Hans

Zwölfter Vollmondbrief

The Dirty Dozen

Das dreckige Dutzend ist voll. Nachruf auf Christian Buchmann, den es nach dem Peter-Prinzip in die nächst höhere Etage verschlagen hat, von der Kultur abgezogen, welch ein Segen! Eigentlich bräuchte ich keine Vollmondbriefe mehr zu schreiben.

Vorläufiger Nachruf

Werner Miedl ist Polizist und muss Verbrechen verhindern. Kulturtaten sind erst einmal ein Verbrechen gegen den landläufigen Geschmack, also zu ahnden. Werner Miedl ist Kulturstadtrat geworden und muss nun Straftaten ermöglichen. Das schauen wir uns an.

Handicaps

Inzwischen sind in Stadt und Land Strukturen geschaffen worden, welche Kultur zur Angelegenheit eitler Funktionäre werden ließ. Landesrat Flecker traue ich zu, sie vom Tisch zu wischen. Werner Miedl auch. Aber wollen sie auch?

Vorauseilende Gesetze

Flecker muss ein Gesetz billigen, das für den Advent angekündigt wird, aber längst exekutiert die Beteiligten als inkompetent qualifiziert. Eine Website über 70 Mio. Jahre Spiel wurde ans Jugendreferat verwiesen. Spiel hat mit Kultur nichts mehr zu tun. Die alte Frau Landeshauptmann hat im letzten Moment gemerkt, dass das nicht stimmt.

Elchtest

Der unaufschiebbare 100. Bloomsday wurde städtischerseits zum Eigen-KO und erst dann für das Land förderungswürdig, als wir vom Grazer Ereignis eine DVD auf der Weltkonferenz für kulturelles Erbe und digitale Medien zu präsentieren hatten. Wer Bloomsday in die Suchmaschine eingibt, erfährt auch nach über einem Jahr als erstes vom Grazer Bloomsday, danach 321.000 Einträge im weltweiten Netz.

Nachhaltigkeit

Bevor wir überheblich werden, soll uns die Dimension des Ereignisses klar werden. In Dublin und Toronto wurde vom Juni bis in den September launig Bloomsday-Centenary gefeiert mit Symposien von Nobelpreisträgern eröffnet mit jeder Menge spektakulärer Events, Essays, Exegesen gespickten Leporellos, und das nachhaltigste Spektakel kommt aus einer unwichtig gewordenen, weil mittelmäßig bis gar nicht performten Ex-Kulturstadt.

Tourismus

Seltsam auch die Rolle diverser Tourismusgesellschaften, welche wir damals um Unterstützung baten. Der einen waren formal die Hände gebunden, die andere diente augenscheinlich der Finanzierung von ein paar Auslandsaufenthalten der damaligen politischen Größen und dem Aufbau des lokalen Ablegers einer Wiener Zeitschrift. Wofür sie auch immer ihre Gelder verbraten, gemeinsam war ihnen, dass sie mit der Teilnahme an einem Weltkulturereignis keine Chance sahen, für Graz und Umgebung zu werben. In der Tat ist das meiste, was die so genannte freie Szene hier zu bieten hat, ziemlich belanglos und keine Werbung für Graz – Folgen einer langjährigen Kulturpolitik…

Maresi

Eine zeitgemäße Kulturförderung muss her. Bei der Suche nach Kriterien lande ich in der Monarchie und schlage eine gut funktionierende korruptionsfeste Bürokratie vor, wie es sie unter Maria Theresia gegeben hat. Die eingereichten Projekte haben Hand und Fuß zu haben und sind in angemessener Frist anteilmäßig zu fördern, ohne Ansehen der Person, noch ihrer fernen Absichten, umso mehr und besser, als sie den Nachweis ihrer Förderungswürdigkeit ordentlich abgerechnet erbringen können und das vielleicht schon bewiesen haben. Der Nachteil einer Bürokratie: Wenn sie nicht mehr weiter weiß, lässt sie die Causa liegen und sterben.

Advent, Advent…

…ein Auto brennt. Dany hat es auf den Punkt gebracht: Wer glaubt, junge Leute als Pack oder Gesindel verächtlich machen zu können, das sich nicht traut, bekommt sofort den Gegenbeweis geliefert. Dass die (französische) Polizei latent faschistisch ist, ist für die Vollmondbrief-Leserschaft nichts Neues. Es reicht auch ein genauer Blick auf Einzelfälle in Österreich. Dass Sarkozy ein latenter Faschist ist, wissen wir nun. Wer seine Ordnungsvorstellungen in gleicher Weise heraushängen will, soll es sich vorher überlegen.

Schein Heil!

Wie verlogen konservative Politik ist, sehen wir in den Banlieues. Konservative sehen zu, wie sich die Geschäftsleute, ihre eigenen Klienten, von dort zurückziehen, als wäre es ein Naturgesetz, dass bei den Itakern nichts zu holen sei, und streichen Kultur- und Sozialprogramme. Irgendwann schlägt das Imperium zurück. Überraschung!

Schein Heil zwei!

Ich fahre in die Banlieue Berliner Ring und berichte. Im benachbarten Hart ist Aufruhr wegen ein paar Quarter Pipes, hat es geheißen, welche für die jungen Leute aus den Hochhäusern gesperrt werden sollen. Ich reibe mir die Augen, ein Luxus-Angebot: Beach-Volleyball, Streetball and –soccer, Half- und zwei Quarterpipes, zwei Grinding Bars, Toiletten, zwei Kleinkinderspielbereiche und alles in einem Riesenkäfig mit Verbotsschildern, die beweisen, dass die Menschenrechte in Hart noch nicht angekommen sind. Niemand darf wegen seiner Herkunft diskriminiert werden. Wenn das schon für die Kinder aus der benachbarten Banlieue nicht mehr gilt, sollte sich dieses Land bei der Türkei hinten anstellen und die Autos in die Garage tun.

Große Koalition

Die Deutschen machten damit schlechte Erfahrungen. Die Gesetzgebung fand hinter verschlossenen Türen statt, das Parlament verkam zur Staffage und es bildete sich eine außerparlamentarische Opposition, die den Regierenden mit Protest gegen ihre Gesetze und wegen der Unterstützung schmutziger Kriege einheizte. In Österreich war das in solchen Zeiten nicht anders. Nur eine APO hat es nicht gegeben. Das trifft nicht ganz zu. 1967 rotten sich ein paar Aktionisten an der Wiener Universität zusammen und feiern gemeinsam – Bloomsday. Einen habe ich auf dem vergilbten Foto im Kurier wieder erkannt. Er hat seit langem eine Professur für abweichendes Verhalten (Devianzforschung) an der Uni Kassel.

Impressum

Hans Fraeulin
Stiftingtalstraße 120
A-8010 Graz
0316/356123

Wer von Vollmondbriefen nicht mehr behelligt werden will, darf sich zurücklehnen. Das war der vorläufig letzte seiner Gattung. Martin Krusche arbeitet an einem neuen kulturpolitischem Portal, auf das wir gespannt sein dürfen.

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