Hans

27. 8. 2005

Wolfgang Bauer 1941-2005

Es war meine vierzehnte oder fünfzehnte Inszenierung und eigentlich Martin Kusejs Idee, sie am Tatort zu inszenieren, als ich zum ersten Mal Schiss bekam, wortwörtlich. Von der Generalprobe habe ich vielleicht sechs oder sieben Minuten vom Tod des Herrn Ingenieur Leo Habernik aus Linz von Wolfgang Bauer mitbekommen, weil ich vom Scheißhaus beim Steffelbauer vor Angst und Kälte zitternd nicht runterkam. Ich hatte Angst, dass keiner auf die Hebalm kommt und Wolfgang Bauer mit mir und den so genannten engagierten Laien von der Kritik als trivial abgetan werden, und dann erst recht keiner kommt. Dabei hatten wir uns wirklich Mühe gegeben, so trivial wie möglich zu sein. Trivial bedeutet ja nicht nachlässig oder billig, sondern für alle Beteiligten, den Zufall so sorgfältig zu spielen und zu inszenieren, dass er wie ein Zufall erlebt werden kann. Dazu war erst einmal ein Schneesturm zu inszenieren, nachdem die Leute mit dem Bus auf die Alm gekarrt werden sollten. Ein Fenster wird aufgestoßen, ein Gendarm und ein Geistlicher schaffen einen ans Kreuz gefesselten Teufel herein und stellen ihn in die Ecke… Hoffentlich glaubt uns das einer, zitterte ich auf dem Klo und ging noch einmal das Schneesturm-Team durch, das draußen für die Hölle verantwortlich war. Einer hatte beim Schneeschaufeln in den Ventilator bereits eine Fingerkuppe eingebüßt. Der Kaplan hatte sich an den Schnaps vom Steffelbauern und an seinen Gipsarm inzwischen gewöhnt. Ich werde das alles irgendwann verfilmen, versprochen. Uns blieb nach allen Abenteuern mit diesem Stück der tiefe Respekt vor Wolfgang Bauer und dem, was die Rezensenten seinen fantastischen Realismus nennen, von dem er sich angeblich mehr und mehr entfernt haben soll. Realitätsverweigerung, das Wort ist noch nicht in den Rezensionen vorgekommen – Bevor es zu diesem Verdikt gekommen wäre, ist Wolfgang Bauer keine zwei Kilometer von mir weg gestorben.

Ich arbeitete zufällig im selben Haus, als er dort seinen fröhlichen Morgen beim Friseur und unsere Kantine inszenierte. Das Grazer Schauspielhaus gab sein Bestes. Aber es war nicht zu übersehen, dass es saniert gehörte. Café Tamagotchi konnte ich nicht, Foyer wollte ich mir nicht mehr anschauen. Da lag der Fehler im Konzept und war schon von weitem auszumachen. Es hätte, um glaubwürdig zu sein, im Foyer des Schauspielhauses inszeniert werden müssen und keinesfalls von einem 24jährigen gespielt werden dürfen, der einen siebzigjährigen Schriftsteller vorgibt zu sein. Er soll ganz gut gespielt haben. Aber ich wusste, dass eine solche Inszenierung einer vorzeitigen Beerdigung des Autors gleich kam. Wolfgang Bauer nahm das fröhlich hin. Er genoss es, seinem eigenen Begräbnis zuschauen zu dürfen, vielmehr seiner eigenen Verwurstung. Die Worte und Anweisungen dazu geliefert zu haben wird dieser geniale Schelm in die Theatergeschichte eingehen.

Hans Fraeulin.

Aktueller Link:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Bauer_(Schriftsteller)