Hans

Elfter Vollmondbrief

Arroganz der Macht

Ein einsamer Bürger mit akademischer Bildung, aber ohne Bezug zu Magistrat und Feuerwehr, erlebte von der Galerie aus, wie sich führende Sozialdemokraten aufführen, wenn sie nach langer Zeit wieder eine Wahl gewonnen haben. Was die Protznickel nicht wussten, war die ausgezeichnete Tonqualität ihrer Entäußerungen zu vorgerückter Stunde im Gemeinderat von Graz, einer überschätzten Kleinstadt am Rande des alten Europas. Das Tondokument geistert seither im Internet herum und wird wohl bald von irgendeiner Site abrufbar sein. Es ging um die endgültige Schließung der Volksschule in einem weitläufigen Bezirk am Rande der Stadt. Die Eltern hatten sich dafür eingesetzt, die Schule zu erhalten und in einer eindrucksvollen Volksbefragung den Gemeinderat dazu gezwungen, sich noch einmal mit dem Fall zu befassen. Zum endgültigen Aus bekommen sie von der SPÖ zu hören, dass nicht immer die Sonne scheinen kann. Und fürs nächste Mal: Nicht gleich alles fordern, was gut und teuer ist, und pfüat euch!

AdM²

Die Verhandlungsführung durch den sozialdemokratischen Vizebürgermeister war von derart entwürdigender Impertinenz, dass es mich nicht mehr wundert, warum ihn seine eigenen Leute nicht zum Bürgermeister haben wollen. Dann würde er Zensuren verteilend, unwidersprochen alle Welt beleidigend und beschimpfend den Ratsvorsitz noch länger führen, als ihm der derzeitige Bürgermeister von der ÖVP zugesteht. Der hat sich verpisst und mit ihm seine halbe Fraktion. Eine Volkspartei, die Volksschulen schließt, ist nicht gut fürs Image.

Die Vaserln von der Opposition

Unter Vaserln verstehen wir in dieser Ecke der Welt harmlose Menschen und Opfer ihres guten Glaubens. Im parlamentarischen Alltag werden sie mitunter auch Opfer ihrer eigenen Sehnsüchte, zum Beispiel, es allen recht zu tun und die knappe Redezeit dafür auszunutzen, auch noch den einen oder anderen Seitenhieb von der letzten Sitzung spät aber doch zu parieren. Mit so einer Zettelwirtschaft im Hirn, was sich in unkontrollierten Satzgefügen abseits der Tagesordnung vor dem Mikrofon äußert, lässt sich auch der Gemeinderat von Unterlupitscheni nicht beeindrucken. Der Ort liegt unweit der slowenischen Grenze und ist wegen seines Weins und seines weiten Blicks über die Windischen Büheln sehr zu empfehlen.

Dantons Tod und Sophies Verklärung

Von Georges Danton und seinen Zeit- und Weggenossen lässt sich dank Georg Büchner viel lernen, von Sophie la Pierre dank Walter Mossmann auch sehr viel. Aufruf an alle Lehrkräfte in diesem Landstrich: Wo kommen sie bei euch vor?, Georges und Sophie! Die Säulenheiligen der Republik! Im Deutsch-Unterricht? Hier? Ich bin für jede Rückmeldung dankbar. Hier ist dringend Nachholbedarf an lustvoller Demokratie.

Heine, hilf!

Ich brauche dringend Zuspruch von oben, aufgestiegen aus der Matratzengruft in den Dichterhimmel: Ein neues Lied, ein besseres Lied, oh Freunde, will ich euch dichten. Wir wollen schon auf Erden das Himmelreich errichten. Schön und gut, …bis dass die Schoten platzen. Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen. Heine, was nützt dir der Himmel, wenn du in unserem parlamentarischen Alltag nicht mehr vorkommst? – wo langsam schlecht zitierte Römer Eingang finden, du gewiss noch lange nicht. Wie viel hundert Jahre muss man tot sein, bis die eigene bittere Erkenntnis wirkt? Tja, alter Apotheker der Welt, sag’ was!

Ripuarisch

Ich spreche mit meinem Bruder zusammen eine Sprache, mit der es nicht anders geht als in der Bretagne, wo in den Lokalen angeschlagen war: Es ist verboten auf den Boden zu spucken und Bretonisch zu sprechen. Im Rheinland hat es solche Anweisungen nicht gegeben, höchstens die von unserer Mutter, welche darauf beharrte, bei Tisch Hochdeutsch zu sprechen, damit sie was von uns versteht. Danach mussten wir uns in der Schule entscheiden. Entweder Hochdeutsch und Gymnasium, oder Platt und Lehre. Manfred Hofmann, mein bester Freund, hat sich für Platt und Lehre entschieden, ich mich für Hochdeutsch und Gymnasium. Da waren wir zehn Jahre alt. Heute sind wir noch etwa 250.000, die wir diese Sprache sprechen. Mein Bruder hat 21 Hörspiele dafür geschrieben. Der Westdeutsche Rundfunk beendete nach der Pensionierung des zuständigen Redakteurs seinen Kulturauftrag.

Warum ist Kultur links?

Das wurde der Burgtheaterdirektor direkt gefragt und stand dazu, mehr oder weniger verlegen. Die Frage ist einfach zu beantworten. Wir stürmen mit Schild und Hund auf der Linken in den Saal und fuchteln mit Degen in der Rechten für neue Kultur. Wir werden vom Präsidium, dem Vorsitz der Versammlung angewiesen, die Waffen fallen zu lassen, kommen nach einigen Scharmützeln der Aufforderung nach und finden uns, wollen wetten?, abgedrängt in der rechten Ecke des Saals wieder, von Adel und Klerus, welche bisher im Saal das Wort führten, mit der Waffe bedroht. Dann bekommen wir die lapidare Anweisung vom gegenüber thronenden Präsidium, die Herrschaften auf der Linken mögen sich setzen.

Rechtzeitig scharmützeln

Ich wünsche mir die Scharmützel in der Kindheit geklärt und nicht erst dann, wenn aufgrund meines Wachstums auf die Goschen zu fallen gleich einen Kieferbruch bedeutet. Das zu überreißen kostet kein Geld. Ich habe nur Angst, dass unseren Kindern elementare Erfahrungen von ängstlichen Müttern und eitlen Unfallchirurgen verwehrt werden. Vom Umgang mit einem kontrollierten Risiko wollen sie nichts wissen. Vaserln!

Wer nichts wird…

Wer nichts wird, wird Wirt, und wenn er Volkswirt wird. Kommt er so nicht an, geht er zu Post und Bahn. Ist ihm das auch nicht gelungen, macht er in Versicherungen. Als gelernter Volkswirt wäre ich der Karriere wegen besser nicht nach Österreich gekommen. Ich landete als Straßenmusikant in der Grazer Sporgasse. Österreichs einziger Volkswirt von Rang heißt Alexander van der Bellen, weiß inzwischen eine ganze Partei hinter sich. Die duldet keine anderen Volkswirte neben ihm.

…wird Bundeskanzler

Stimmt natürlich nicht. Wolfgang Schüssel hat sich vor vielen Jahren mit einem präpotenten Arschloch verständigen müssen, um Bundeskanzler zu werden und bekam dann immer wieder Bomben ins Haus. Die Vorgänge in meinem Deutschland mag ich nicht kommentieren. Ich schaue erst einmal mit klammheimlicher Freude hin und wünsche Frau Merkel, dass sie eine Kanzlerschaft gut durchsteht. Die versammelte Linke ist zwar in der Mehrheit, aber ungefährlich. Miteinander nicht zu können hat Tradition. Deswegen ist die Welt nicht in Gefahr, eher wegen was anderem. Wie wir mit den Klimakatastrophen weltweit umgehen sollen, wenn wir im eigenen Laden nicht wissen, wie der Hase läuft, wird uns noch ins Hirn eingehen müssen und allerhand Kleinarbeit zur Voraussetzung und zur allfälligen Erledigung bereit halten. Das soll uns nicht den Mut nehmen, den wir brauchen, um hier den Laden in Deutschland, Bayern und Hinterbayern (Öschtreisch) in Ordnung zu bringen.

Spieler für den Nobelpreis

Triumph für mein Ansinnen, Spiel in den Köpfen der Menschen zu rehabilitieren. Für mich und die Kinder sind das zwei alte Männer, welche den Nobelpreis in meinem Fach gewonnen haben. Professor Aumann hat einen Rauschebart, an dem sich herrlich zupfen lässt. Das wird er vielleicht nicht zulassen, aber immerhin erklären können, warum es töricht ist, sich mit aller Macht gegenüber jemandem durchzusetzen, dem wir nächste Woche wieder begegnen. Dort wo er lebt, in Israel, dürfte das tägliche Übung sein. Ob das für unsere tägliche Praxis taugt, ist gar keine die Frage, eher ob wir uns in haarsträubenden Situationen damit retten können. Hätten wir mal vorher Aumann studiert…

Impressum

Vollmondbriefe gehen an Menschen in Kultur und Politik, von denen ich glaube, dass sie sie lesen und vielleicht erheitern. Lachen nimmt mit der Entfernung vom Geschehen zu. Der Zuspruch aus Schweden freut mich außerordentlich. Kommen wir zur Sache:

Hans Fraeulin
Stiftingtalstraße 120
A-8010 Graz
0316/356123
Ein loses Njet und weg aus dem bösen Verteiler.

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