns vor. In argentinische Pampa, ins endlos lange chilenische Hochland, in die amazonischen Sümpfe kommt eine Diktatur nicht so leicht hin. Kärnten ist überschaubar. Alle Häuser, Schuppen, Marterln, sogar markante Bäume sind in der Deutschen Generalkarte sorgfältig aufgezeichnet. Es gibt sie als Wanderkarten noch im Handel und auf dem Flohmarkt, wo ich zwei gleiche längst vergriffene Autoatlanten mit komplettem Verzeichnis aller Orte in Österreich erstehen konnte. Einer bleibt im Regal in Reserve. Sie sind zwar veraltet, aber kein Vergleich zu GPS.

Herkunft

Wenn wir Kinder von den Alten im Dorf gefragt wurden, wo wir herkämen und Klufterstraße sagten, sagten die Alten, ach, im Wasen, und bemitleideten uns, bohrten aber nicht nach, wo unsere Eltern her sind. Dass sie zugereist waren, wussten sie. Nach Friesdorf kamen sie von überall her. In wenigen Jahren wuchs der Ort mit ein paar Land- und Forstwirtschaften auf 19.000 Einwohner an. Schwarzafrikaner, Japaner, Chinesen, Iraner, Palästinenser, Menschen aus Frankreich, Nord- und Südamerika siedelten sich bei uns an. Im Schloss Annaberg kamen die Vertriebenen aus Ostpreußen und Schlesien unter. Reisepässe gab es für uns Kinder nicht, aber den Spielerpass für alle, die im Fußballverein mitspielten. Da hat es ein Problem gegeben, weil Dieter und ich evangelisch waren. Dieter hat mit seinem Fußballtalent alle Fragensteller in den Keller geschickt, ohne es zu wissen. Die Vereinsführung hat zu Ostern und Pfingsten Turniere veranstaltet und dazu Teams aus England, Frankreich, Holland, Belgien und Schwaben eingeladen. Allen Kindern aus unserem Dorf, die Fußball spielen wollten, ist ein Spielerpass ausgestellt worden. Jochen Schirdewahn, der damals die Friesdorfer Fußballjugend betreute, ist hier ein Denkmal zu setzen. Er hat Integration vorgelebt, als es das Wort noch gar nicht gab.

Wäre noch zu klären

Warum wird ein Dorf in einer fruchtbaren, mild feuchten Gegend zu einem lebendigen Beispiel für Integration, nicht nur, was Menschen von überall angeht, sondern auch Menschen mit Behinderungen. Jedes Jahr wird ein Fest von Kirchturm zu Kirchturm gefeiert. Die evangelische Volksschule ist längst eine Integrationsschule geworden und galt als Vorzeigeprojekt für Präsidentengattinnen, solange Bonn noch Hauptstadt war. Friesdorf ist eins der 42 eingemeindeten Dörfer. Hans Riegel ist unser großer Sohn. Er erfand den Goldbären. Überall verspeist darf er als Symbol für Integration gelten. Oder hat jemand was dagegen?

Im Wasen

Wenn wir Kinder von den Alten im Dorf gefragt wurden, wo wir herkämen und Klufterstraße sagten, sagten die Alten immer, ach, im Wasen, habe ich schon geschrieben. Als wir zwölf oder dreizehn waren und nach tagelangem Regen das Wasser bis zur Decke in den Keller floss und endlich von der Feuerwehr abgepumpt jede Menge lehmigen Schlamm hinterließ, haben wir gelernt, wo wir wohnten, in einer sumpfigen Wiese. Ich habe später für ein Regionalplanungsbüro kartographische Bestandsaufnahmen gemacht. Hinter Andernach fuhren wir mit einem alten Käfer in der Eifel herum, Uwe, der Landvermesser werden wollte, und ich, bereits Volkswagenwirt. Wir staunten nicht schlecht, ein Hochspannungsmast auf einem wackeligen Hügel, was soll das? Der Bimsabbau bei Tage prägte die Gegend. Kostenhalber wurde der Mast stehen gelassen, rundherum der Bims abgebaut und zu Bausteinen verarbeitet.

Meisterstück

Ohne Uwe habe ich Münstereifel bis zu den Dachgiebeln und den Ruinen der Stadtmauer so genau kartiert, dass meine Chefs schon nervös wurden. So genau wie ich wollten sie es nicht haben. Aber sie taten das richtige und erhielten die Stadt. Mittelalter markierend haben sie einen Fußgängersteg über den alten Stadtgraben geschwungen und ihn nicht zuschütten lassen, nur zum Beispiel. War früher sonst üblich. Ein Volksschullehrer, der sich später als Kammerjäger von Gummibären einen Namen machte und sich als Wiedergänger zur besten Sendezeit gelegentlich im Fernsehen präsentiert, wohnt zwar dort in der Gegend um Bad Münstereifel, aber wo genau, weiß nur die Deutsche Generalkarte.

Kärnten zum schlechten Beispiel

Der Ruf, Kärnten einzuzäunen und zuzuscheißen, ist für mich aktuell, solange die Ortstafelfrage virulent bleibt. Wo überall anders, in Südfrankreich und wo ich sonst noch hinkomme, Irland zum Beispiel, Wales, Südtirol sind zweisprachige Schilder der Ausweis für den Respekt vor den jeher dort ansässigen Menschen, welche ihre Auen und Fluren, ihre Städte und Dörfer immer anders benannt haben als die gerade herrschende Obrigkeit. In Toulouse, wo nicht nur Französisch, sondern auch Occitan, und in Pergignan, wo auch und zwar mehrheitlich Katalonisch gesprochen wird, sind längst nicht nur die Ortstafeln, sondern alle Straßenschilder zweisprachig, in der Bretagne die Schilder in den Wirtshäusern seit langem abmontiert, auf denen es hieß, verboten sei auf den Boden zu spucken und Bretonisch zu sprechen. Nach Francos Tod wurde aus Lerida wieder Lleida, nach dem Fall der Sowjetunion Leningrad wieder Petrograd, aus Karl-Marxstadt wieder Chemnitz.

Zuscheißen

Dass ein weit entferntes Tagblatt von einem Diktator in Kärnten schreibt, kommt also nicht von ungefähr. Kärnten und sein Umgang mit den dort seit jeher ansässigen Slowenen ist eine Schande für die Republik. Was sollen wir machen? Zaun drumrum und zuscheißen? Geldhahn abdrehen, ist das Einzige, mit dem sich drohen lässt. Wer hat in Wien den Mut dazu? Und 30 Jahre nicht gehabt, mit dem Kärntner Landeshauptmann sechs Jahre politische Geschäfte gemacht? Fügen wir uns in das unvermeidliche, dass nicht einmal die Grünen in Kärnten den Schneid aufbringen, dem dumpfbraunen Konsens dort wirksames entgegenzusetzen.

Die Gelbfüßler kommen!

Mit ihrer Sprache können sich Slowenen im ganzen slawischen Raum, können sich die Bretonen über Irland und Wales bis nach Schottland hinauf verständigen. Die Alemannen mit ihrer Sprache von der Schweiz über das Elsass und Baden haben darüber hinaus Atomkraftwerke und Bleichemiefabriken verhindert. Von den Alemannen weiß ich, dass sie immer revolutionär gestimmt waren. Preußisches Expeditionsheer hat dem vorübergehend mit seinem kranken Nationalismus ein Ende machen können. Der dumme von Gagern, der sich Hecker und seinem Feldzug für die Republik in den Weg stellte, die einzige abgefeuerte Kugel abbekam und damit ein hartes Eingreifen provozierte. Warum die Badener als Gelbfüßler verspottet wurden, ist bei allen Legenden leicht erklärlich. Löß, gelber Lehm, auf dem am Oberrhein ein guter Wein wächst, klebte an ihren nackten Füßen. Seinen Soldaten verpasste der Markgraf von Baden später gelbe Strümpfe.

Wiederholungsgefahr

Mein Name rührt von dem Versprechen des Landesherrn, keine Steuern zahlen zu müssen, wenn sich mein Vorfahr aus den Schweizer Bergen in seiner Gegend ansiedeln sollte. Das war nach dem Dreißigjährigen Krieg, der mit der Pest zusammen ganze Landstriche entvölkert hatte. Mit meinem Bruder und meinem Onkel besitze ich als Gelbfüßler noch einen Weinberg dort, wo auf vielen Gräbern Fräulin steht und von Freylin, dem Inhaber eines Freibriefes herrührt, alles was so auf eine Kuhhaut geht, zum Beispiel keine Steuern, keinen Robot, keine Fron, keinen Zehenten leisten zu müssen, lebenslänglich. Bei einer gegenwärtigen Steuerlastquote von 45 Prozent müssen das damals paradiesische Zeiten gewesen sein. Daraus ergibt sich eine Grundhaltung gegenüber der Obrigkeit, mit der auf Augenhöhe gescheite Verträge ausverhandelt werden. Unterworfen wird sich nicht, und es wird vielleicht wieder gedroht: Es lebe die badische Republik!

Christian Novak

Mit zwei Menschen in Graz habe ich über wirtschaftliche Belange fachsimpeln können. Einer ist mir jetzt unter der Hand gestorben, Christian Novak, Sozialwissenschaftler, Sanierer von Kleinunternehmen, Konzepte entwickelnd für gewagte Kinoprojekte, Journalist, Zeitungsherausgeber und profunder Kenner kommunaler Finanzen. Viel mehr weiß ich nicht von ihm, außer dass er sich nie in den Vordergrund drängte. Ich wusste nach unserer letzten Begegnung von seiner schweren Krankheit, aber nichts von ihrem dramatischen Verlauf. Seine Todesanzeige hat er selber geschrieben, seine Grabrede auch, verlesen von seinem besten Freund. Beide gehören zum Kreis der Vollmondbriefgemeinde und bleiben es auch. Christian, schau oba!

Grundsicherung

Mit meinem Grundsicherungsmodell komme ich nicht an. Die grünen Samariter lächeln milde über den Spinner in ihren Reihen. Mit ein paar kleinen Eingriffen in die Einkommensteuergesetzgebung ließe sich die Grundsicherung in Deutschland und Österreich unspektakulär einführen. Das ist der erste Nachteil: Ohne Spektakel scheint in der Politik nichts zu gehen. Der zweite Nachteil: Beim Arbeitsamt, den Krankenkassen und den sonstigen Verwaltern des sozialen Elends würden die meisten Beamten und Angestellten entbehrlich. Damit wäre zwar die Grundsicherung finanziert. Aber die so Freigesetzten gehen auch wählen, die meisten Sozialdemokraten. Denen bleibt die Grundsicherung zum Trost. Ob das reicht? Solche Fragen bespreche ich mit Christian Novak. Immer noch, obwohl alle sagen, dass er tot und begraben sei. Ich weiß, wie er denkt. Seine klugen Einwände versuche ich zu antizipieren, denke darüber nach und komme einen Schritt weiter. Zum Beispiel, wer Anspruch auf eine Grundsicherungsleistung haben soll. Auch das im Flüchtlingslager Traiskirchen Neugeborene einer kirgisischen Mutter? Ja, natürlich.

Impressum

Ich sei kein Vorbild für die Jugend, wurde mir jüngst beschieden, als ich mich für die frei gewordene Fächer Ökonomie, Ökologie, Deutsch und politische Bildung an einer katholischen Lehranstalt bewarb, wo ich gelegentlich Theater und Medien unterrichte. Bitter für einen, der nicht nur dieses Handwerk gelernt hat, um im Ausland überleben zu können. Bitter auch für einen, der vorher an einer Eliteuniversität mit dem Segen eines Nobelpreisträgers, eines alternativen Nobelpreisträgers und anderer Kapazitäten Volkswirt wurde, Parteigänger der ersten Stunde der Ökologiebewegung wurde, ein paar mal bewiesen hat, wie sich in Ö Gesetze ändern lassen, ein Dutzend Theaterstücke in die Welt gesetzt hat und… - sicher kein Vorbild für die Jugend. Wo kämen wir hin, wenn unsere Jugend Öko-Schmähs durchschaut und die Gesetze ändern will? Alles Jammern hilft nichts. Ich stehe seit 25 Jahren in jedem Grazer Telefonbuch:

Hans Fraeulin

Stiftingtalstraße 120

A-8010 Graz

T:0(043)-316-356123

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