Hans

Zehnter Vollmondbrief

Hymnen abschließend betrachtet

Der Vizekanzler hat ein Machtwort gesprochen, die österreichische Nationalhymne bleibe, wie sie ist. Aber wetten, in ein paar Jahren wird vielleicht aus Langeweile, vielleicht aus Wut die Gender-Frage wieder hoch gekocht. Bis es so weit ist, stelle ich einmal meine Änderungsvorschläge für die beiden inkriminierten Textstellen zur Diskussion:

  1. Deine Töchter, deine Söhne, voll begnadet für das Schöne…
  2. Einig lass in jungen Chören, Vaterland dir Treue schwören…

Die erste Änderung sorgt nicht nur für Gleichberechtigung, sondern mildert auch die versteckte Kritik am klein gewachsenen Bundeskanzler Dollfuß, der Österreich in die Scheiße geritten hatte. Wer versteht das heute noch? Übrig geblieben ist bisher die übliche Selbstüberschätzung aller We-are-the-greatest-Fanatiker, welche in Österreich offenbar eine besondere Heimat haben. Dagegen mein Textvorschlag fast elegant.

Es hat früher in jedem Dorf Männerchöre gegeben, welche für feierliche Anlässe die aktuellen Hymnen im Repertoire haben mussten. Die Männer hatten sich inzwischen gründlich über die Daseinsform dieses Landes zerstritten. Der Befehl der Dichterin ist unmissverständlich: Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, zitiert sie den Altmeister aller Hymnen, hatte vielleicht auch ihre beiden Söhne im Sinn, die sich anschickten, ein neues Österreich maßgeblich mitzugestalten. Die waren jung… Bei Vaterland dir Treue schwören, wird mir allerdings schon wieder schlecht. Immer die gleichen Rituale am Beginn eines jeden Unheils.

Otto M. Zykan hat im Standard zu Recht auf den traurigen Gesang mit den ständig absteigenden Tonfolgen hingewiesen. Aber das Gejammer passt doch wie angegossen auf die Rolle Österreichs als erstes Opfer der Nazidiktatur. Dramaturgisch nicht ungeschickt geht es im zweiten Teil einer jeden Strophe kraftvoll in die Höh’…! (Juchhee?)

Der Einfluss dieser Hymne auf den österreichischen Fußball ist verheerend. Alle am Spiel Beteiligten jammern erst über den übermächtigen Gegner, um dann vielleicht noch in der letzten Viertelstunde das herbei geredete Ergebnis machtvoll zu ändern. Wenn die Hymne nicht im Spiel ist, also intern, wird bis in die unteren Klassen ganz anders gespielt. Kämpferisch von der ersten Minute an.

Womit wir bereits mitten drin sind, Nationalhymnen grundsätzlich unterscheiden zu können; in die kämpferischen und in die feierlichen. Zu den einen lässt sich fröhlich marschieren. Die anderen verlangen Innehalten. Die einen, das sind die Hymnen von Frankreich, USA und der Sowjetunion. Sie spiegeln erfolgreiche Revolutionen wider. In diesem Stil erklingen auch die Hymnen vieler Länder, welche sich von Unterdrückung und kolonialem Joch befreien konnten. Der Rest steht still und feierlich.

Ausnahmen gibt es auch. Zwei Hymnen in meinem Hymnenschatzkästlein sind eigentlich keine Hymnen, sondern Lieder: die tirolerische und die rotchinesische. Sie erzählen eine Geschichte, welche in einem Refrain auf den Punkt gebracht wird. Auch ohne Chinesisch zu können, wird mir in „Hom van huong“ („Der Osten ist rot“) im Refrain mehr resümiert als bei der vierfachen Wiederholung von „Mit uns das Land Tirol“.

Da hätte sich Julius Mosen ein bisserl mehr einfallen lassen können. Obwohl, es stimmt schon so. Mehr ist über Tirol nicht zu berichten als eine traurige Niederlage, und bekräftigt wird alles mit der trotzigen Wiederholung, zu diesem Land zu stehen. Aber welche Begeisterung bei den Chinesen! Na ja, sie haben ja auch gesiegt.

Kommen wir zu den feierlichen. Sie verheißen den einzementierten Stillstand nach gescheiterten Revolutionen. Gott erhalte… Erst wird das Land besungen, dann die Leute und zum Schluss die herbei gesehnten gemeinsamen Werte. Der Erfinder dieses Strickmusters war ein über die Grenzen von zwanzig Kleinfürstentümern bekannter Satiriker namens Heinrich Hoffmann, der sich augenzwinkernd mit dem Adelsprädikat von Fallersleben schmückte. Was wäre gewesen, wenn er im Nachbarort Visselhövede geboren worden wäre! Bei einem Besuch auf der britischen Insel Helgoland, wo sich Besucher wie Einheimische einem deutschnational besoffenen Taumel hingaben, schrieb er ein Lied an die Deutschen, um vor diesem gefährlichen Dusel mittels grenzenloser Übertreibung zu warnen. In der ersten Strophe dehnt er Deutschland bis fast ans Mittelmeer aus, in der zweiten zählt er alles beinhart auf, was es woanders auch gibt. Da kommen unter anderem auch deutsche Frauen vor. Was Besonderes sind sie aber nicht, höchstens was zum Schwärmen, vielleicht, weil sich mit ihnen besser plaudern lässt. In der dritten Strophe wird er so etwas wie ernst und Hoffmann fordert Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland. Nach dem geografischen Rundumschlag in der ersten Strophe kann das nur bedeuten: Freiheit für alle! Die Deutschen und deutsch gewordenen Fußballer singen heute nur mehr die dritte Strophe und sind damit dem österreichischen Team überlegen, fordern Freiheit und Recht von Anfang an und sind sich schon längst einig darüber, dass das der richtige Weg zum Erfolg sein muss. Elf Freunde müsst ihr sein.

Hymnen-mäßig ist Österreich in allen Belangen unterlegen. Die wahrscheinlich vom damaligen Unterrichtsminister Hurdes verordneten Landeshymnen offenbaren das Elend der Hymnenschreiberei. „Wo man mit Blut die Grenze schrieb…“, Das war zwar immer schon falsch. Mit Papier statt Blut, also mit Protokollen und Stimmzetteln würden wir den historischen Fakten zweifellos eher gerecht. Aber Hymnen haben ans Herz zu greifen. Und darin fließt kein Papier.

In Hurdistan wurde nach dem Krieg um ein neues Österreich gerungen. Das hat im Unterrichtswesen so manche Stilblüten gedeihen lassen wie der geografische Rundumschlag in der Steiermark …bis ins Land der Sav… oder das putzige Lied vom Ländle. Grosso modo ist das alles literarischer Schrott. Spott hat sich seither darüber ergossen, spätestens mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts’ Club Band wunderbar abgefeiert. It’s wonderful to see you, it’s certainly a thrill. We’d like to take you home with us! Alle Umstehenden zu sich einladen zu wollen, wem fällt das schon im Traume ein? We all live in a Yellow Submarine! Nein, bitte nicht! Dabei hat das seine österreichische Entsprechung: Geh’ma mal a bisserl unter. Wenn ich an den Beitritt der Türkei zur EU und an den merkwürdigen Bestemm der österreichischen Regierung dagegen denke, bleibt mir nur der Schluss: Die Österreicher können kein Englisch. „Inse middle ofse train ser is no more restaurant car.“

Die Fahrdienstleiter an der Spitze der Republik, das offenbart die Debatte um die Bundeshymne in schöner Unschuld, wissen nicht, wohin es geht. Endstation, alles aussteigen. Das ehrliche Wort kommt nicht über ihre Lippen.

Hans Fraeulin

Graz, am 2.10.05

Noch nicht Vollmond, aber Landtagswahl. Entschlossene Gesichter gehen am Zaun vorbei, der jüngste vom Nachbarn mit Zorn im Gesicht voran. Weil er nicht hat wählen dürfen? La rue, die Ruhe, tröste ich ihn von fern, ich doch auch nicht. Europa ist weit und Österreich von dort betrachtet ein Loch. Mir wird schwarz und grottenschlecht, aber ich weiß was dagegen und pfeife im Dunkeln eine lustige Melodie zum Sonntag. Un jour, il me prit l’envie. Eines Tages hatt’ ich Lust – das Lied eines Deserteurs aus den napoleonischen Kriegen. Download

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