Hans

Bloomsday 100 in Graz

Wirkungen und Nebenwirkungen
2. Bericht des Obmanns

Rekordverdächtig

Das Weltkulturereignis Bloomsday 100 hatte auch in Graz einige Superlative vorzuweisen. 8 ½ Stunden ohne Pause dauerte unser Spektakel. Damit wurde der bisherige Rekord, Goethes Faust ungekürzt auf die Bühne zu bringen, um eine halbe Stunde übertroffen. Unsere Bühne war 6km breit und damit die größte der Welt. Sie reichte vom Hauptbahnhof bis zum allgemeinen Landeskrankenhaus. Etwa 45.000 Menschen säumten die Straßen auf der Route der Bloomsday-Tramway-Linie 100, welche vom Publikum eifrig frequentiert wurde.

Vier Stunden lasen Peter Uray und Tessa Gasser den Fahrgästen aus dem Ulysses vor, gegen das Quietschen in den Kurven und zugestiegene Straßenmusikanten tapfer ankämpfend. Das verdient einen Eintrag in das Buch der Rekorde. Anerkennung verdienen auch die Grazer Verkehrsbetriebe, die sich in der Lage zeigten, eine ganze Trauergemeinde mit Sarg und Blaskapelle zum Friedhof zu führen.

Da es in Graz keine zeitgemäße Kulturförderung gibt, mussten wir auf mittelalterliche Methoden der Geldbeschaffung zurückgreifen. Die Einnahmen aus der Publikumswette beim Kettensprengen und dem Absammeln während der Feuerspucknummer erfüllten die geringen Erwartungen. Sensationell aber die Rendite von 2000% aus dem Geschirrverkauf. Damit wurde der Grazer Bürgermeister, der bekanntlich in der vornehmen Herrengasse ein nobles Porzellangeschäft besitzt, vom Casse-vaisselle weit in den Schatten gestellt. Eine solche Rendite dürfte auch weltweit seit der Kolonialzeit, als es gelang Glasperlen gegen Rohdiamanten zu tauschen, nicht mehr erzielt worden sein. Damit haben wir gegenüber der Grazer Wirtschaft, welche sich anmaßt, sich in Kulturbelange einzumischen, Kompetenz auch in ihren eigenen Angelegenheiten bewiesen.

Das Pick-up Theater, welches zuvor unter den widrigsten Umständen für das Weltereignis proben musste, erwies sich am großen Tag Rundfunk und Fernsehen haushoch überlegen. Am Bloomsday-Quiz nahmen doppelt so viele Menschen teil wie an einer Millionenshow. Die Fragen waren weitaus anspruchsvoller als beim Ö1-Kulturquiz, wurden alle richtig beantwortet und es gab mehr und wertvollere Preise zu gewinnen. Die Publikumswette wurde mit denkbar geringem Personalaufwand gewonnen. Eva Malischnik gelang es ganz allein, eine Kette, mit der normalerweise Stiere zur Schlachtbank geführt werden, im dritten Anlauf zu sprengen. Das schwächste Glied der Kette kann ab sofort gegen Höchstgebot als Andenken erworben werden.

Gesamtleistung

Bevor mir mit weiteren Superlativen die Sprache ausgeht, serviere ich lieber harte Zahlen und Fakten. Gemessen an unseren letzten oder ortsüblichen Gagen, an den Tarifen für Facharbeiter und Ziviltechniker sowie an den vom Finanzminister steuerfrei gestellten Richtsätzen für Spesen und den Angeboten der örtlichen Wirtschaft erzielte das Pick-up Theater mit dem einmaligen Weltereignis Bloomsday 100 in Graz eine Wertschöpfung von 328.116 EUR. An Vorleistungen wurden – die Planungen reichen bis zum Oktober 2002 zurück – 67.805 EUR erbracht. Als Eigenleistungen haben die hauptverantwortlich kreativen Kräfte wie im europäischen Filmgeschäft üblich die Hälfte der Gage eingebracht. Das sind 47.350 EUR. Da es keine nennenswerte finanzielle Förderung gab und wir Fachkräfte nicht bezahlen konnten, mussten alle Vereins- und Familienmitglieder sowie die Nachbarschaft auf vielen Positionen aushelfen. Bloomsday 100 in Graz war nur möglich, weil alle Mitwirkenden vorerst unentgeltlich gearbeitet haben und bisher nicht einmal ihre Auslagen ersetzt bekamen. Allen gilt mein tief empfundener Dank.

Ergebnis und Planung

Geplant waren Ereignisse in der Stadt, welche mit 397.000 EUR veranschlagt waren, uns aber letzten Endes 424.000 EUR gekostet hätten. Es tröstet mich keineswegs, dass wir anhand der Zahlen ersichtlich das meiste verwirklichen konnten, was wir uns bei immer größer werdendem Risiko zu wagen trauten. Besonders Leid tut es mir um die Schafherde, welche wir in die Redaktion des katholischen Tagblatts treiben wollten. Begründung: „Wir wollen auch beim Vorteilsclub zum 100. Geburtstag der Kleinen Zeitung dabei sein.“

Dort waren die Verantwortlichen von der violetten Fraktion nach unserem Bloomsday-Angebot mit einem vorzeitigen und verregneten Event an den Wörthersee geflüchtet. Kurz, sie stellten sich gegen Leopold Bloom, den Schutzpatron aller Zeitungsleute und der Werbewirtschaft. Die steirische Werbewirtschaft flüchtete sich ebenfalls in eine denkbar wirkungslose, ja sogar abschreckende, auf jeden Fall sündteure Werbekampagne in eigener Sache. Die Folgen für uns: Statt des witzigen Trailers, den Felix aus dem Videomaterial vom 99. Bloomsday in Dublin zusammengestellt hatte, lief die Selbstbeweihräucherung der hiesigen Werbeagenturen mit furchterregend animierten Schlangen auf den Info-Screens in der Straßenbahn und dokumentierte damit die eigene Provinzialität. Auch in den Kinos konnte der Bloomsday-100-Trailer nicht gespielt werden. Es stellte sich heraus, dass sie sich die während des Diagonale-Filmfestivals eingesetzten Beamers und PCs vom Veranstalter nur ausgeliehen hatten.

Zum Erbarmen

Die Kulturpolitiker von Stadt und Land auf einen kurzen Nenner gebracht: Sie taugten nicht einmal zum Sargträger. Das wurde an Bloomsday 100 evident. Die vom Kulturstadtrat mühevoll eingesetzten Fachbeiräte schoben die Causa im Kreis. Weder Theater, noch Literatur, noch Film, nicht einmal der Rat für Interdisziplinäres befand sich zuständig. Weg damit!, mit diesen Beiräten. Macht Beiried aus ihnen, wenn sie sich nicht trollen. Der B-Day 100 war sowohl als auch als auch als auch. Wer sich für unzuständig erklärt, ist für die Fisch’. Den Vogel schoss aber unsere Landesmutter und Kulturreferentin für die ganze Steiermark ab. Ausdrücklich vom Kulturamt aufgefordert, schickte ich dasselbe Ansuchen auch der Herrin über den Kulturschilling. Anstatt mein Ansuchen von der Kulturabteilung bearbeiten zu lassen, forderte sie alle Dichterlinge des Landes über die Presse auf, die veraltete Landeshymne umzudichten. Mein Rat, den Humbug mit den Landeshymnen endlich in die Archive zu verbannen, wurde nicht gehört. Kunstschaffende, welche bei mir hohes Ansehen genossen, outeten sich als miserable Reimschmiede und noch schlechtere Satiriker.

Ressourcen

In erster Linie Geldmangel ist dafür verantwortlich zu machen, dass unsere Aufrufe verhallten. Bereits ein Jahr zuvor baten wir die schreibende Zunft um Beiträge zum B-Day 100 mit drei Rückmeldungen. Zwei konnten sich hervorragend in das Projekt einbringen: Martin Krusche, der gleich eine Website einrichtete, und Hermann Hendrich, der vom B-Day 100 bereits eine DVD produziert hat. Ein weiterer Aufruf, in der Tram aus eigenen Werken vorzulesen, wurde von allen ignoriert. Das liegt vielleicht auch an einem kriminellen Server, der allen Beteiligten am System suggeriert, ein offener Kulturserver zu sein, in Wirklichkeit seine Klientel von wichtigen Informationen fern hält. Mafia, Closed Shop, mehr ist dazu nicht zu sagen. Eigentlich ein Fall für den Medienstaatsanwalt. Den gibt’s noch nicht. Die Adresse des Servers: mur.at. Ein letzter Aufruf an die freien Theatergruppen erbrachte keine Rückmeldung. Dem Impact-Theater von Michael Wrentschur, einem ersten Schüler von mir, hätte ich Theater im öffentlichen Raum zumuten können. Er zog es jedoch vor, seine abgefilmten öffentlichen Frühstücke noch einmal im trauten Kreis des Forum Stadtpark zu präsentieren. Der B-Day 100 machte offenbar, dass auch die hiesige freie Theaterszene nicht einmal zum Sargträger taugt.

Zwischenfälle

Eine kleine Irrfahrt ergab sich auf der Suche nach der Lautsprecheranlage, welche uns die Grünen zur Verfügung gestellt hatten. Leider hatten wir dann keine Zeit sie auszupacken. Nachdem die Punks vom Hauptplatz weggeekelt worden waren, machten sich sofort die Grazer Burschenschaften breit, um sich dort im Sinne des Nazi-Verbotsgesetzes wiederzubetätigen. Sie forderten die Untersteiermark, heute Slowenien, für die „Deutschen“ zurück und machten mich an, weil ich einen britischen Stahlhelm trug. Nachdem mir bekundet wurde, lieber einen Stahlhelm der Wehrmacht tragen zu wollen, rief ich die Polizei, welche bei meiner Rückkehr vor dem Stand der Nazis Maulaffen feilhielt. Am nächsten Tag waren die Nazi-Schlitzer immer noch da – mit aperen Käppis. Im Rathaus tagte der Gemeinderat. Nachdem ich der Polizei mit dem Abheizen deren Hütte gedroht hatte, sollten die Neonazis auch am Freitag noch am Hauptplatz stehen, waren sie weg.

Fazit:

Kann noch nicht gezogen werden. B-Day 100 ist weder politisch noch finanziell ausgestanden, die Aufräumungsarbeiten auch noch nicht abgeschlossen. Inzwischen sind einige Institutionen wach geworden und bieten Unterstützung an. Wollen sehen. Ich berichte weiter.

 

Graz, 5.7.04

Hans Fraeulin

Obmann

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