Hans

23. 7. 2006

Helfried Edlinger 1948 – 2006

Was ich auf seiner Beerdigung von seinen Freundinnen und Freunden und seiner Frau erfahren habe, war dreimal mehr als ich als Kollege bei den Grazer Bühnen erfahren habe. Er spielte Rock’n Roll in der Mur-Mürz-Furche, wie die Geografen und Wirtschaftler zu seiner Herkunft sagen, wurde anständiger Schauspieler an der in Graz dafür vorgesehenen Hochschule, hat wohl seinen heiligen Zorn immer bewahrt, den er zuletzt gegen die „deutschen“ Regisseure richtete. Ich bin so einer. Als ich ihn unterwegs zu Wolfgang Bauers Begräbnis zufällig traf, deutete er auf seinen Kehlkopf und sagte nur Schluss-Aus-Feierabend. Über die hiesigen Krankenanstalten, durch die mein Weg mich damals führte, habe ich einiges in meinem PC gebunkert. Das war vor einem Jahr und soll nicht hierher, sondern die Erinnerung an einen famosen Kollegen aus meiner Assistentenzeit am Grazer Schauspielhaus, wo er mir als absoluter Professional begegnet ist, souverän wohl auch als der Ritter von der traurigen Gestalt, den Mann von La Mancha, den er im Grazer Opernhaus allabendlich vor 1300 Leuten gegeben hat. Was in ihm vorgegangen ist an solchen Abenden, kann ich als Bettelmusikant aus der deutschen Folk-Szene nicht ermessen, höchstens den Schauder, der mich überkam, wenn ich selber über diese Bretter gehen musste. Edi hat das immer souverän gemeistert, unsere Souffleuse sich in ihrer Trauerrede an keinen Hänger erinnern können. Das Feeling, so hieß auch seine Rockgruppe, hat er sich immer bewahrt. Wenn du vor so vielen Leuten stehst, darfst du nicht in die Hosen scheißen, sondern bist so wie bei dir zu Hause oder bei Wolfi Bauers fröhlichem Morgen beim Friseur oder in seiner, unserer Kantine, die Bauer ja auch auf die Bühne gewuchtet hat. Und da war Helfried Edlinger Meister seines Fachs wie Buster Keaton, der Mann, der niemals lachte, wie Rudi Carell, auch Professional und auch jetzt gestorben, der einmal in Ö1 auf den fehlenden Humor in Deutschland angesprochen wurde und als Holländer gleich die Antwort wusste: Hättet Ihr nicht die Juden vertrieben und umgebracht, hättet ihr noch Humor.

Edi hatte das kostbare Stück aus der Mur-Mürz-Furche, wo es ja auch Judenburg heißt, in Herz und Hirn aufbewahren können. Das blitzte dann angelegentlich durch. Aber sonst war er cool, warum? Auf Edi’s Humor musste man erst kommen. In diesem Lande leben wir – wie Fremdlinge im eigenen Haus. Ich habe dafür ein paar Kilometer mehr gebraucht als Edi, spielt aber keine Rolle. Sein letzter Weg war mir wichtig. Ich habe in die angstvollen Gesichter aus seinem Ensemble gesehen. Da wurde mir das alles noch mehr wichtig. Da fragte nicht nur ich mich in dem Augenblick vor seinem Grab, warum sind wir auf der Welt?

Er ist nicht viel älter geworden als ich. Überstehen wir die Zeit.

Hans Fraeulin