Hans

Sechzehnter Vollmondbrief

Zimmertheater Tübingen - Intendantin Vera Sturm

Sehr verehrte Frau Sturm,

unzufrieden mit der Situation meines Theaters bin ich immer auf der Suche nach besseren Verhältnissen und auf eine Anzeige in der ZEIT gestoßen, wonach eine Intendanz für das Tübinger Zimmertheater gesucht wird. Im Internet habe ich mich sachkundig gemacht, erst einmal festgestellt, dass das Zimmertheater bereits eine Intendantin hat, von der mir Hermann Beil in meiner Wiener Zeit einmal gesagt hat: Da müssen wir erst einmal Frau Sturm fragen. Ich hatte seinerzeit ein Stück zu Hitlers 100. Geburtstag für das Jura-Soyfer-Theater fertig geschrieben, aber nicht realisieren können, und schon das nächste im Kopf, wollte aus der US-Präsidentschaft einen Shakespeare machen, Richard IV. Beil meinte, da sollten wir Frau Sturm fragen. Seither sind Sie für mich Instanz und Institution. Jetzt frage ich einmal selbst Frau Sturm, ob sie mit meinen Flausen und Stücken etwas anfängt. Warum immer Leonce und Lena?, Warum nicht einmal Neonce und Nena? Nach den Streiks im öffentlichen Dienst kann das ein Hit werden in Deutschland, bilde ich mir jedenfalls ein, nachdem ich es vor zwanzig Jahren im Grazer Malersaal zur Uraufführung gebracht habe und alle lachten, sei es wegen des überbordenden in Worte gefassten Mülls, sei es wegen der großen Koalition, sei es, weil sie das gerade überstandene Schneeunwetter noch in frischer Erinnerung hatten.

Mein Theater schippert derweil in finsteren Gewässern. Wenn es Sie interessiert, wie wir vor Ort gegen Wehrmachts- und SS-Veteranen auftreten, halte ich Sie gern auf dem Laufenden. Unser Programm mit Liedern vom Krieg hat einen zündenden Namen: Gimme an F! Es wird uns eine Ehre sein, es auch einmal in Tübingen präsentieren zu dürfen, obwohl Tübingen… Da habe ich einmal in den 70ern auf dem Folkfestival mit Walter Mossmann und meiner Truppe Saitenwind einen ziemlichen Skandal hinterlassen. Beim Tanz um den Freiheitsbaum, wie das Motto hieß, wurde mit harten Bandagen gekämpft, von einer angekündigten Leichtigkeit nicht mehr viel zu merken.

Der Krieg ist uns allgegenwärtig und sitzt vielleicht in meiner Straßenbahn. Darauf suche ich nach Antwort und fange erst einmal an, mit der reichlich vorhandenen Literatur den Passanten zu erklären, was Krieg ist. Keiner weiß mehr, was Krieg ist. Die Alten haben sich ihre Legenden gestrickt. So ergeht es einem in trügerisch friedlichen Zeiten. Vor zwei Jahren beim Bloomsday Centenary lasen Peter Uray und Tessa Gasser in meiner Straßenbahn den Fahrgästen aus James Joyce’ Ulysses vor. Joyce meinte einmal anlässlich der ersten Flächenbombardements zur Ausradierung ganzer Städte wie Guernica, er habe seinen Ulysses in der Absicht geschrieben, dass Dublin anhand seines Buches 1:1 wieder aufgebaut werden könne. Ein Buch als Waffe. Wir sind unzerstörbar. Hat doch was. Dass Tübingen wie auch Heidelberg und Marburg im Krieg nicht zerstört wurden, haben wir Menschen zu verdanken, welche dort einst studierten.

Dass Literatur und Theater die Welt nicht verändern können, halte ich nach meinen Erfahrungen für eine billige Entschuldigung, nachdem ich mit den Werkzeugen des Theaters die StVO und andere Gesetze zugunsten von Kindern entschärft habe, einen Stadtpark entstehen ließ, die Bäche in der Stadt bespielbar gemacht werden, und ein Museum für Kinder, ein einzigartiger Neubau nach interdisziplinärer Arbeit nun im Grazer Augarten steht und dort täglich Theater für Kinder angeboten wird. Eigentlich habe ich wollen, dass die Kinder für sich Theater spielen. Wird schon noch werden.

Mit solchen Abenteuern in der Wirklichkeit wird einem der Rückweg zum Theater versperrt, es sei denn man baut sich sein eigenes kleines Theater auf. Das ist mir recht und schlecht gelungen, dient nicht nur der Psychohygiene, sondern kann gern und jederzeit auf den Straßen und Plätzen der Republik eingesetzt werden. Aber es wurmt mich doch. Das deutsche Stadttheater, so mein inzwischen flächendeckender Eindruck, gibt sich nach wie vor elitär und schottet sich ab, Ausnahme Staatstheater Dresden. Auf die Zeitläufte reagiert es behäbig mit mitunter achtjähriger Verspätung oder mit Shakespeare. Warum das so ist, wüsste ich gern von Ihnen, noch besser, wie es anders werden könnte, noch besser, wie wir zu einer anderen Denkweise kommen. Das deutsche Stadttheater ist doch ein wundervoller Apparat, frage ich Studienfreund Kusej zuletzt, ob er jetzt die Stücke mag, welche er inszeniert. Nach einer Sekunde: nein. Insofern geht’s mir besser, schreib meine Stücke selber. Gegen die kann ich nicht sein. Wie spielt man einen schmelzenden Schneemann? Das habe ich vier Jahre alt gelernt bei katholischen .Schwestern. Etwas seltsam.

Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen und Ihrem Theater viel Erfolg und alles Gute!

Viele liebe Grüße,

Hans Fraeulin.

Ich erlaube mir, diesen Brief als 16. Vollmondbrief in die Website des Pick-up Theaters zu stellen. Vollmond war gestern mit einer teilweisen Mondfinsternis. Ich hoffe, es ist Ihnen eine Mondfinsternis egal.

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