Hans

Dreizehnter Vollmondbrief

Verflixt

Jim Knopf und die wilde 13 – erinnert sich keiner an die Lokomotive der Augsburger Puppenkiste? Mensch, wenigstens einer, oder eine. Mit Vollmondbriefen wollte ich eigentlich aufhören, nachdem ihr Taufpate die Treppe raufgefallen ist und sich nicht mehr mit Kulturschaffenden plagen muss. Sein Nachfolger, ein gelernter Polizist, ist aber gleich beim ersten Kontakt mit seiner Klientel ausgezuckt und macht mir Sorgen. Er wettert über die linke Bagage in seiner Stadt und wie gefährlich sie sei. Weiß er denn nicht, dass die Kunst links ist? Hat er vielleicht meinen Brief aus Graz gelesen?

Verrufen

Ohne auf den Vollmond zu achten, habe ich einen Rundbrief zur Causa Schwarzenegger geschrieben, in dem ich tüchtig die verschobene Wahrnehmung zurechtrücken wollte. Graz ehrt und wirbt mit einem Staatsverbrecher. Wer Mord im eigenen Land sanktioniert, was ist der? Zu verdanken habe ich meinen Hochmut den großen Söhnen von dort, wo ich herkomme. Der eine hat in Wien mit einer Freiheitsoper Karriere gemacht, der andere war Kapitalist, nachzulesen unter www.einseitig.info

Verzeihen

Verzeihen kratzt am Image eines gnadenlosen Roboters, weshalb nun in Kalifornien ein blinder Krüppel im Rollstuhl nach 24 Jahren lebenslänglich zum Silver-Jubilee eine Giftspritze bekommt. Das stinkt nach Euthanasie. Verantwortlich ist dafür der Sohn eines Gendarmen aus Österreich. Der größte Verbrecher aller Zeiten Adolf Hitler war Sohn eines Zollbeamten aus Österreich. Was ist der Unterschied zwischen einem Zollbeamten und einem Gendarmen in Österreich? Interessiert mich wirklich.

Verschreien

Bei unseren Liedern vom Krieg fiel mir auf, dass es seit Vietnam offenbar keine aktuellen Lieder aus den letzten Kriegen gibt, bis ich auf der Website von Country Joe MacDonald fündig wurde, wo 13 Nachdichtungen seines legendären Feel-that-I’m-Fixing-to-Die-Rag über den Irak-Krieg abgerufen werden können. Die Site ist leicht zu finden. „Gimme an F!“, schrie er einst in die brodelnde Menge hinein, Woodstock 1969.

Verprügeln

In Bad Mitterndorf ist ein junger Mann von 18 Jahren in der Neujahrsnacht von Einheimischen verprügelt worden. Er wurde im Schnee liegen gelassen, irgendwohin zum Sterben verbracht oder ist aufgesprungen und nach Amerika ausgewandert. Die letzte Version taugt der Polizei am besten, ist auch verständlich, wenn die eigene Verwandtschaft plötzlich im Verdacht steht, einen umgebracht zu haben. Walter Furdui ist immer noch nicht gefunden worden.

Vertuschen

Wäre nicht das erste Mal, etwas in Bad Mitterndorf zu vertuschen. Dem bei der Maut abgestellten Auto meiner Tochter fährt ein Jahr zuvor ein Schneeräumer hinein. Keiner will’s gewesen sein, der Auftraggeber nicht, die Gemeinde nicht. Touristen brauchen wir nicht, Skifahrer oder die mit diesen Snowboards haben wir genug. Zorn bekomme ich, wenn so mit meiner Tochter umgegangen wird. Allerhand Großkopferte haben auf sie eingeredet, sie möge den Schaden hinnehmen. Immerhin bin ich gewiss, dass der Fall wie Pech an ihren Füßen klebt.

Vernebeln

Alle waren da im letzten April, sieben ermordeten Deserteuren in meinem Bezirk zu gedenken, nur die Medien und die evangelische Pfarrerin nicht. Ich rief Bernd Koschuh im ORF an, wo sein Verein geblieben sei. Ich sei wohl dumm, beschied er mir. Gerade habe sich in Graz das BZÖ von der FPÖ abgespalten. Ich habe lange gegrübelt, bis mir ein Licht aufging. Wie sich unerwünschte Veranstaltungen covern lassen, weiß ich nun. Jetzt frage ich mich, was sich die ewig Gestrigen als nächstes einfallen lassen. Gut zu wissen, dass in Österreich die FPÖ die politische Heimat des evangelischen Bürgertums ist. Das erklärt mir wenigstens das Wegbleiben der Frau Pfarrerin.

Versempern

Das barocke, schräge, katholische Österreich jubelt, dass heuer nur mehr 40.000 aus der Kirche ausgetreten seien, nachdem es im letzten Jahr noch 43.000 waren. Wer darin Grund zur Freude sieht, muss dumm oder des Teufels sein. Denn hält das an, ist bald niemand mehr in der Kirche. Verfahren die Stadtväter mit der Kirche so wie mit ihrem Stadttheater, gar nicht auszudenken. Wird in Graz vielleicht der Küster zum Suppenpräsident.

Verladen

Superintendent muss es natürlich heißen. Den Suppenpräsident habe ich von meinem Großvater, der gern Autoritäten auf die Schaufel nahm. Alle sind wir seit Generationen gezeichnet mit einer Scharte, nämlich eine andere Sprache zu sprechen als die übrigen Deutschen. Das Internet hat mir mit seiner uneigennützigen Enzyklopädie Wikipedia einiges erklärt. Ich spreche und denke heimlich Ripuarisch.

Vergattern

Ripuarisch ist auch die Sprache von Beethoven und dem Erfinder des „Goldbären“, Hans Riegel aus Friesdorf. Karl Marx wird als Moselfranke und Student in Bonn weniger Probleme mit dem Verständnis der rheinischen Warenwirtschaft gehabt haben als meine Mutter aus dem Badischen, als sie das erste Mal den Gemüseladen betrat. Die Kundin vor ihr fragte: „Hanner Ölich?“ – Die Gemüsefrau: „Jo ze baschte.“ (Haben Sie Zwiebeln? – Ja, genug)

Es gibt nicht zu überhörende Unterschiede. Die Alt-Bonner können nämlich wie die Chinesen kein R sprechen. Sie sagen: Bonne Männe Jesangveein, oder: Wenn de Wind widde weht, widde Wedde widde wäame. Hans Riegel und ich sind aus ihrem Mund Fiesdoove, was nicht sehr freundlich klingt. Nachdem in Kärnten immer noch über zweisprachige Ortstafeln lamentiert wird, werden wohl auch die Freesdorve zweisprachige Ortstafeln einführen müssen, um den Kärntnern zu zeigen, wie bescheuert sie sind – getreu unserem Motto: Et jitt joode Minsche, schläche und Freesdorve.

Verarschen

Jenseits von gut und böse ist auch der Friesdorfer Karneval. Die „Kleffbotze“ ziehen im Unterschied zu Villach nicht unbedingt Prominente durch den Kakao, sondern, wie der Name schon sagt, sich selber. Kleffbotze, wörtlich Klebhosen, bezieht sich auf die Abneigung der ortsansässigen Bevölkerung gegenüber dem vorzeitigen Verlassen eines Wirtshauses. Die inzwischen in ganz Deutschland verbreiteten „Stunksitzungen“ nahmen ihren Ausgang im benachbarten Kessenich – erraten! wie die Gummibärchen.

Verlieren

Mit dem Tod auf du und du werden wir Ripuaren gern und leicht sentimental. Daher dieser Einwurf. Bereits als Kinder haben wir das Ableben des reichen Mannes besungen: „Glückselig soll er sterben, das Himmelreich erwerben“, beim Schnörzen an Sankt Martin. Viel haben wir nicht bekommen. Viel Geld lässt sich in seiner Profession nicht verdienen. Aber er hat uns alle bereichert, uns Ripuaren, die wir gar nicht wussten, dass wir solche waren, besonders mit seinen Gesprächen vom Niederrhein, die meistens anfingen mit „N’Abend zusammen!“ und endeten mit: „Nu is die Wök alwilöm.“ (Nun ist die Woche schon wieder um). Hanns Dieter Hüsch, der große Mann des deutschen Kabaretts, ist nun tot. Ein großer Verlust. Für uns auch ein Sprachverlust.

Verirren 1

In der öffentlichen Meinung gibt es regional unterschiedlich stereotype Irrtümer, die meisten im Verkehr, welche nicht totzukriegen sind, weil mit ihnen ständig argumentiert wird. Allein das Wort Verkehrschaos, mit dem in der Regel ein Zustand völliger Ruhe beschrieben wird, ist irreführend. Chaos ist das biblische große Durcheinander, hebräisch Tohuwabohu. Was ist an brav hintereinander aufgestellten Autos chaotisch? Außerdem betrifft das die Autos und nicht den ganzen Verkehr. Das stimmt aber auch nicht ganz. Mit dem Rad brauche ich zur hier so genannten Stoßzeit etwa fünf Minuten länger, wenn ich zur Schule fahre, weil so viele Autos im Weg stehen.

Verirren 2

Wenn es schneit, was den beschriebenen Ruhezuständen durchaus förderlich ist, lesen wir in der Zeitung, dass die vielen Unfälle vermeidbar gewesen wären, wenn alle rechtzeitig Winterreifen aufgezogen hätten. Das stimmt hinten und vorne nicht. Aber niemand traut sich zu sagen, dass es bei Schneefall in Wirklichkeit drastisch weniger Autounfälle gibt – die Polizei nicht und auch nicht das Krematorium für Verkehrssicherheit, welche die Unfälle registrieren. Der Durchschnitt wird erst wieder erreicht, wenn überall gestreut wurde.

Verirren 3

Winterreifen verbessern die Anzugskraft, helfen aber beim Bremsen nicht oder weniger als Sommerreifen, mit denen sich unter Umständen leichter aus Schnee ein Bremsklotz formen lässt. Winterreifen fördern den trügerischen Eindruck, es ließe sich ebenso leicht anfahren wie bremsen. Das ist auch den ersten Audi-Quattro-Fahrern zum Verhängnis geworden. Die Zahl der Reifen zum Bremsen ist gleich geblieben.

Verirren 4

Fragen wir mal durch, ob Alkohol am Steuer Hauptursache bei Verkehrsunfällen ist, würden dem sicher mehr als ein Viertel der Befragten zustimmen, wenn nicht sogar die Hälfte. Bei einem Viertel der Verkehrsunfälle ist Alkohol im Spiel, bei der Hälfte zu schnelles Fahren. Die Regierung tut alles, um ein Viertel der Autounfälle zu vermeiden, und nichts, womit die Hälfte aller Autounfälle zu vermeiden wäre. Was für eine schöne Regierung! Hauptunfallursache ist übrigens Autofahren selbst, wie es im Vergleich mit dem wachsenden Autoverkehr durch eine deutlich lineare Korrelation geradezu ins Auge springt – eine banale Weisheit, die gern unterschlagen wird, weil das Autofahren an sich schon nicht mehr in Frage gestellt werden soll.

Verirren 5

Der Semmering-Basistunnel ist ein Mediengaul, dessen Kadaver immer noch für eine öffentliche Wortspende gut ist, wenn es darum geht, volkswirtschaftliche Verantwortung einzumahnen, fallweise bei der Landesregierung vor oder hinter diesem Gebirge, fallweise bei der dummen Opposition, welche keine Ahnung von staatsmännischer Verantwortung habe. Ich habe lange gebraucht, um einen guten Freund in der Politik davon abzubringen, diese Karte weiter zu spielen. Mehr als einen zu überzeugen ist mir nicht gelungen.

Durch den Tunnel wird kein Zug mehr als bisher über das Gebirge fahren. Wen das irritiert, dem gebe ich gern Nachhilfe. Wenn alle vier Minuten über eine Strecke ein Zug geschickt werden kann, um wie viel kürzer oder flacher muss die Strecke sein, damit es ein Zug mehr wird? Es bleibt leider bei alle vier Minuten. Kürzere Fahrzeiten werden in der Zeitsparkasse verbucht. Gute Zinsen! (Tatsächlich wird weiter gefahren) 1000 Arbeitsplätze in den Betriebswerken werden frei. Bravo! Wer zahlt die nachher?

Verirren 6

Eine gute Adresse für populäre Irrtümer ist Christoph Drössers Kolumne „Stimmt’s?“ in der ZEIT. Drösser hat übrigens auch in Bonn studiert, war sogar AStA-Vorsitzender und beantwortete einst die legendäre Frage, ob sich hart gekochte Eier leichter abschälen lassen, wenn sie vorher mit kaltem Wasser „abgeschreckt“ werden. Der von ihm befragte Ernährungswissenschaftler meinte, das hänge vom Alter der Eier ab. Wenn sie einmal vier Tage alt seien, gehe es leichter. Drösser sagte nichts dazu, dieser Schelm. Ich rate zum Abschrecken, wenn man nicht vier Tage mit dem Abschälen warten will und sich gleich nach dem Kochen sicher die Finger verbrühen würde.

Verirren 7

Alle Schlingel kommen aus Bonn. Falsch. Nicht alle. Christoph Schlingensief ist in Schrecklinggrausen, verbessere: Recklinghausen geboren und in Mülheim an der Ruhr aufgewachsen, ohne lebensgefährlich zu erkranken. Dort gibt es einen Wasserbahnhof. Wie der funktioniert, will ich nicht verraten. Das weiß nur, wer in Schweden diese Post aufmacht. Und natürlich alle diese Mülheimer und Mülheimerinnen. Pfüat enk!

Verantworten

Wer jetzt noch von mir Vollmondbriefe bekommt, hat es redlich verdient. Obwohl sich einmal der Virenchecker als Virus betätigte und einen Vollmondbrief alle drei Minuten an alle verschickte, bis meine Vollmondphase vorbei war, hat ihn niemand abbestellen wollen. Die Gelegenheit dazu gebe ich gern. Einfach auf Antworten klicken und Njet oder was anderes schreiben, das ich als finales Finale werten kann. Alle Vollmondbriefe lassen sich im Vollmondbriefearchiv nachlesen.

Impressum

Hans Fraeulin
Stiftingtalstraße 120
A-8010 Graz
Tel.: 0043-316-356123

Auf meinen Schwarzenegger-Brief aus Graz habe ich mehr Antworten bekommen als bisher gern zur Kenntnis genommen. Dirk Jürgensen aus Düsseldorf hat den Brief auf seine Website gestellt. Sie dient der Meinungsmache und heißt augenzwinkernd www.einseitig.info .In einer Hütte, wo nach dem Schifahren auf der Tauplitz immer halb Deutschland und Holland und auch mal ein Italiener oder Ire mit den Einheimischen am Tisch sitzt, haben sie die spontane Reaktion aus Graz, das Stadion umzubenennen und Ehrenring und Staatsbürgerschaft zurückzufordern, einhellig gelobt. Wenn es denn einen positiven Werbeeffekt gehabt haben soll, dann durch „die linke Bagage“ und nicht durch das Schleimen des Grazer Bürgermeisters.

Vollmondbriefearchiv