Hans

Erster Vollmondbrief

Stille Nacht, Graz!

Wenn der Obmann der IG Kultur Steiermark im Publikum der freien Szene 100.000 Köpfe gezählt haben will, wird er hoffentlich nicht die 46.000 Passanten eingerechnet haben, welche der vom Pick-up Theater bespielten Bloomsday-Linie 100 nachschauten. Zuschauerzahlen herzunehmen, um etablierte Theater gegen weniger etablierte Theater aufzurechnen, war bereits in den 70ern passé, als erstmals eine kommunale Förderung der kleinen Theater anstand. Daraus Leistungsmerkmale abzuleiten, ist, wie das genannte Beispiel deutlich macht, absurd. Wie auch immer, die Bühnen Graz haben den Auftrag, dass wir in dieser Stadt jeden Abend ins Theater gehen können. Das nützt der ganzen Branche, auch dem Kino, zu wissen, dass wir in einer Stadt leben, in der wir uns intelligenter unterhalten können als allein vor der Glotze. Es ist nun einmal teuer, den Betrieb in zwei Barocktempeln aufrecht zu erhalten, hat aber den großen Vorteil, dass alle, die auf der Klaviatur des deutschsprachigen Stadttheaters spielen können, sich überall gleich zurecht finden, wenn diese Strukturen lokale Kulturpolitiker nicht mutwillig kaputt gemacht haben. Kulturstadtrat Buchmann ist auf dem besten Wege dazu. Erst verjagt er die besten Kräfte, organisiert dann mit der Holding ein Schiff, bei dem der Zahlmeister Kapitän ist und verteuert den Betrieb durch die Einstellung von Buchhaltern als Geschäftsführer für GmbHs, welche erst einmal Mindestkörperschaftsteuer zahlen müssen, ohne einen Cent verdient zu haben.

Die freien Theater werden nicht deshalb frei genannt, weil sie keine Geldsorgen haben, sondern weil sie keinen Auftrag haben. Sie können spielen, was, wann und wo sie wollen. „Theater muss wie Fußball sein“, heißt der Titel eines Rotbuchs, das ich noch von früher im Regal habe. Damals forderten wir aber auch, das städtische Budget für freies Theater selber verwalten zu dürfen. Damit wurde München zu einer Theaterhauptstadt über 30 Jahre, bis ein neuer Kulturstadtrat kam und meinte, dass er als Herr Nidda-Rümmelin das Geld besser verteilen könne. Nach nicht einem Jahr machten in München sechs renommierte Bühnen pleite.

Selbstverwaltung kommt heute beim Obmann der IG-Kultur Steiermark nicht mehr vor. Er vertraut auf die Entscheidungskraft von Fachbeiräten, welche nach „sehr differenzierten Kriterien“, wie es in einem Bericht an den Kulturausschuss heißt, die „Qualität“ eines Theaters beurteilen sollen. Dazu meinte der Chefdramaturg der Berliner Volksbühne vor kurzem im Radio, sie würden gar nicht mehr Theater spielen, sondern alles sei echt wie im Leben. Sogar der Kartoffelsalat, auf dem die Akteure jeden Abend auf der Bühne ausrutschen, sei echt. „1a Qualität aus der Kantine“, möchte man den Qualitätsverfechtern zurufen. Das ist im Grunde alles Quatsch. Der fängt bei „Schön sprechen“ an und hört anscheinend nimmer auf.

Subvention, habe ich in Finanzwissenschaften gelernt, ist eine Zuwendung zur Abwehr existentieller Not. Würden hierzulande alle Kultur- und Fachbeiräte, Kulturbeamte und Kulturpolitiker jeden Abend ins Theater gehen und Eintrittsgeld bezahlen, bräuchten die Theaterleute viel weniger um Subventionen zu betteln. Das Missverhältnis ist augenfällig. Wären all die hierzulande mit der Verwaltung von Kunst und Theater beschäftigten Leute mangels Beschäftigung gezwungen, selber Kunst und Theater zu machen, wie reich könnte das Kulturleben in Graz sein. Das ist jetzt natürlich polemisch und wird gestrichen.

Viel schlimmer ist, dass Graz nicht mehr vorkommt. Bei den Lesern, die sich auf der Höhe der deutschen Wochenzeitungsinstitution DIE ZEIT befinden, kommt Graz nicht mehr vor. Zwei Seiten Programme deutschsprachiger Bühnen jede Woche, Ausstellungen und Galerien, Wien, Linz, Innsbruck, Klagenfurt... Graz gibt es nicht mehr. Im letzten Supplement Kulturfestivalsommer Europa je zwei Seiten zunächst Bloomsday, dann Wiener Festwochen, Salzburger und Bregenzer Festspiele, auf der vorletzten Seite im Kleinanzeigen-Flohmarkt: „Besuchen Sie die styriarte...“

Die splendide Isolation hinter Stainach-Irdning hat schlimme Folgen, allein wenn ich an den künstlerischen Nachwuchs denke, der hier alljährlich von der Kunstuniversität ausgespuckt wird. Graz? Ach ja. Wollte immer schon mal in die Schweiz. Das mag sich mit dem Kulturjahr geändert haben. Aber die Welt ist vergesslich.

Ich liebe das Chaos. Das aufgebauschte Gremiendurcheinander à la Buchmann ist mir ein Fest, dessen letales Ende ich mir täglich zu meinem Vergnügen ausmale. Erst kürzlich war für Künstler sechs Stunden Reden über Kunst angesagt, um vielleicht eine halbe Stunde Kunst machen zu dürfen. So hätte also der Ständestaat funktionieren sollen. Stillstand von Wirtschaft und Kultur durch ihre Berater, Lähmung der Öffentlichen Hand. Dass nun auch die Volksschulen dran glauben müssen, geht mir aber zu weit. Kein Geld mehr für die Volksschule auf der Ries mit dem nach Bullerbü abenteuerlichsten Schulweg zu haben und derweil dem Steirischen Herbst ein Vielfaches an Zucker ins Rektum zu blasen, desavouiert die zeitgenössische Kunst. So viel Torheit ist beschämend. Ich habe die Verantwortlichen darauf aufmerksam gemacht. Sie dümpeln dahin. Vielleicht kommt jetzt jemand von ihnen in Fahrt.

Graz, am 13.1.05

Hans Fraeulin

PS: Die Reaktion von Stadtrat Christian Buchmann, zuständig für Wirtschaft und Kultur in Graz, war von selten hilfloser Chuzpe:

Lieber Herr Fraeulin!
Ist schon wieder Vollmond?
Ihr
Christian Buchmann

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