Hans

Bloomsday 100 in Graz

Erinnerungen an eine europäische Stadt
Ein Multimedia-Projekt des Pick-up Theaters

Bloomsday

Die Odyssee des Homer dauerte zehn Jahre. Wie lange dauerte die Odyssee des James Joyce? – einen Tag! Als Schauplatz für seinen „Ulysses“ wählte Joyce Dublin, als Datum den 16.Juni 1904, wenig später als Bloomsday hauptsächlich dort gefeiert, wohin Menschen aus Irland einst emigrierten, meistens mit großen kulturellen oder sportlichen Ereignissen. Zum 100. gab es auch in vielen Städten auf dem alten Kontinent Lesungen, Konzerte, Aufführungen und der Dubliner Irrfahrt nachempfundene Stadtspaziergänge.

Dublin – Graz

Joyce’ Ehrgeiz bestand nach eigenem Bekunden darin, sein Dublin so genau zu beschreiben, dass es anhand seines Buches wieder originalgetreu aufgebaut werden könnte, falls die Stadt zerstört würde. Bei der Suche nach vergleichbaren Schauplätzen stieß das Pick-up Theater auf zahlreiche geografische und historische Parallelen beider Städte mit einem reichen kulturellen Erbe, aber auch auf bedeutende Unterschiede. Während Graz nach seinem Jahr als Kulturhauptstadt Europas wieder in seine marginale Rolle zurückfiel, erlebten wir auf unserer Forschungsreise zum 99. Bloomsday die irische Hauptstadt als selbstbewusste Metropole im europäischen Kontext. Einen bedeutenden Beitrag zum weltweiten Bloomsday Centenary zu liefern schien uns am besten geeignet, Graz vor dem drohenden Vergessen zu bewahren.

Handicaps

Mit drei Stunden Videomaterial und Hunderten Fotos aus Dublin versuchten wir Bekannte, Werbetreibende und befreundete Kunstschaffende für unser Bloomsday-Vorhaben zu begeistern. Gerade neun hatten bis dahin eine Ahnung davon. Das Echo unserer Aufrufe war spärlich. Martin Krusche richtete uns eine Website ein: www.kultur.at/bloom welche fortan über die Entwicklung des Projekts berichtete und einlangende Beiträge veröffentlichte. Auf Sponsoren und auf eine Projektförderung der öffentlichen Hand hofften wir vergeblich, gaben aber nicht auf.

Planung und Durchführung

Wem gehört die Stadt? Dem Autoverkehr hat sich das übrige öffentliche Leben unterzuordnen. Wir planten daher Ereignisse, wie sie im Ulysses geschildert werden und heute selten im Stadtbild vorkommen. Geldmangel zwang uns zu immer neuen Überlegungen. Das Ensemble hielt zusammen. Hervorzuheben die gute Zusammenarbeit mit dem Grazer Tramway-Museum und dem Bild- und Tonarchiv des Landes. Mit der Bloomsday-Linie 100 waren wir vier Stunden lang unübersehbar in der Stadt präsent. Peter Uray und Tessa Gasser lasen ununterbrochen den Fahrgästen aus dem Ulysses vor. Gelegentlich stiegen Straßenmusikanten zu, auf der letzten Fahrt eine Trauergemeinde mit Blaskapelle und Sarg. Der Spielort vor dem LKH war ideal, um Leben und Sterben in Graz auf kurzen Wegen darstellen zu können. Der Trauerzug wechselte mehrfach seine Identität. Erst schritt eine Schwerkranke mit Würde ins Spital, um dort zu sterben. Den Sarg trug die Verwandtschaft hinterher. Danach wurde Paddy Dignam auf dem nahe gelegenen Friedhof beerdigt. Alsdann gelang die Wiedererweckung von Tim Finnegan. Leichenschmaus lieferte der Grieche ums Eck. Mit Kettensprengen, Feuerspucken und Geschirrverkauf zeigten wir, wie das fahrende Volk früher zu Geld kam. Es gab ein Bloomsday-Quiz mit schönen Preisen. Höhepunkt: der Schlussmonolog der Molly Bloom auf unserer Wanderbühne. Der Abend klang aus mit Stummfilmen aus dem Graz der 20er Jahre.

Medien

Das Spektakel lieferte über 8 ½ Stunden unvergessliche Bilder, welche von zwei Digitalvideo-Einheiten und zwei Fotografen festgehalten wurden. Anhand einer rasch gebrannten DVD lässt sich ein erster Überblick aus literarischer Sicht gewinnen. Mit der für ICHIM 04 Berlin kreierten DVD wollen wir die Geschichte und Philosophie von Graz herausarbeiten. Mit einem kurzen Trailer hoffen wir den Mobilitätspreis des Verkehrsclub Österreichs, für den wir nominiert wurden, zu gewinnen und schließlich einen unterhaltsamen Film gestalten, der auch auf Festivals bestehen kann.

Graz, 7.8.04

Hans Fraeulin

Bloomsday 100
3. Bericht des Obmanns
ICHIM04Berlin

Bloomsday 100

Die vom größten Museum der Welt veranstaltete Konferenz über Kulturelles Erbe und Medien, ICHIM, fand heuer ausnahmsweise nicht im Pariser Louvre, sondern erstmals im Haus der Kulturen der Welt in Berlin statt. Das Pick-up Theater hatte die Ehre, mit Bloomsday 100 in Graz einen ungewöhnlichen Zugang zur eigenen Stadtgeschichte und –philosophie zu präsentieren. Dazu stellte Felix während der Zugfahrt aus 8 ½ Stunden Videomaterial ein fünfminütiges Video zusammen, das vor Ort zu beeindrucken wusste. Aus meinen und Wenzel Mrazeks Fotos konnte ich mit Power Point die Hintergründe erläutern und mit einem Streifzug durch die Google-Welt die Bedeutung von Bloomsday für Graz und andere Städte herausstreichen. Zurzeit liegen wir im Ranking wieder an zehnter Stelle von 225.000 Einträgen zu Bloomsday. Auch Wikipedia, eine weltweite Enzyklopädie, vermerkt den Grazer Bloomsday auf ihrer deutschsprachigen Site. Ruhm und Ehre zuhauf, korreliert derweil negativ zur Grazer Kulturpolitik.

Bloomsday 100

Etwa sechsmal haben wir alles ablaufen lassen, Video, Power Point und Websurfing, zweimal in Deutsch, zweimal in Französisch und zweimal in Englisch. Am Ende waren wir alle ziemlich durcheinander.

Bloomsday 100

Graz war zweimal auf der ICHIM04Berlin vertreten, nämlich darüber hinaus mit der nachts lebendigen Fassade des Kunsthauses, welche von einer Berliner Firma konzipiert und von den Pichler-Werken hergestellt wurde. Joanneum Research präsentierte zusammen mit holländischen Partnern eindrucksvoll, wie frühes Fernsehen für Wissenschaft und Lehre leicht zugänglich gemacht werden kann. Und da war noch eine Wienerin, welche für eine Zürcher Firma gelungene Websites für Museen und Ausstellungen präsentierte. So weit die Teilnahme aus Österreich. Norbert Kanter von den Transfusionen, der die ICHIM nach Berlin geholt hatte, bemerkte stolz, dass diesmal über 40 Institutionen aus dem deutschsprachigen Raum teilgenommen hätten. Letztes Jahr in Paris, als ich das Grazer Kindermuseum vorstellte, waren wir nur zu viert. Als Konferenzsprachen dominierten weiter Französisch und Englisch. Für Simultanübersetzungen in Deutsch hat leider das Geld nicht gereicht. Felix entschloss sich, Französisch als Freifach zu belegen.

Bloomsday 100

Sebastian Sauer von den Ion2s zeigte uns seine Fortschritte, das Kinderspielbild von Pieter Breughel aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien lebendig zu machen. Das soll bald eine Sensation für das Grazer Kindermuseum Frida und Fred werden, wenn man uns lässt. Die Contents Co Ltd von Hiroshi Ono aus Kioto wusste mit hochaufgelösten Schlachtengemälden, die zudem noch animiert waren, zu beeindrucken. Felix interessierte sich vor allem für ein Museum für Computerspiele, das demnächst in Berlin eine neue Bleibe bekommen soll. Anhand der Vorträge können wir Computerspiele besser einordnen und unterscheiden nun zwischen Flipper-, Gleichgewichts- und Urprinzip. Sonstiges Feedback wurde mit T-Shirts belohnt.

Bloomsday 100

Eine Sonderausstellung der SARLE, einer Vereinigung elektronischer Labors wusste mit flimmernden Teppichen, magischen Dia-Vorträgen und von eigener Hand ferngesteuerten Postkartenarrangements auf dem Bildschirm zu beeindrucken. Exklusiv für uns hat Sebastian über einen Schulfreund eine Besichtigung der Berliner Unterwelten organisiert. Über das Leben im Luftschutzbunker wissen wir dank Holger nun genau so gut Bescheid wie die Produzenten des neuen Hitler-Films, die sich bei ihm Ezzes holten – nicht zuletzt die Erkenntnis, dass damals Berlin die einzige Stadt war, in der mit der U-Bahn von der Ost- zur Westfront gefahren werden konnte.

Graz, 7.9.04

Hans Fraeulin

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